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Dopingopfer Trömer: Gedopte sind keine Ausnahme

Archivmeldung vom 05.08.2013

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 05.08.2013 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Manuel Schmidt
Bild: S. Hofschlaeger / pixelio.de
Bild: S. Hofschlaeger / pixelio.de

Uwe Trömer, anerkanntes Dopingopfer und Vorstandsmitglied im Dopingopfer Hilfeverein DOH, zeigt sich wenig überrascht vom Ergebnis einer Studie über Doping in Deutschland. "Spätestens jetzt sollten alle aufhören, sich die Augen zu verkleistern und zu sagen, Gedopte seien Ausnahmen", sagte Trömer der "Welt am Sonntag".

Das Ausmaß, ergänzte der ehemalige Radsportler, wundere ihn nicht. "Wir wissen ja schon seit Jahren, dass natürlich auch in Westdeutschland Doping angewandt worden ist. Was mich aber eher wundert ist, wie mit dieser Art Aufarbeitung umgegangen wird. Es wurden extra Wissenschaftler beauftragt, ein System zu enthüllen - und nun werden sie geblockt bei ihrer Veröffentlichung. Das ist aus meiner Sicht absolut scheinheilig. Bis hierhin und nicht weiter? Das geht aus meiner Sicht so nicht."

Anlass für die Reaktionen ist die Studie "Doping in Deutschland" der Berliner Humboldt-Universität (HU), wonach in Westdeutschland systematisch und staatlich gefördert gedopt wurde. Christian Schenk, ehemaliger Zehnkämpfer und Olympiasieger 1988 in Seoul, sagte der "Welt am Sonntag": "Die Polarisierung Ost kontra West ist jetzt beendet. Jetzt zeigt sich deutlich, dass der Sport auf beiden Seiten politisch benutzt wurde." Schenk hält es für wichtig, "dass derlei Dinge aufgezeigt und vermeintliche Stars womöglich entzaubert werden, um den Hochleistungssport wieder glaubhafter zu machen. Anders geht es nicht."

Debatte um Staats-Doping in Westdeutschland läuft an

Nach dem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" über angeblich staatlich gefördertes Doping im Westdeutschland der 1970er Jahre läuft die Debatte in den am Montag erscheinenden Zeitungen richtig an. Dagmar Freitag (SPD), Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, kritisierte den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). "Bestimmte Kräfte" hätten seit Monaten mit Verweis auf Datenschutzprobleme versucht, die Veröffentlichung der Untersuchung "zu verzögern oder sogar zu verhindern", sagte die Sportpolitikerin im Gespräch mit der Westfalenpost.

Der DOSB sei nach Aussagen seines Generaldirektors Michael Vesper zwar der Initiator der Studie, zeige im Moment aber "nur verhaltenes Interesse an den endgültigen Ergebnissen". Freitag forderte, dass die Namen aller am Doping Beteiligten veröffentlicht werden müssten, und zwar nicht nur der Sportler selbst, sondern auch der Trainer und Funktionäre. Es habe jedoch den Anschein, "dass da nun einige darüber erschrocken sind, was auf den Tisch kommen würde".

Dem damaligen für den Sport zuständigen Innenminister Hans-Dietrich Genscher riet Freitag, seine Erinnerungen "noch einmal zu überprüfen". Genscher hatte der "Bild am Sonntag" gesagt, er halte es für "völlig ausgeschlossen", dass Politiker vor Olympia 1972 in München Doping-Druck auf bundesdeutsche Sportler ausgeübt haben.

Christoph Bergner (CDU), parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium, forderte eine konsequente Aufklärung der Vergangenheit. "Wir als Ministerium sind an einer lückenlosen Aufarbeitung des Themas interessiert", sagte er der in Halle erscheinenden Mitteldeutschen Zeitung. Er forderte ausdrücklich, "dass gleiche Maßstäbe für Ost wie für West" zu gelten hätten. Bergner hält trotz der neuen Erkenntnisse die Dopingpraxis in Ost und West nicht für vergleichbar. "Doping im Osten war hochorganisiert, der Sport war Staatsplanaufgabe."

Finanzielle Mittel seien direkt über das Ministerium für Staatssicherheit geflossen, die Sportler hätten in einem extremen Abhängigkeitsverhältnis gestanden. "Das hat es so im Westen sicherlich nicht gegeben", so Bergner, "aber Doping hatte auch dort staatliche Aufmerksamkeit. Und es sind Mittel geflossen, um Manipulationsmöglichkeiten zu erforschen."

Erik Eggers, einer der Mitarbeiter der Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute", fordert den Bundestag auf, sich in die Aufarbeitung der deutschen Dopingvergangenheit einzuschalten. Das schreibt Eggers einem Beitrag für den Berliner "Tagesspiegel".

Genscher wehrt sich gegen Vorwürfe des Staatsdopings

Der frühere Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) hält es für "völlig ausgeschlossen", dass Politiker auf bundesdeutsche Sportler 1972 Druck zum Doping ausgeübt haben. Genscher widersprach damit gegenüber "Bild am Sonntag" Berichten, wonach Politiker vor den Olympischen Spielen in München Druck erzeugt hätten. Genscher, der 1972 Innenminister war, sagte: "Ich wüsste nicht wer einen solchen Druck ausgeübt haben sollte. Ich halte das für völlig ausgeschlossen."

FDP warnt Friedrich vor Verschleierung bei Doping-Aufklärung

Nach den Enthüllungen über systematisches Doping in der Bundesrepublik hat der sportpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Joachim Günther, Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) zu einer lückenlosen Aufklärung ohne Verschleierungen aufgefordert. Die Veröffentlichungen im Dopingbereich hätten ihn "sehr betroffen" gemacht, sagte Günther "Handelsblatt-Online". "Ich erwarte eine umgehende Offenlegung der Studie im Sportausschuss des Bundestages." Er gehe davon aus, dass Innenminister Friedrich schnell reagieren werde. "Dabei darf es nicht zu Verschleierungen dieser unrühmlichen Vergangenheit kommen, wenn wir in Zukunft wieder fairen Sport sehen wollen." 

Quelle: dts Nachrichtenagentur

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