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Die Wehrmacht Untersuchungsstelle

Archivmeldung vom 09.02.2013

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 09.02.2013 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
Cover:  "Die Wehrmacht-Untersuchungsstelle: Deutsche Ermittlungen uber Alliierte Volkerrechtsverletzungen Im Zweiten Weltkrieg" von  Alfred M. de/ Rabus, Walter Zayas
Cover: "Die Wehrmacht-Untersuchungsstelle: Deutsche Ermittlungen uber Alliierte Volkerrechtsverletzungen Im Zweiten Weltkrieg" von Alfred M. de/ Rabus, Walter Zayas

Als amerikanischer Staatsbürger, promovierter Völkerrechtler und Historiker (Havard-Universität) mit internationaler Erfahrung ist Prof. Dr. Dr. de Zayas besonders geeignet, den zweiten Weltkrieg inter-disziplinär zu untersuchen. Mit seiner Ausbildung und seinem übergreifenden nationalen „background“ kann er zuverlässig und neutral begangene Völkerrechtsverletzungen wissenschaftlich analysieren und sorgsam abwägend beurteilen. Das gilt für alle Parteien - nicht nur für Verbrechen von Soldaten der Wehrmacht, sondern auch und gerade die der alliierten Streitkräfte.

Insofern stellt die im Vorspann verwendete Formulierung: „Dokumentation alliierter Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg“ eine gewisse Vereinfachung dar, weil immer wieder auch auf (angebliche oder tatsächliche) Völkerrechtsverletzungen der Deutschen Wehrmacht eingegangen wird.
Es ist gut, dass er sich dem Thema schon in der zweiten Hälfte der 70er Jahre gewidmet hat, denn mit jedem Jahr, das vergeht, werden die Zeugen, die über Völkerrechtsverletzungen aus eigener Anschauung berichten können, weniger. Diese Zeitzeugen sind für die Geschichtswissenschaft unersetzlich. Die in den Archiven vorhandenen Dokumente alleine können dem Forscher ein wirklich zutreffendes Bild nicht bieten. 150 Wehrmachtsrichter und weitere 150 Zeitzeugen haben de Zayas und seinem niederländischen Kollegen Dr. Walter Rabus dabei geholfen, dieses zu finden und zu dokumentieren. Deren Namen fand er in den 226 Aktenbänden der ehemaligen Wehrmacht-Untersuchungsstelle.
Er war der erste Historiker, der die von der WUSt durchgeführten richterlichen Ermittlungen auswerten konnte, nachdem diese jahrzehntelang in den USA unter Verschluss gehalten wurden. Dieser Aktenfund – so hat der Historiker Dr. Wolfgang Venohr festgestellt – war der Wichtigste seit den Nürnberger Prozessen. Die Leistung von de Zayas und seinem Mitarbeiter bei der Auswertung und dem Vergleich der amerikanischen, britischen, französischen, russischen und (wichtigen) schweizerischen Akten und deren Zuordnung zu den entsprechenden Zeugenaussagen, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Das Buch bereichert die Kenntnis Außenstehender über die Sorge deutscher Wehrmachtsführer, gegen das Völkerrecht zu verstoßen, in eklatantem Umfang. Deshalb sollte es zur Pflichtlektüre für deutsche Politiker und Geschichtslehrer gemacht und auch bei ihrer Ausbildung verwendet werden. Deren Neigung, unentwegt und ausschließlich Kriegsverbrechen der Deutschen Wehrmacht anprangern und diejenigen ihrer Gegner komplett auszuklammern, würde so nachhaltig entgegengewirkt. Es würde klar werden, dass das Geschichtsbild, das bisher gegenüber der Allgemeinheit und der Jugend vermittelt wurde, einer sachlichen Nachprüfung nicht standhält.
Hätte de Zayas das Buch nicht geschrieben – es hätte geschrieben werden müssen, um die Bedeutung einer Wahrung des Völkerrechtes (auch) auf deutscher Seite - gerade im Krieg - zutreffend zu dokumentieren. Zutreffend deshalb, weil es nicht nur auf den archivierten Originalquellen, sondern auch auf zahlreichen Augenzeugenberichten noch lebender Wehrmachtssoldaten von den Ereignissen an der Front aufbaut.1
