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Machen Umweltgifte den „Zappelphilipp“ krank?

Archivmeldung vom 17.06.2010

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 17.06.2010 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
Der Autor Ulf Sauerbrey vom Institut für Bildung und Kultur der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Bild: Peter Scheere/FSU
Der Autor Ulf Sauerbrey vom Institut für Bildung und Kultur der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Bild: Peter Scheere/FSU

Unser Kind ist anders, es benötigt besondere Hilfen, um seinen täglichen Anforderungen genügen zu können: Die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bedeutet für viele Eltern einen Schock. Die Frage nach den Ursachen der ADHS rückt dabei schnell in den Hintergrund. Gerade dieser Frage geht der Erziehungswissenschaftler Ulf Sauerbrey von der Universität Jena nach. Sauerbrey hat eine Meta-Studie vorgelegt, die den Ursachen von ADHS auf den Grund geht. Sein Befund: Umweltgifte sind wahrscheinlich in hohem Maße für die Entstehung der ADHS verantwortlich.

Erstaunlicherweise würden Gifte in der kindlichen Umwelt in Veröffentlichungen über ADHS kaum eine Rolle spielen, konstatiert Ulf Sauerbrey. „Aber zahlreiche Einzelstudien sprechen eine deutliche Sprache“, sagt der Wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik. Im direkten Lebensumfeld von Kindern liegen zahlreiche potenzielle Gefahrenquellen. Dazu gehörten insbesondere Ausdünstungen aus Teppichen, Tapeten und Anstrichen, die sich zu einem brisanten Chemie-Cocktail vermischen können. Die Wechselwirkungen verschiedener Giftstoffe sind oftmals gar nicht oder nur unzureichend erforscht. „Selbst niedrigste Konzentrationen sind schädlich, vor allem, wenn sie dauerhaft auf den kindlichen Organismus einwirken“, sagt Sauerbrey. Vorsicht sei geraten bei Polstermöbeln, die aus Ländern importiert wurden, in denen andere Grenzwerte gelten als in Deutschland. Gefährlich sei zudem Spielzeug aus Fernost, das häufig bleibelastet ist, betont Sauerbrey.

Über die Diagnose ADHS gibt es durchaus wissenschaftliche Kontroversen. „Im Grunde ist ADHS eine Störung erwünschten Verhaltens“, sagt Sauerbrey. Die Kriterien für die Diagnose wurden um 1990 entwickelt. Die unter ADHS beschriebenen Symptome sind jedoch weit älter: Bereits die 1845 im Kinderbuchklassiker „Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann beschriebenen Typen Hans-Guck-in-die-Luft und Zappelphilipp weisen Merkmale der ADHS-Diagnose auf. Eine mögliche Ursache scheint offensichtlich: „Im 19. Jahrhundert war die Schadstoffbelastung der Umwelt noch viel größer als heute“, sagt Sauerbrey.

Das neue Buch von Ulf Sauerbrey enthält ein Nachwort von Erik Petersen. Der Herausgeber des Magazins „Umwelt – Medizin – Gesellschaft“ gibt darin konkrete Handlungsanweisungen speziell für werdende Eltern und Familien mit Kindern. So empfiehlt er, die Schwermetall-Belastung durch Trinkwasser zu reduzieren. Es genügt, das Standwasser nicht zum Trinken bzw. zur Nahrungszubereitung zu verwenden. Auch sei die Zeit um die Geburt für den „Nestbau“ denkbar ungeeignet. Wird das Kinderzimmer erst im letzten Moment fertig, sieht sich der Nachwuchs vom ersten Tag an einem Chemiecocktail ausgesetzt, der das Immunsystem überfordert und das Allergierisiko steigen lässt. 

Quelle: Friedrich-Schiller-Universität Jena

 

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