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Deutsche Schulen in Budapest

Archivmeldung vom 21.05.2021

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 21.05.2021 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Sanjo Babić
Deutsche Schulen in Budapest - Thomas Mann Gymnasium, ehemals Reichsdeutsche Schule Budapest
Deutsche Schulen in Budapest - Thomas Mann Gymnasium, ehemals Reichsdeutsche Schule Budapest

Foto: Author
Lizenz: GFDL
Die Originaldatei ist hier zu finden.

Während der Jahrhunderte wanderten Handwerker und Bauern, Bürger und Adlige, Geschäftsleute und Unternehmer aus den deutschsprachigen Ländern in die Baltischen Länder wie auch nach Polen, Rußland, ins Karpatenbecken, in den Balkan. Mit ihnen kamen die verschiedenen Kirchen, die nicht nur Kirchen, sondern auch Klöster und Schulen errichteten. Die deutschen Siedler spielten eine ziemlich große Rolle in der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung dieser Gegenden. Dies schreibt Guido Gäser in der ungarischen Zeitung "Ungarn Real", welcher vom Magazin "Unser Mitteleuropa" ins deutsche übersetzt wurde.

Göser weiter: "Die Gründung deutschsprachiger Schulen in diesem Teil Europas entsprach im Interesse der Deutschen bzw. der deutschsprachig Eingewanderten, die ihre Kinder in der Muttersprache unterrichten lassen wollten, als auch den anspruchsvolleren Schichten des gastgebenden Landes, für die die deutsche Sprache, die Kenntnis der deutschen Kultur, einbezogen Handel, Gewerbe, Geschäft, der Kontakt mit den deutschen Ländern sehr wichtig waren.

Die Reichsdeutsche Schule zu Budapest – RDS (1908–1944)

Die deutschen Schulen staatlicher Herkunft wurden erst nach Gründung des deutschen Kaiserreiches ins Leben gerufen. Die Reichsdeutsche Schule zu Budapest (RDS) bestand seit 1908 und schloß ihre Tore Ende 1944. Es ist ein großer Verdienst des Pastors der reformierten Gemeinde Richard Klar, den Gedanken der Schaffung einer deutschen Schule in die Tat umgesetzt zu haben. Er erwirkte im Jahr 1908 vom Kgl. Ung. Kultusministerium die Genehmigung zur Gründung einer deutschen Privatschule für Kinder reichsdeutscher Staatsangehörigkeit. Den Schulsaal stellte die reformierte Kirche in einem Raum des Gemeindehauses in .der Alkotmány utca 15 zur Verfügung. 1910 erfolgte die schriftliche Genehmigung der Schule durch den Kgl. Ung. Kultusminister Graf Zichy.

In den nächsten Jahren wurde die Schule ausgebaut. Die Schülerzahl war inzwischen auf 126 gestiegen – Mit Beginn des  Schuljahres 1917–18 konnten nun auch Kinder ungarischer Nationalität die Schule besuchen. Im Jahre 1921 kam zwischen dem damaligen deutschen Gesandten Graf Fürstenberg und dem Kultusminister Vass eine Vereinbarung zustande, der zufolge die RDS als vierklassige Grundschule und achtklassige Oberrealschule genehmigt wurde. Die Schülerzahl war bereits auf 400 gestiegen, die Klassenzimmer waren überfüllt. Da gelang es im Jahr 1924, das Gebäude in der Damjanich utca 4 zur alleinigen Verwendung für die Schule zu bekommen. Hauskauf und Reifeprüfung bedeuteten einen gewaltigen Schritt in der Aufwärtsentwicklung der RDS. Durch die Aufnahmen der lateinischen Sprache in den Lehrplan entspricht die Reifeprüfung den ungarischen Vorschriften und berechtigt die ungarische Schüler ohne weiteres zum Besuch der ungarischen Universitäten.