Was überrascht, ist der hohe (bürokratische) Aufwand zur Sicherstellung einer völkerrechtskonformen Kriegsführung, der besonders auf deutscher Seite nachgewiesen wurde. Ebenso erstaunlich ist die diesbezügliche Kommunikation mit den Gegnern hinsichtlich (tatsächlicher oder behaupteter) Völkerrechtsverletzungen auf beiden Seiten, die über die Schutzmacht „Schweiz“ gelaufen ist. Zukunftsorientierte deutsche Überlegungen über eine Weiterentwicklung des Völkerrechtes nach Abschluss der Kampfhandlungen runden das Bild ab. Dabei ist bemerkenswerterweise stets von einem deutschen Sieg ausgegangen worden.
Welche Bedeutung dem zwischenstaatlichen Recht auf deutscher Seite zugemessen worden ist, ergibt sich auch aus der zwischen den beiden Weltkriegen vorgenommenen Ausbildung studierter Juristen, die als Wehrmachtsrichter vorgesehen waren. Konkrete Fallbeispiele mit Lösungsvorschlägen deuten auf eine mustergültige Schulung dieser Wehrmachtsrichter hin.
Eine erste praktische Anwendung dieser Kenntnisse erfolgte sofort nach Beginn der Kampfhandlungen gegen Polen, wobei viehische Grausamkeiten polnischer Soldaten und Zivilpersonen gegenüber Deutschen von überlebenden Zeugen eidlich dokumentiert wurden.
Die durch de Zayas vorgenommene Offenlegung der von den Alliierten vorgenommenen Völkerrechtsverletzungen entspricht ganz sicher nicht der hier heute verbreiteten „Political Correctness“. Daher gehört auch eine gehörige Portion Mut des Verfassers dazu, sein Buch – stets weiterentwickelt – immer wieder neu herauszugeben. Es sieht so aus, dass der Verfasser insofern persönliche Nachteile dafür in Kauf nimmt, indem zu vermuten ist, dass er von deutscher staatlicher Seite grundsätzlich keine Aufträge erhält, nicht in wesentliche Gremien berufen wird usw. Für einen Schönheitsfehler halte ich lediglich den Begriff „Überfall auf Polen“ der durch „Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen“ ersetzt werden müsste. Vielleicht erfolgt das ja bei der nächsten Auflage.
Bemerkenswert ist die Finanzierung der von de Zayas/Rabus durchgeführten Auswertungsarbeit durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft – was heutzutage undenkbar wäre. Erstmalig hat de Zayas seinen Abschlussbericht an die DFG als Anlage in die 8. Ausgabe aufgenommen. Er zeigt die intensive Betreuung des Projektes „Wehrmacht-Untersuchungsstelle“, die auch zwei internationale Tagungen umfasst, an denen prominente Professoren aus den Fachgebieten Recht und Geschichte, ebenso wie Archivare teilgenommen haben.
Es ist zu bedauern, dass sich deutsche Historiker an dieser Forschungsarbeit - auch nachträglich - nicht beteiligt haben und dass eine weitergehende Forschungsarbeit, Dissertationen und Habilitationen - wie von de Zayas umfassend vorgeschlagen - nicht erfolgt sind. Offenbar hat dieser Personengruppe der Mut gefehlt in ein Thema einzusteigen, das im Rahmen der gegenwärtig übermächtigen politischen Grundeinstellung des „Establishments“ sicherlich nicht gerne gesehen ist.
Die im englischsprachigen Raum relevante Ausgabe erschien erstmalig 1989 und liegt mittlerweile in der dritten Auflage vor. Dass in nunmehr mehr als dreißig Jahren keinerlei Fakten wiederlegt werden konnten, spricht für die Fundiertheit der von de Zayas gemachten Aussagen. Für denjenigen, der in der Diskussion über Kriegsverbrechen alliierter (und auch deutscher) Soldaten im 2. Weltkrieg mitreden will, ist das Buch unersetzlich.

Die Wehrmacht-Untersuchungsstelle für Verletzungen des Völkerrechts
Lindenbaum Verlag , 12/2012
ISBN-13: 9783938176399
Umfang: 540 Seiten
Sonstiges:  +60 schwarz-weiße Fotos
Erscheinungstermin: 15.12.2012

Fußnote:

1). Z.B. Aus dem Erlebnisbericht von Herrn Siegbert John geb. am 26.07.1924 in Langemark Krs. Glogau, Schlesien, vom März 2003, der dort ausführt: »Wir lebten und handelten nach den „Zehn Geboten für die Kriegsführung des deutschen Soldaten.“ Diese 10 Gebote waren abgedruckt an der Deckelinnenseite des Soldbuches. Sie waren jedem Soldaten der Deutschen Wehrmacht Verpflichtung und Selbstverständnis, denn, wer er hätte es schon gewagt, das Ansehen der Deutschen Wehrmacht zu schädigen und dafür entsprechend bestraft zu werden«?)

Quelle: Rezension von Karin Zimmermann

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