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Studie: 58 Prozent wollen "Schlussstrich" unter Holocaust

Archivmeldung vom 26.01.2015

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 26.01.2015 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Manuel Schmidt
Einfahrtsgebäude ins KZ Auschwitz-Birkenau kurz nach der Befreiung 1945
Einfahrtsgebäude ins KZ Auschwitz-Birkenau kurz nach der Befreiung 1945

Foto: Bundesarchiv, B 285 Bild-04413 / Stanislaw Mucha / CC-BY-SA
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-de
Die Originaldatei ist hier zu finden.

70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz will eine große Mehrheit der Deutschen die Holocaust-Geschichte hinter sich lassen. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage der Bertelsmann Stiftung zu den deutsch-israelischen Beziehungen hervor. Die Studie "Verbindende Vergangenheit, trennende Gegenwart" liegt "Bild am Sonntag" exklusiv vor.

Demnach möchten 81 Prozent der Befragten die Geschichte der Judenverfolgung "hinter sich lassen" und sich gegenwärtigen Problemen widmen. Einen regelrechten Schlussstrich wollen immerhin 58 Prozent der Befragten ziehen. Bei den 40- bis 49-Jährigen ist es jeder Zweite; bei den über 60-Jährigen hingegen 61 Prozent.

Anders sieht es in Israel aus: Dort wollen nur 22 Prozent mit der Vergangenheit abschließen. Weitere Ergebnisse der Studie: Fast die Hälfte der Deutschen (48 Prozent) hat eine schlechte Meinung über Israel, 36 Prozent eine gute. In Israel hingegen haben 68 Prozent eine positive Meinung zu Deutschland, so viel wie nie zuvor.

Nur knapp jeder Vierte (24 Prozent) sieht Deutschland negativ. Jüngere Israelis sehen Deutschland kritischer als ältere: Von den unter 30-Jährigen haben nur 53 Prozent ein positives Urteil. Bei den über 50-Jährigen sind es 80 Prozent. Der Nahost-Konflikt bestimmt die deutsche Wahrnehmung von Israel stark. Allerdings sehen die Deutschen dabei nicht mehr allein Israel in der Verantwortung.

Anfang der 90er-Jahre hatte noch jeder vierte Bundesbürger gefordert, die Israelis müssten im Konflikt mit den Palästinensern nachgeben. Heute sagt dies nur noch jeder sechste. 73 Prozent der Deutschen finden, Israelis und Palästinenser müssten aufeinander zugehen. Das glauben auch 53 Prozent der Israelis.

Bei der Rolle Deutschlands im Nahost-Konflikt gehen die Meinungen auseinander: So erhoffen sich 84 Prozent der Israels von der Bundesregierung eine politische Unterstützung ihrer Position. Jeder zweite Deutsche (51 Prozent) ist dagegen. 82 Prozent der Israelis wünschen sich deutsche Waffenlieferungen an ihr Land. 68 Prozent der Deutschen lehnen dies ab.

Stephan Vopel, Leiter der Studie und Israel-Experte der Bertelsmann Stiftung: "Israelis und Deutsche haben unterschiedliche Schlüsse aus der Geschichte gezogen. Für die Deutschen gilt die Maxime "Nie wieder Krieg€˜", für die Israelis heißt es "Nie wieder Opfer"€˜." Mit Blick auf jüngere Generationen sei die Studie ein Warnsignal: "Wir müssen mehr Gelegenheiten für direkte Begegnungen zwischen den Jugendlichen beider Länder schaffen."

Merkel: Hasserfüllten Parolen gegen Flüchtlinge nicht folgen

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Montag gemeinsam mit Überlebenden an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren erinnert: Auschwitz mahne die Menschen auch heute, hasserfüllten Parolen gegen Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchten, nicht zu folgen, erklärte Merkel.

Es sei eine Schande, wenn Menschen in Deutschland angepöbelt und angegriffen würden, weil sie sich als Juden zu erkennen gäben. Die Bundeskanzlerin betonte zudem die "immerwährende Verantwortung" der Deutschen, das Wissen über die Gräueltaten der Nationalsozialisten weiterzugeben und das Erinnern wachzuhalten. Das sei Deutschland den Opfern schuldig.

