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„Dem Leben Form Geben“: Das Leopold Museum zeigt den „Designer unter den Bildhauern“ Franz Hagenauer

Archivmeldung vom 20.05.2022

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 20.05.2022 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Sanjo Babić
Franz Hubmann (1914–2007), Franz Hagenauer (1906–1986), Metallbildhauer Bild: Franz Hubmann / Imagno / picturedesk.com Fotograf: Franz Hubmann
Franz Hubmann (1914–2007), Franz Hagenauer (1906–1986), Metallbildhauer Bild: Franz Hubmann / Imagno / picturedesk.com Fotograf: Franz Hubmann

Die Ausstellung Geschäfte mit Kopien, eine der beiden neuen Sommerausstellungen im Leopold Museum, beleuchtet anhand der Geschichte des von Otto Schmidt (1849–1920) gegründeten „Fotografischen Kunstverlages“ die komplexen Bedingungen der Reproduktionsfotografie um 1900.

Otto Schmidt (1849–1920), Akt 3537, um 1900 Albuminpapier auf Untersatzkarton, Carte de cabinet (14 x 10 cm), Mila Palm, Wien  Bild: Mila Palm, Wien Fotograf: Mila Palm, Wien
Otto Schmidt (1849–1920), Akt 3537, um 1900 Albuminpapier auf Untersatzkarton, Carte de cabinet (14 x 10 cm), Mila Palm, Wien Bild: Mila Palm, Wien Fotograf: Mila Palm, Wien

Ebenso wie Otto Schmidt besuchte auch Franz Hagenauer (1906–1986) die fortschrittliche Kunstgewerbeschule in Wien. Seinem am Schnittpunkt von Kunsthandwerk und Bildhauerei zu verortendem Schaffen widmet das Leopold Museum eine umfassende Retrospektive. Insgesamt 170 Exponate sind zu sehen, darunter Werke aus allen Schaffensperioden des Metallbildhauers.

Die Metallobjekte aus Kupfer, Messing oder Alpaka werden in schatzkammerartiger Atmosphäre präsentiert. Die Leihgaben stammen überwiegend aus der weltgrößten Franz Hagenauer-Sammlung, die sich im Besitz der Familie Breinsberg befindet, aus dem Leopold Museum, dem MAK – Museum für angewandte Kunst sowie aus weiteren Privatsammlungen.

Der Designer unter den Bildhauern: Reduziert und radikal modern

Franz Hagenauer verband in konsequenter Weise freie bildhauerische Formgebung mit kunsthandwerklichem Anspruch. Als der Bildhauer unter den Designern und der Designer unter den Bildhauern stand er in der Tradition des international gefragten Wiener Kunsthandwerks. Ausgehend vom menschlichen Körper und Formen der Tier- und Pflanzenwelt holte er sich Anregungen aus dem Formenrepertoire des Neoklassizismus, den gestalterischen Ansätzen der richtungsweisenden deutschen Kunstschule Bauhaus und den Schöpfungen des Art déco. Die ab den späten 1920er-Jahren entstandenen Köpfe und Büsten aus getriebenem Metall zählen in ihrer Reduktion zu den radikalsten modernistischen Vorstößen in der österreichischen Kunst der Zwischenkriegszeit.

„Fest in der Tradition des gediegenen Wiener Kunsthandwerkes verwurzelt, doch stets von einem zweckbefreiten Gestaltungswillen angetrieben, blickte Franz Hagenauer schon in den 1920er-Jahren weit über den regionalen Tellerrand. In der frühen Pariser Moderne, im Neoklassizismus, im Bauhaus und im Art déco fand er mannigfaltige Möglichkeiten, künstlerische Gedanken zu formulieren, die letztlich auf eine absolute Purifizierung der Form abzielten. Eine große Personale dieses singulären Protagonisten der österreichischen Moderne erschien uns längst überfällig, zumal Franz Hagenauer auch in der Sammlung des Leopold Museum mit bedeutenden Werken vertreten ist.“ Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museum

