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Interview mit Bestsellerautor Ferdinand von Schirach: "Alles, was ich schreibe und denke, ist europäisch."

Archivmeldung vom 29.04.2021

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 29.04.2021 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Sanjo Babić
Bild: TERRITORY Fotograf: Paulina Hildesheim
Bild: TERRITORY Fotograf: Paulina Hildesheim

Ferdinand von Schirach setzt sich für ein starkes Europa ein. Auf diesem Kontinent habe er seine besten Reisen erlebt, erzählt der Bestsellerautor im Titelinterview mit DB MOBIL, dem Kundenmagazin der Deutschen Bahn (Ausgabe Mai, EVT 30.04.2021). Eine besondere Aktualität erhält das Interview durch das europäische Jahr der Schiene 2021 und den Europatag am 9. Mai.

Seine prägendsten Europa-Erlebnisse habe er mit Interrail-Tickets gesammelt, berichtet von Schirach. "Mit 18 und 19 Jahren bin ich zweimal einen Monat lang mit der Bahn durch ganz Europa gefahren und habe die Tickets jeweils bis zum letzten Tag ausgenutzt." Er erinnere sich an eine "wilde Vielfalt", die er sehr gemocht habe: "Damals gab es ganz verschiedene Waren in jedem Land, das Essen war noch völlig unbeeinflusst von anderen Ländern, selbst die Musik und die Kinofilme waren noch keine Einheitsware", so von Schirach im Gespräch mit DB MOBIL.

Doch der Frieden zwischen den Ländern in der Europäischen Union sei zerbrechlich und müsse unbedingt geschützt werden, meint der gelernte Jurist und Schriftsteller ("Der Fall Collini", "Schuld"), der betont: "Alles, was ich schreibe und denke, ist europäisch." In seinem aktuellen Buch "Jeder Mensch" formuliert der 56-Jährige sechs neue europäische Grundrechte, über die Europäer:innen nach seiner Vorstellung abstimmen sollen. "Grundrechte betreffen Sie überall in Ihrem Leben", sagt von Schirach. "Ob Sie sich im Internet bewegen und Sorge haben, dass Sie ausgeforscht und manipuliert werden, oder ob Sie ein T-Shirt kaufen, von dem Sie nicht wollen, dass es in einer Höllenfabrik von Sklaven hergestellt wurde."

Im Interview mit DB MOBIL spricht der Autor auch über seine Versagensängste. "Ich wollte immer nur schreiben", sagt von Schirach, der erst mit Mitte 40 sein erstes Buch veröffentlichte. Dass er zunächst Jura studierte, erklärte er so: "Als Kind hatte ich Depressionen. Oft ist ein Teil der Depression die Angst zu verarmen, also kein Geld zu verdienen und zu glauben, man würde bald in einem feuchten Keller mit Tuberkulose dahinsiechen. Wie bei allen Ängsten glaubt man leider, sie seien ziemlich real. Ich dachte, wenn ich nur schreibe, wird es furchtbar mit mir enden. Das war der wesentliche Grund, warum ich mich für einen ganz bürgerlichen Beruf entschieden habe."

Obwohl er am Schreiben selbst nie gezweifelt habe, würden die Ängste nie ganz verschwinden: "Ich stelle mir immer noch vor, dass ich morgen früh aufwache, und kein Mensch kauft mehr ein Buch von mir", sagt von Schirach im Interview.

Quelle: TERRITORY (ots)

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