Zentralrat der Juden fordert Pflichtbesuch für Schüler in KZ-Gedenkstätten

Im Zuge des Gedenkens an die Auschwitz-Befreiung vor 70 Jahren hat der Zentralrat der Juden die Bundesländer aufgefordert, im Schulunterricht mehr Informationen über den Holocaust zu vermitteln: In einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" schlug Zentralrats-Präsident Josef Schuster konkret vor, "dass jeder Schüler ab der neunten Klasse verpflichtend eine KZ-Gedenkstätte besucht".

Alle Länder, in denen dies noch nicht der Fall sei, seien gefragt, eine entsprechende Regelung einzuführen, sagte Schuster. "Theorie und Unterricht sind schließlich die eine Sache", führte der Präsident des Zentralrats seinen Vorschlag aus, "das konkrete Erleben vor Ort, die plastische Anschauung die andere".

Mit Blick auf die Abwesenheit von Kremlchef Wladimir Putin bei der zentralen Gedenkveranstaltung am Dienstag in Auschwitz sagte Schuster: "Ich bedauere es, dass auf dem Rücken dieses Gedenktages Politik gemacht wird." Er hätte nichts gegen die Anwesenheit Putins einzuwenden gehabt. Zudem kritisierte er, "dass es noch eine weitere Gedenkveranstaltung in Tschechien gibt. Der authentische Ort für den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar ist Auschwitz". Sowjetische Truppen hatten das Lager befreit.

Schuster hob hervor, dass sich die Holocaust-Gedenkkultur in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren positiv gewandelt habe. "Dies hat sicherlich auch damit zu tun, dass aus der Generation der Täter nur noch wenige leben und die jüngere Generation offener über dieses Thema spricht", sagte er. Eine ritualisierte Gedenkkultur empfinde er nicht als negativ, "im Gegenteil. Ich begrüße es, dass es feste Termine im Jahresablauf gibt, um sich an Ereignisse zu erinnern." Parallel forderte Schuster andere Arten des Gedenkens. Namentlich hob er die Idee der "Stolpersteine" hervor: "Diese Aktion finde ich sehr gelungen."

Mit Blick auf die Gegenwart sagte Schuster, einen wachsenden Antisemitismus sehe er in Deutschland nicht. Wohl aber beobachte er neue Formen, die häufig mit scharfer Kritik an Israel einhergingen. Beispiele dafür seien die Dämonisierung oder Delegitimierung des israelischen Staates. "Ebenso werden an Israel häufig andere Standards angelegt als an andere Staaten", erläuterte der Zentralrats-Präsident. "Antisemitismus kommt zunehmend in diesem Gewand daher", warnte er.

Historiker: Auseinandersetzung mit Holocaust wird niemals enden

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust wird nach Einschätzung des Historikers Heinrich August Winkler in Deutschland niemals zu einem Ende kommen. "Die Deutschen werden bis ans Ende aller Tage mit diesem Sündenfall konfrontiert bleiben", sagte Winkler dem "Tagesspiegel am Sonntag". "Der Bruch Deutschlands mit seinem christlichen, humanistischen und aufgeklärten Erbe ist der eigentliche Zivilisationsbruch", fügte der Historiker hinzu.

Die Einzigartigkeit des Holocaust liege darin, "dass sich Deutschland den politischen Konsequenzen der Aufklärung in Gestalt der Menschenrechte, der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie solange verweigerte, bis 1933 eine Bewegung an die Macht kam, die die bisher radikalste Negation des Projekts des Westens durch irgendein westlichen Land bedeutete". Der Deutsche Bundestag gedenkt am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus. Vor 70 Jahren war an diesem Tag das Konzentrationslager Auschwitz befreit worden.

Steinmeier warnt vor Ende des Erinnerns an Nazi-Gräuel

Anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hat Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) vor einem Ende des Erinnerns an die Gräuel der Nazi-Herrschaft gewarnt. "Es bleibt die Pflicht der Eltern, ihren Kindern zu vermitteln, dass es keinen Schlussstrich geben kann", sagte Steinmeier zu "Bild am Sonntag". "Wir können uns glücklich schätzen, dass wir nach den Untaten des Dritten Reiches, nach 70 Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg und sechs Millionen ermordeten Juden im Kreis der Völkergemeinschaft wieder aufgenommen worden sind, auch heute noch."