In den Jahren nach der Machtergreifung gab es insgesamt zwei Schulleiter: den sehr gemäßigten und liberalen Wilhelm Rettig, dem nichts fremder war, als Strenge oder Scharfmacherei, ein liebenswürdiger Pädagoge. Ihm folgte 1938 der für diesen Posten einzigartig befähigte Schulleiter Fritz Lange, ein Mann, der die besondere Lage und Rolle dieser Schule nicht nur sofort begriff, sondern die sich aus dieser Situation ergebenden, oft sehr schwierigen Aufgaben vorzüglich meisterte. Er war nicht nur ein mutiger und ungeheuer geschickter homo politicus, der mit seinen Taktiken die Obrigkeit überspielte, sondern ein prinzipientreuer Gegner jedweder inhumaner Bestrebungen. Am Nachmittag der Besetzung Ungarns von der Wehrmacht (19.03.1944, Sonntag) entschloss er sich dazu, den an der Schule noch immer anwesenden “nicht-arischen” Abiturienten durch eine vorzeitige Reifeprüfung den Abschluss des Schuljahres zu ermöglichen. Die Lehrer waren im großen und ganzen Kollaboranten bzw. verschwiegen sie vieles, was sie eigentlich, entsprechend den damaligen Verpflichtungen, den offiziellen Stellen hätten melden müssen.

Die Schule hielt ihren normalen Schulbetrieb bis 1944 aufrecht, natürlich wurde die Schule nach dem Einmarsch der roten Armee geschlossen.

Wer nur den Namen dieser Institution – Reichsdeutschen Schule – kennt, könnte sich ein Bild von einer vorgeschobenen Bastion der Nazi-Propanda vorstellen. Das war aber – gelinde gesagt – nicht der Fall. Ehemalige Schüler der RDS, Frau Marianne Rényi-Sarlós und Herr Peter Rényi berichteten am Ende der neunziger Jahre über ihre eigenen Erfahrungen. Sie besuchten die Schule in den Jahren 1933 bis 1944, also in der Zeit der Naziherrschaft und können dafür einstehen, daß diese Schule fortschrittlich und liberal war. Natürlich waren die deutschen Behörden der Nazipartei beflissen, ihren Einfluss geltend zu machen. Für ihre Unfähigkeit. ist ein typisches Beispiel, daß die HJ-Organisation innerhalb der Schule ein fast illegales Dasein führte.

Im übrigen gab es kaum Anzeichen der Naziideologie.

Die deutschstämmigen Schüler ausgenommen, wurden z.B. im Jahre 1943 bei der Reifeprüfung in Geschichte die Zeit nach der Machtergreifung Hitlers als Pflichtstoff nicht gefragt. Die Schule bewahrte, entgegen den Vorschriften im Hitlerdeutschland die Koedukation. Die meisten Lehrer vermieden alle Themen, bei denen sie den Standpunkt der Nazidiktatur vertreten hätten müssen.

Wie lässt sich dieses seltsame Phänomen erklären? Zu einem gewissen Teil spielten die Beziehungen zwischen Hitlerdeutschland und Horthy-Ungarn eine Rolle, deren Besonderheiten aus den Aufzeichnungen Veesenmayers bekannt sind. Das Konzept der Ungarnpolitik Veesenmayers war vom Standpunkt der Nazis aus sehr realistisch. Veesenmayer ging davon aus, dass das Regime Horthys günstige Gegebenheiten anbiete, auch wenn es mit dem System der Nazis in Deutschland nicht kongruent sei. Dementsprechend solle man es zwar schrittweise an das Hitlersche Modell annähern, aber im großen und ganzen durch die Politik Horthys geschaffene Struktur nicht verändern. Solange Horthy sich den Forderungen des deutschen Reiches füge, solle man die historisch entstandenen Realitäten zu Kenntnis nehmen. Nur wenn die Gefahr droht, dass Horthy “seinen Pflichten” nicht nachkomme, sollte man eingreifen, wie es ja am 19. März 1944 geschah, weiter am 15. Oktober desselben Jahres, als Horthy abgesetzt wurde und die Pfeilkreuzler unter Szálasi die Macht übernahmen.

Für die Vertreter Hitlerdeutschlands war eine der wichtigsten Bedingungen, die Kooperation in der Wirtschaft, vor allem, was die Versorgung Deutschlands mit Lebensmitteln betraf, andererseits die Zusammenarbeit bei der Herstellung von Waffen. Es wäre für die Nazis nicht ratsam gewesen, besonders was für die Ausrüstung des Militärs notwendig war, sich mit den Unternehmern zu überwerfen, die zu einem nicht geringen Teil assimilierte Juden waren. Nichts ist typischer, als die Übernahme der Manfred Weiss-Werke durch die Göring-Werke im Einvernehmen mit den Besitzern, die im Zusammenwirken soweit gedieh, daß die SS die Familie Weiss und andere Nobilitäten des Großkapitals 1944 in die Schweiz und nach Portugal ausfliegen ließ. Aber nach dem Einmarsch Deutschen Truppen im März 1944 wurde mit dieser “Koexistenz” Schluß gemacht.

