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Die deutschen Schicksale des Hauses Romanow

Archivmeldung vom 23.02.2013

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 23.02.2013 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
Russische Zarenfamilie, 1913
Russische Zarenfamilie, 1913

Lizenz: Public domain
Die Originaldatei ist hier zu finden.

In Europa wird die Dynastie Romanow oft als russisch-deutsch bezeichnet. Beginnend mit 1725 stellten die russischen Herrscher zu den bedeutendsten Häusern Deutschlands wie Holstein-Gottorf, Hohenzollern, Hessen-Darmstadt u. a. allmählich verwandtschaftliche Beziehungen her. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jhs. heirateten die russischen Kaiser ausschließlich deutsche Prinzessinnen, was sie mit diplomatischen Gründen, aber auch mit denpersönlichen Eigenschaften ihrer Auserkorenen erklärten.

Alexandra Dibischewa schreibt bei Radio "Stimme Russlands" über die deutschen Schicksale des Hauses Romanow: "Die Politik der dynastischen Heiratsbeziehungen wurde von Peter I. gestartet: 1725 heiratete seine Tochter Anna den Herzog Karl Friedrich und wurde dadurch zum Mitglied der Familie von Holstein-Gottorf. Dies wurde zur Tradition, und die verwandtschaftlichen Beziehungen zu den regierenden Häusern Deutschlands wurden konsequent ausgebaut. Attraktiv für die Romanows waren die tadellosen Stammbäume der europäischen Familien, aber auch das Glaubensbekenntnis der Bräute spielte eine Rolle: Die Protestantinnen konvertierten problemlos zum orthodoxen Christentum. Im Katholizismus ist diese Möglichkeit praktisch ausgeschlossen. Eine Rolle spielte dabei auch die Erziehung der Prinzessinnen, meint der Historiker Jewgeni Ptschelow:

„Sie hatten eine deutsche Erziehung, die Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, Selbstdisziplin, eine gewisse Zurückhaltung, Bescheidenheit beinhaltete. Es waren durchaus ehrenwerte, gewissermaßen charakterfeste Frauen. Das prägte ihr weiteres Leben, ihren Charakter.“

Als sie nach Russland umsiedelte, wollte jede Kaiserin etwas Neues mitbringen. So hat die Frau von Nikolaus I., Alexandra Fjodorowna (geborene Prinzessin Friederike Luise Charlotte Wilhelmine von Preußen) führte die europäische Weihnachtsbaumtradition ein. Dabei wurden an den Feiertagen in den Winterpalast alle unabhängig von ihrem Dienstgrad zugelassen. Sie war es auch, die allgemeine Aufmerksamkeit auf das Theater gelenkt hat – nicht zufällig trägt das Alexandrinski-Theater ihren Namen. Ihr naher Freund war der Dichter Wassili Schukowski. Gemeinsam führten sie den russischen Leser an die deutsche Dichtung heran, die sie beide ausgezeichnet kannten. Eine weitere wichtige Besonderheit der russischen Monarchie wurde die Wohltätigkeit, sagt die Schriftstellerin Inna Sobolewa:

„Die Pflicht der Wohltätigkeit, und zwar eine Pflicht, keine Gemütsbewegung – das wurde von den deutschen Prinzessinnen eingeführt. Marija Fjodorowna (geborene Sophie Marie Dorothee Auguste Luise Prinzessin von Württemberg), die zweite Ehefrau Paul I., ist für ihre Wohltätigkeit berühmt. Das ist gerecht. Denn sogar bis zur Oktoberrevolution hat die Stiftung von Marija Fjodorowna viele karitative Einrichtungen – Krankenhäuser und Asyle finanziert. Sie ließ sich von ihrem Sohn jährlich eine Million Rubel für diese Zwecke geben. Damals war es eine Unsumme. Der Haushalt von Petersburg als Hauptstadt betrug knapp eine Million.“

Die deutschen Prinzessinnen lebten sich in dem für sie neuen Lande sehr schnell ein, betont Jewgeni Ptschelow:

„Das war ein gemeinsamer Kreis. Im Umgang miteinander kamen keine Probleme auf. Die ganze Kaiserfamilie sprach mehrere Fremdsprachen. Die Alltagskultur war eine gemeinsame, war die gleiche. Es gab eine gemeinsame Sphäre von Kenntnissen, Begriffen und Ethik. Sie hatten alles gemeinsam. Deshalb gab es kein unüberwindliches Hindernis, das eine Prinzessin von Hessen nicht russische Kaiserin werden ließe.“

Dabei waren die Kaiserinnen bemüht, nicht nur sich an das unterschiedliche Leben zu gewöhnen, sondern auch, es zu verstehen. Sie wollten echte russische Großfürstinnen werden, und das gelang ihnen auch weitgehend, sagt Inna Sobolewa:

„Alle waren von dem Moment ergriffen, als die Frau von Alexander I., Elisabeth Alexejewna (geborene Louise Marie Auguste von Baden) zum orthodoxen Christentum übertrat. Sie sprach ein sehr kompliziertes Gebet auf Russisch fehlerfrei. Das klang so innig, dass die Menschen in der Kirche vor Rührung weinten. Sie beherrschte Russisch wunderbar, besaß umfassende historische Kenntnisse. Ihr Lehrer war Karamsin. Er erzählte ihr viel von der Vergangenheit Russlands und verschaffte ihr einen Einblick in den Charakter der Russen, der ihr sehr zusagte.“

Einmal notierte die Kaiserin Alexandra Fjodorowna beim Aufenthalt in Moskau, kurz vor der Geburt ihres Sohnes, des künftigen Alexander II., in ihrem Tagebuch: „Als ich morgens erwachte, trat ich ans Fenster. Als ich das herrliche Panorama von Moskau erblickte, klopfte mir das Herz. Ich verstand Russland und wurde stolz darauf, ihm zu gehören.“

Quelle: Text Alexandra Dibischewa - „Stimme Russlands"

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