Der 27. Januar sei "für Deutschland ein Tag der Schande. Deutschland bekennt sich zu seiner historischen Verantwortung für den Holocaust und die Verbrechen der Nazis an Millionen von Menschen in Polen, in der ehemaligen Sowjetunion und anderswo."

Steinmeier betonte, dass die Beziehungen Deutschlands zu Israel für immer vom Erbe des Holocausts bestimmt sein werde: "Das Vertrauensverhältnis zwischen Deutschland und Israel ist über die letzten Jahrzehnte gewachsen. Die Deutschen haben gelernt, dass das monströse Verbrechen der Shoa für immer die Beziehung unserer beiden Staaten prägen wird. Ich bin dankbar, dass der Austausch zwischen Deutschen und Israelis stetig wächst."

Für viele junge Deutsche sei Tel Aviv ein beliebtes Reiseziel. Und Tausende Israelis kämen jährlich nach Deutschland. "In Berlin leben immer mehr junge Israelis und beleben unsere Hauptstadt. Einige wählen Deutschland sogar als ihre - vielleicht auch nur vorübergehende - Heimat. Wer hätte das nach unserer schrecklichen Geschichte für möglich gehalten?", so Steinmeier. Der Außenminister bekräftigte, dass Juden sich in Deutschland sicher fühlen können: "Niemals wieder dürfen wir zulassen, dass Angehörige jüdischen Glaubens bei uns gefährdet sind."

Dass Russlands Präsident Wladimir Putin nicht an der Gedenkveranstaltung am Dienstag in Auschwitz teilnimmt, sieht Steinmeier nicht im Ukraine-Konflikt begründet: "Auschwitz ist! von der Roten Armee befreit worden. Ich bin mir sicher, dass dieser Tag für Russland von großer Bedeutung ist. Aber wer für welchen Staat an den Feierlichkeiten teilnimmt, müssen wir nicht kommentieren. Ich bin mir sicher, dass das nichts mit dem aktuellen Konflikt in der Ukraine zu tun hat."

Leiter von KZ-Gedenkstätte wirft AfD Geschichtsklitterung vor

Volkhard Knigge, Leiter der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, hat der "Alternative für Deutschland" (AfD) vorgeworfen, den "geschichtspolitischen Konsens der demokratischen Parteien" aufzukündigen. Die AfD-Fraktion in Thüringen wollte am Holocaust-Gedenktag in Buchenwald einen Kranz mit einer umstrittenen Inschrift niederlegen. In der Formulierung der AfD wurden die "Opfer des Konzentrations- und Speziallagers Buchenwald" genannt.

Knigge sah darin den Versuch, "die Opfer des Stalinismus und des NS-Regimes gleichzusetzen" - und das ausgerechnet am 27. Januar, dem Tag der Befreiung von Auschwitz. In Buchenwald war nach der Befreiung des Konzentrationslagers ein sowjetisches Speziallager eingerichtet worden. Dort starben viele Unschuldige. Unter den Häftlingen waren aber auch SS-Angehörige und Funktionäre der NSDAP. Es gehe nicht um Opfer erster und zweiter Klasse, sagte Knigge, sondern um historische Präzision. Erst wenn die Verstrickung mancher Gefangener des Speziallagers in das NS-Regime thematisiert werde, sei wahrhaftiges Gedenken möglich. Bisher hatten alle im Erfurter Landtag vertretenen Parteien die differenzierte Sicht der Gedenkstätte respektiert.

Die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag hat ihren Vorschlag nach Protesten überlebender KZ-Häftlinge inzwischen zurückgezogen. Die neue Inschrift lautet nun: "In stillem Gedenken". Auch dieser Text erfülle ihn mit "leisem Entsetzen", sagte Knigge. Er falle gegen alles zurück, was es selbst in der frühen bundesdeutschen Gedenkkultur gegeben habe.

Quelle: dts Nachrichtenagentur

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