Die „Werkstätte Hagenauer“: Erfolg in Europa und Übersee

Die 1898 von Carl Hagenauer (1872–1928) gegründete „Werkstätte Hagenauer“ zählte um 1900 zu den erfolgreichsten der rund 230 Fabriken und Betriebe für Metallbearbeitung im Großraum Wien. Zwischen den Kriegen konnten die Zier- und Gebrauchsgegenstände der Marke Hagenauer und Skulpturen bereits nach Übersee exportiert werden. Um 1930 waren rund 80 Mitarbeiter*innen im Unternehmen beschäftigt. Die Söhne des Firmengründers, Franz ebenso wie sein älterer Bruder Karl (1898–1956) übernahmen nach dem Tod des Vaters im Jahr 1928 den Betrieb. Als Karl 1956 verstarb, ging die Leitung des Familienunternehmens an Franz über. Von 1962 bis 1976 unterrichtete er zudem an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, wo er die Meisterklasse für Metallgestaltung leitete. Bis zu seinem Tod im Jahr 1986 blieb er ein unermüdlich Experimentierender.

Mode und Film

In den 1930er-Jahren, einer Zeit als das „L'art pour l'art“ – die Kunst um der Kunst willen – durch die aufstrebenden Massenbewegungen zusehends stigmatisiert wurde, kamen die stilisierten, teils gesichtslosen Köpfe Hagenauers als Teil vornehmer Schaufensterdekorationen zum Einsatz. Seine Objekte begegnen einem auch im internationalen Filmbusiness, so etwa in der französischen Komödie Arthur (1931) oder in Grand Hotel mit Greta Garbo. Barbra Streisand und Andy Warhol hatten Skulpturen Franz Hagenauers in ihren Sammlungen.

Dem Leben Form geben

Hagenauers Schaffen war von dem mehrfach geäußerten Wunsch „dem Leben Form [zu] geben“ geprägt: „Die Reproduzierbarkeit – ein modernes Phänomen schlechthin – stand den Vorsätzen Franz Hagenauers, des Bildhauers in der Familie, nicht im Wege; auch nicht jenem häufig zitierten Dem Leben Form [zu] geben. Bedauerlicherweise sind Textquellen, die genauere Aufschlüsse über Franz Hagenauers künstlerische Ansichten und Absichten bieten würden, überaus selten. Jene wenigen Originaltöne, die es gibt, lassen allemal aufhorchen. ‚Wir sind Handwerker gewesen, und ich bin es auch jetzt noch‘, bekannte er etwa wenige Tage vor seinem Tod.“ Ivan Ristić, im Katalog zur Ausstellung

Die Ausstellung entstand in wissenschaftlicher Kooperation mit dem MAK – Museum für angewandte Kunst und mit freundlicher Unterstützung der Familie Breinsberg. Zur Schau ist im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln der umfangreiche Katalog Franz Hagenauer erschienen, zweisprachig (D/E), herausgegeben von Ivan Ristić und Hans-Peter Wipplinger, erhältlich im Leopold Museum Shop.

GESCHÄFTE MIT KOPIEN

Das Grafische Kabinett im Leopold Museum ist in diesem Sommer dem „Fotografischen Kunstverlag Otto Schmidt“ gewidmet, der um 1900 als einer der bedeutendsten europäischen Produzenten für Vorlagenstudien in Wien galt und Bildmaterial über Medien wie Mappenwerke, Zeitschriften, Postkarten und Bücher veröffentlichte. Die Präsentation untersucht die Prozesse der Produktion, Bilderzirkulation und -konsumtion, sowie das Austauschverhältnis zur bildenden Kunst, insbesondere der Malerei.

Michael Ponstingl, Kurator der Ausstellung: „Geschäfte mit Kopien. Der ‚Fotografische Kunstverlag Otto Schmidt‘ entstand in Kooperation mit dem Photoinstitut Bonartes. Die Ausstellung leistet einen Beitrag zur Erforschung der Berufsfotografie im 19. Jahrhundert, insbesondere zum fotografischen Publizieren. Otto Schmidt schuf als Fotograf, Verleger und Druckformenhersteller (Heliogravüren) in den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts einen Bildervorrat, der bis heute zirkuliert.“

