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"Moral und Gewissen" der Hallenser erforscht

Archivmeldung vom 19.10.2012

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 19.10.2012 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Manuel Schmidt
Bild: Gerd Altmann / pixelio.de
Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

Wie häufig und warum spüren Menschen im Alltag ihr Gewissen? Das wollten Soziologen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) im April 2012 von knapp 4000 Einwohnern der Stadt Halle wissen. Die Erstauswertung der Befragung wurde jetzt online veröffentlicht. Ein überraschendes Ergebnis: Je älter die Befragten waren, desto seltener verspürten sie ihr Gewissen. Mit steigendem Alter wurden dafür eher positive Gewissenserlebnisse berichtet.

1166 Hallenser im Alter von 17 bis 92 Jahren haben die Fragebögen der Forscher beantwortet. Ziel der Studie ist es, das bislang in der Soziologie weitgehend unerforschte Themenfeld des Gewissens zu erschließen. Der Fokus liegt auf Gewissenserfahrungen, die im Alltag erlebt werden. Eine Erstauswertung der Befragung ist online unter www.moral-und-gewissen.de nachzulesen.

Besonders spannend: Wie und wie oft die Befragten ihr Gewissen wahrnehmen, ist offenbar stark altersabhängig. „Je älter die von uns befragten Personen waren, desto eher gaben sie an, ihr Gewissen nur selten oder hin und wieder zu verspüren. Jüngere Befragte berichten dagegen von häufigen oder sogar ständigen Gewissensregungen. Das widerspricht dem Vorurteil von einer gewissenlosen jungen Generation“, sagt Projektkoordinatorin Dr. Sylvia Terpe. Zugleich nehmen mit höherem Alter die belastenden Gewissenserfahrungen ab. „Mit steigendem Alter wird das Gewissen zunehmend als etwas motivierendes, bestärkendes wahrgenommen.“

Auch nach den Wertorientierungen fragten die Soziologen. So sind den jüngeren Befragten vor allem Unabhängigkeit und Leistung wichtig, ältere Befragte befürworten hingegen eher konservative Werte. „Diese unterschiedliche Wertorientierung legt nahe, dass je nach Alter auch andere Situationen das Gewissen der Menschen wach rufen“, erklärt die Soziologin. Um dieser Frage nachzugehen, werden die Forscher in weiteren Analysen Beispiele der Befragten auswerten, die diese aus ihrem Alltag berichtetet haben.

Es gibt aber auch Werte, die in allen Altersgruppen gleichermaßen geteilt werden. So sehen die meisten Befragten die Fähigkeit zum selbständigen Denken als wichtigstes Erziehungsziel an. An zweiter Stelle folgt die Bereitschaft, anderen zu helfen. Nach dem Abschluss der schriftlichen Befragung werden in den nächsten Wochen noch 30 Hallenser ausführlich interviewt. In diesen persönlichen Gesprächen möchten die Soziologen mehr darüber erfahren, wie die Befragten ihr Gewissen erleben, wie sie diese Erfahrungen verarbeiten und welche Gefühle sie damit verbinden. Sie wollen so mehr über das Zusammenspiel von kognitiven und emotionalen Komponenten im Gewissen herausfinden.

„Die Soziologie interessiert sich zwar schon immer für Moral, aber das Gewissen selbst war in unserer Disziplin bislang kaum ein Gegenstand empirischer Forschung“, erklärt Sylvia Terpe. „Wenn man sich aber anschaut, was das Gewissen der Menschen berührt, kann man mehr darüber lernen, was ihnen wichtig und wertvoll ist.“ Das Forschungsprojekt steht unter der Leitung von Prof. Dr. Helmut Thome vom Institut für Soziologie der MLU und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bis Frühjahr 2014 finanziert. In den nächsten Monaten sollen weitere Forschungsergebnisse veröffentlicht werden.

Quelle: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (idw)

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