Die Schülerschaft der RDS setzte sich aus sehr verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zusammen. Anfangs waren es Kinder bürgerlicher Familien deutscher und ungarischer Abstammung gehobenen Standes, Intellektuelle, Geschäftsleute, wohlhabendere schwäbische Landwirte aus der Umgebung von Budapest, Ansässige und Eingewanderte jüdischer Abstammung, von mosaischem Glauben und zum Christentum übergetreten. Weiterhin sind zu erwähnen die Kinder aristokratischer Familien, die traditionsweise deutsch gelernt hatten: ein ansehnlicher Teil rekrutierte sich aud den in Ungarn akkreditierten Diplomatenabkömmlingen und anderen Ausländern, die in Ungarn in verschiedenen Berufen tätig waren und anstatt der wenig verbreiteten ungarischen Sprache es vorzogen Deutsch zu lernen.

Diese Vielfalt der Nationen und gesellschaftlichen Gruppen hatte zur Folge, daß die Schule durch ganz besondere Toleranz und Offenheit geprägt war. Sowohl die Lehrer wie auch die Schüler mußten diese Vielartigkeit zur Kenntnis nehmen, wobei natürlich ausschlaggebende Bedeutung die Haltung, und die Persönlichkeit des Schuldirektors hatte.

Ein Dokumentarfilm von Gábor Zsigmond Papp: Die Schule des Reiches – A birodalom iskolája (2003) 


Nach der Wende, 1990 wurde wieder eine deutsche Schule, die Deutsche Schule in Budapest gegründet, die auf Traditionen bauen kann – das Erbe der Reichsdeutschen Schule zu Budapest – , die es wert sind fortgesetzt zu werden.

Die Deutsche Schule Budapest: Thomas-Mann-Gymnasium

Im Zuge der politischen Veränderungen Ende der 80iger und zu Beginn der 90iger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde ein Projekt zur Gründung einer Deutschen Schule in Budapest auf den Weg gebracht.

Im Rahmen eines Staatsbesuchs des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl im Sommer 1989 äußerte die ungarische Seite den Wunsch, eine deutsche Schule in Budapest einzurichten. Die deutsche Zusage erfolgte umgehend und so wurde bei der Verabschiedung des deutsch-ungarischen Kulturabkommens Anfang 1990 eine gemischte Expertenkommission für die weitere Planung dieses Projekts eingesetzt. Vor dem Hintergrund einer besonderen Beziehung zu den so genannten „Donauschwaben“ unterstützte auch der damalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg die Gründung einer Deutschen Schule in Budapest.

Die Schule wurde 1990 als deutsche Auslandschule in der Ausprägung einer ungarisch-deutschen Begegnungsschule mit bikulturellem Schulziel gegründet. Der Unterricht wird grundsätzlich nach deutschen Lehrplänen und in deutscher Sprache erteilt.

Zur Gründung der Schule wurde eine Stiftung ins Leben gerufen. Gründer der Stiftung waren die Bundesrepublik Deutschland, die Republik Ungarn, die Hauptstadt Budapest sowie das Land Baden-Württemberg. Mit der Gründung der Deutschen Schule Budapest wurde Anfang der 90iger Jahre des letzten Jahrhunderts ein umfassender Kooperationsprozess im Bildungsbereich beider Länder initiiert. Dazu gehören das Lehrerentsendeprogramm der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, Hochschulkooperationen unter Mitwirkung des DAAD sowie Bildungsprogramme des Goethe-Instituts.

Es ist unschwer festzustellen, dass die gegenwärtige Deutsche Schule Budapest, heute Thomas-Mann-Gymnasium genannt, an die Tradition der Reichsdeutschen Schule anknüpft; ungarische, deutsche, aber auch Schüler anderer Nationen werden gemeinsam unterrichtet, u. a. mit dem Ziel ihren Schülern humane Werte zu vermitteln.

Denn die ungarische, deutsche sowie europäische Geschichte hat Ungarn und Deutschland immer wieder zusammen geführt, um gemeinsame Projekte zum Wohle beider Länder auf den Weg zu bringen.

Nach der Projektarbeit einer Schülergruppe der Deutschen Schule Budapest, mit der Leitung ihres Deutschlehrers, Guido Göser, im Jahre 1997

Quelle: Unser Mitteleuropa

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