Fotografien verlegen und Bilderzirkulation

Mit einer rasch wachsenden Zahl an Fotoateliers entstand in den 1860er-Jahren ein umkämpfter Markt an Sammelbildern mit neuen Themen und Formaten. Zahllose Kopien (Positivabzüge) einer Aufnahme kamen über größere Verlage und europaweit agierende Händler in Umlauf. Das Verlagsprogramm machten sowohl Fotografen wie Händler anhand von etwa Katalogen, Musterblättern, Flugblättern, Prospekten und Inseraten publik. Einer der erfolgreichsten nunmehr zu Verlegern avancierten Fotografen war Otto Schmidt. Bereits 1873 hatte er mit seiner Wiener Typen-Serie reüssiert, um sich daraufhin Vorlagenstudien (Études d’après nature) zu widmen, die dem Historismus nahestehenden Künstler*innen eine Anschauungsgrundlage boten.

Aktstudien

Das einträglichste Geschäft aber war Schmidts Aktproduktion, die im Übrigen umfangreichste in der österreichisch-ungarischen Monarchie. Nach Schmidts beruflichem Rückzug 1903 übernahm der Maler Eduard Büchler (1861–1958) den Verlag und erweiterte das Repertoire der Aktstudien. Über international agierende Händlernetzwerke zirkulierten diese – oftmals im Geheimen – auch in Übersee.

Produktion und „Aneignungspraktiken“

Das Produzieren von Lichtbildern ist ein zweistufiger Prozess, wobei das Edieren von Negativen eine selbständige schöpferische Leistung ist, die mitunter unabhängig von demjenigen passiert, der das Lichtbild aufgenommen hat. In diesem Sinn hat die Produktion, die auf Schmidts Negativen basiert, bis heute nicht aufgehört. Die im Leopold Museum ausgestellten Objekte zeigen auf, wie sich Künstler*innen, Wissenschaftler oder Akteure der Populärkultur die Bilder Schmidts und Büchlers zu Eigen machten. Geschäfte mit Kopien. Der „Fotografische Kunstverlag Otto Schmidt“ zeigt rund 330 Exponate, darunter Fotografien, Bücher, Zeitschriften, Flugblätter, Werbeprospekte, Postkarten, Heliogravüren, Gemälde, Dekorstoffe und Archivalien. Begleitend zur Ausstellung ist ein gleichnamiges Buch in der Fotohof edition (Salzburg) erschienen.

Eröffnung der Ausstellungen

Leopold Museum Direktor Hans-Peter Wipplinger eröffnete in Anwesenheit des kaufmännischen Direktors Moritz Stipsicz die neuen Ausstellungen. Zur Eröffnung kamen zahlreiche Ehrengäste wie die Künstlertöchter Caja Hagenauer und Claudia Schröckenstein, das Sammlerehepaar Erich und Monika Breinsberg, MAK-Generaldirektorin Lilli Hollein, Photoinstitut Bonartes Direktorin Monika Faber, Theresa Mitterlehner-Marchesani (Wirtschaftliche GFin MAK), Knut Kreuch, der Oberbürgermeister von Gotha, der Geburtsstadt Otto Schmidts, Sammler Ernst Ploil, Gerald Piffl (APA Picture Desk), Künstlerin Gerda Leopold, die Grafikerin Nele Steinborn, Roland Fischer-Briand (Fotosammlung Theatermuseum), Rainer Iglar (Fotohof Salzburg), Astrid Hammer (Volkskundemuseum Wien, Kustodin Fotosammlung), Walter Moser (Albertina, Leitung Fotoabteilung), Astrid Mahler (Albertina, Kuratorin Fotografie), Uwe Schögl (Fotohistoriker, ÖNB), Kunsthistorikerin Maren Gröning (Bezirksrätin für Finanzen und Kultur, Döbling), die Galeristen Florian Kolhammer und Patrick Kovacs, Franz Frania (Finanzleiter, Autohaus Liewers), Fotosammlerin Mila Palm, Verleger Christian Brandstätter, Leopold Birstinger (Vizepräsident Freunde des Leopold Museum), die Hagenauer-Katalogautor*innen Marie-Luise Jesch und Marco Antonio Ricci, Marianne Kirstein-Jacobs, die Schriftsteller Josef Haslinger und Stefan Kutzenberger, der Fotokünstler Seiichi Furuya u.v.m.

Quelle: Leopold Museum (ots)

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