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Neuer Fund in alten Schubladen: Aufsehen erregendes Fossil im Berliner Naturkundemuseum entdeckt

Archivmeldung vom 18.10.2012

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 18.10.2012 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Manuel Schmidt
Foto des Ur-Vierfüßers aus St. Louis, Missouri, USA. Der Schädel ist von der Unterseite zu sehen. Die Knochen selber sind nicht erhalten, haben aber Abdrücke im Gestein hinterlassen. Bild: Museum für Naturkunde Berlin
Foto des Ur-Vierfüßers aus St. Louis, Missouri, USA. Der Schädel ist von der Unterseite zu sehen. Die Knochen selber sind nicht erhalten, haben aber Abdrücke im Gestein hinterlassen. Bild: Museum für Naturkunde Berlin

Florian Witzmann und Johannes Müller vom Museum für Naturkunde Berlin bewiesen, dass auch in alten wissenschaftlichen Sammlungen außergewöhnliche Funde auf ihre Entdeckung warten. Mit ihren Forscherkollegen Jennifer Clack (Cambridge, GB) und Daniel Snyder (Dublin, Georgia, USA) identifizierten sie ein ehemals für einen Fisch gehaltenes Fossil als Vierfüßer (Tetrapoden), der aus 340 Millionen Jahre alten Gesteinschichten von St. Louis, Missouri (USA) stammt.

Zeichnung des Schädels nach einem Silikonausguss. Zu sehen sind Teile von Ober- und Unterkiefer sowie die Knochen des Gaumens. Bild: Museum für Naturkunde Berlin
Zeichnung des Schädels nach einem Silikonausguss. Zu sehen sind Teile von Ober- und Unterkiefer sowie die Knochen des Gaumens. Bild: Museum für Naturkunde Berlin

Der sensationelle Fund stellt eines der wenigen Zeugnisse aus einer für die Wirbeltiere entscheidenden Phase der Erdgeschichte dar, dem Unter-Karbon, in welcher der eigentliche Schritt der Tetrapoden vom Wasser auf das Land stattfand. Die ersten Tetrapoden entwickelten sich aus einer bestimmten Gruppe von Fischen, den Fleischflossern, vor etwa 360-380 Millionen Jahren in der Zeit des Ober-Devons. Sie waren ihren fischartigen Vorfahren allerdings in vieler Hinsicht noch sehr ähnlich und lebten wie diese weitgehend im Wasser. Erst im darauffolgenden Zeitabschnitt der Erdgeschichte, dem Unter-Karbon, passten sich die Tetrapoden an das Leben an Land an und spalteten sich stammesgeschichtlich in ihre wichtigsten Entwicklungslinien auf. Leider sind aus der Anfangszeit des Unter-Karbons nur sehr wenige Tetrapoden fossil überliefert, weshalb diese Zeit nach dem bedeutenden amerikanischen Paläontologen Alfred S. Romer unter Wissenschaftlern als „Romers Lücke“ bekannt ist. Genau in diese „Lücke“ der Erdgeschichte passt nun der neue Fund und hilft, unser Bild von der Entstehung der Tetrapoden zu erweitern.

Das eher unscheinbare Fossil aus dem St. Louis Kalkstein stellt den Abdruck eines etwa 4 cm langen Schädels von der Unterseite dar. Es wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von dem Greifswalder Paläontologen Otto Jaekel nach Berlin gebracht und in der Sammlung des Museums für Naturkunde Berlin als Rest eines „unbestimmten Quastenflossers“ inventarisiert. Dort blieb er über 100 Jahre unbemerkt, bis Witzmann und Müller die für einen Fisch eher ungewöhnliche Schädelform auffiel. Da die Knochen selber nicht mehr erhalten sind, sondern nur einen Negativabdruck im Gestein hinterließen, fertigten die paläontologischen Präparatoren des Berliner Museums hochauflösende Silikon- und Latexausgüsse des Fossils ab, welche die Strukturen der Knochen als Positiv in allen Einzelheiten zeigen. „Anhand der Struktur des Gaumens und des Unterkiefers konnten wir eindeutig nachweisen, dass der Schädel nicht zu einem Fisch, sondern zu einem Ur-Vierfüßer gehört“, so Florian Witzmann.

Der genaue Fundpunkt des Fossils bei St. Louis konnte nicht mehr ermittelt werden, aber die mikroskopische Untersuchung des Gesteins in Amerika ergab, dass das Fossil aus dem unteren oder mittleren Abschnitt des St. Louis Kalksteins stammt. Damit stellt der Berliner Schädel den ältesten bekannten Rest eines Tetrapoden in Nordamerika nach der Devonzeit dar. Eine computergestützte Verwandtschaftsanalyse zeigt die Zugehörigkeit des Berliner Fundes zu einer sehr urtümlichen Gruppe von Tetrapoden, den Colosteiden, deren erdgeschichtlich ältester Vertreter er ist. Diese äußerlich an Salamander erinnernden Tiere entstanden noch bevor sich die Tetrapoden in die beiden Großgruppen aufspalteten, die zu den Amphibien und den Amnioten (Reptilien, Vögel, Säugetiere) führten. Im Ober-Karbon, vor etwa 310 Millionen Jahren, starben die Colosteiden aus.

Die Analyse des umgebenden Gesteins deutet darauf hin, dass der Tetrapode auf dem Meeresboden in tieferem Wasser eingebettet wurde. Der Lebensraum des Tieres ist aber sicherlich im Flachwasser zu suchen; nach seinem Tod wurde es ins tiefere Wasser verdriftet. Ob es aber ein Bewohner der Meeresküste war und im Salzwasser lebte, oder wie heutige Amphibien im Süßwasser und dann durch einen Fluss ins Meer gespült wurde, ist noch ungeklärt.

Quelle: Museum für Naturkunde - Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung (idw)

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