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Nationalsozialisten ließen biologische Waffen für den Angriff erforschen

Archivmeldung vom 14.02.2014

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 14.02.2014 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Manuel Schmidt
Heinrich Himmler (1942)
Heinrich Himmler (1942)

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-S72707 / CC-BY-SA
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-de
Die Originaldatei ist hier zu finden.

Deutsche Wissenschaftler haben während des Zweiten Weltkriegs offenbar die Möglichkeit erforscht, mit Malaria infizierte Mücken als Angriffswaffe über feindlichem Gebiet einzusetzen. Versuche, mit denen die Einsatzmöglichkeiten verschiedener Mückenarten untersucht wurden, seien im Auftrag der SS 1944 im Entomologischen Institut in Dachau durchgeführt worden. Über diese Experimente berichtet Dr. Klaus Reinhardt vom Institut für Evolution und Ökologie der Universität Tübingen in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Endeavour“.

Der Reichsführer der SS und oberste Polizeichef im nationalsozialistischen Deutschland Heinrich Himmler ordnete im Januar 1942 die Einrichtung eines entomologischen Instituts an. Es sollte in der „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“, einer Einrichtung der SS, der Erforschung von krankheitsübertragenden Insekten dienen und wurde auf dem Gelände des Konzentrationslagers Dachau untergebracht. Reinhardt hat erstmals Forschungsprotokolle des Dachauer Institutsleiters Eduard May auf Hinweise durchforstet und fand, dass die Beschäftigung mit biologischen Waffen tatsächlich der Angriffs-, nicht der Verteidigungsforschung diente. Danach planten die Nationalsozialisten offenbar, ihre Feinde aus der Luft mit Malaria zu infizieren.

Unter Läusen, die Typhus übertrugen, hatten nicht nur die Gefangenen in den Konzentrationslagern und Soldaten zu leiden, sondern auch die Männer der SS, die als Elitetruppen der Nazis galten. Himmlers Interesse bei der Einrichtung des insektenkundlichen Instituts 1942 in Dachau lag mutmaßlich im besseren Schutz der kämpfenden SS-Truppen an der Front und der SS-Wachen in den Konzentrationslagern. Zudem schwächten von Insekten übertragene Krankheiten auch die KZ-Gefangenen so stark und töteten so viele, dass Himmler wohl fürchtete, die der Industrie zugesagten Zwangsarbeiter nicht zur Verfügung stellen zu können. Bei früheren Studien – lange nach Kriegsende – deuteten Wissenschaftler Unterlagen des Entomologischen SS-Instituts so, dass auch im Vorgriff auf die Abwehr möglicher biologischer Angriffe durch feindliche Truppen geforscht wurde. Doch Klaus Reinhardt erschien es aus mehreren Gründen fraglich, warum die SS für diese Zwecke ein eigenes Institut gebraucht hätte. Unter anderem, da es in Deutschland zu der Zeit mehrere renommierte entomologische Forschungszentren gegeben habe, so der Forscher. Verdächtig erscheint ihm auch, dass Schadinsekten in der Landwirtschaft und bei der Lagerung von Lebensmitteln, die erhebliche Probleme bereiteten, kein Thema sein sollten. Die Entscheidung für den Standort des Instituts in Dachau fiel wohl auch, weil dort der Arzt und Professor Claus Schilling Versuche mit Malariainfektionen an KZ-Gefangenen durchführte. Ob es aber zwischen Schilling und den Arbeiten am Entomologischen Institut Verbindungen gab, bleibt unklar.

Himmler bestimmte Dr. Eduard May zum Leiter des Entomologischen Instituts der Waffen-SS, einen Wissenschaftler, der Reinhardts Recherchen zufolge als Biologe nicht sonderlich erfolgreich war und seine Habilitation auf philosophischem Gebiet abgelegt hatte. May hatte darin unter anderem die Relativitätstheorie Albert Einsteins kritisiert, was bei den Nationalsozialisten wegen Einsteins jüdischer Herkunft wohl positiv vermerkt wurde. Auch Artikel mit antisemitischem Unterton seien von May bekannt.

Tatsächlich waren unter den Instruktionen, die Himmler 1942 dem neuen Institutsleiter gab, Themen der Grundlagenforschung, die der Bekämpfung von Krankheiten dienen sollten, wie der Lebenszyklus, Krankheiten, Feinde und Wirtspräferenzen von Käfern, Läusen und Flöhen. Doch daneben fand Reinhardt in Mays Protokollen Berichte über Versuche mit Anopheles-Mücken, in denen Malariaerreger einen Teil ihrer Entwicklung durchmachen. Untersucht wurde, wie lange die blutsaugenden Stechmücken ohne Nahrung überleben, um sie von einer Zuchtstation zu einer Abwurfstelle zu transportieren. Eindeutig als Forschung für biologische Angriffswaffen wertete Reinhardt eine Anmerkung Mays, in der dieser empfahl, eine bestimmte Anopheles-Art für diese Zwecke zu verwenden – was im Vorgriff auf einen feindlichen Einsatz von malariainfizierten Mücken kaum Sinn ergeben hätte.

Immer wieder wurde untersucht und diskutiert, ob unter Hitler, der eigentlich den Einsatz biologischer Waffen untersagt hatte, an offensiver biologischer Kriegsführung geforscht wurde – ohne eindeutiges Ergebnis. Klaus Reinhardt hat der Beweisführung ein wichtiges Indiz hinzugefügt.

Quelle: Eberhard Karls Universität Tübingen (idw)

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