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Das Vietnam-Phantom

Archivmeldung vom 02.05.2005

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 02.05.2005 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Michael Dahlke
Bell
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Vor 30 Jahren flohen die letzten US-Beamten aus Saigon. Im laufenden Irak-Krieg spielen die Erinnerungen an dieses Scheitern eine immer stärkere Rolle Ein Bericht von TELOPOLIS

Als der Hubschrauber auf dem Dach der US-Botschaft landete, um das verbleibende Personal zu evakuieren, war der Krieg schon verloren. Heute vor drei Jahrzehnten, am 30. April 1975, evakuierte die US-Luftwaffe die letzten Landsleute und vietnamesischen Verbündeten aus Ho-Chi-Minh-Stadt, dem damaligen Saigon. Vorausgegangen waren zehn Jahre blutigen Krieges, in dem bis zu vier Millionen Vietnamesen und über 58.000 US-Soldaten ihr Leben verloren. Während der Sieg in Vietnam heute groß gefeiert wird, hat die US-Gesellschaft das Vietnam-Trauma noch immer nicht überwunden. Ganz im Gegenteil: Angesichts des Widerstandes in Irak nehmen die drohenden Vergleiche zu Vietnam wieder zu.

Anerkannt ist heute, dass der Kriegseintritt der USA in Vietnam in der Logik des Kalten Krieges stand. Vietnam sollte nicht dem kommunistischen Lager zufallen, sondern zum "Bollwerk gegen den Kommunismus" ausgebaut werden. Dieses Ziel wurde jedoch nicht erklärt.

Öffentlich diente dem damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson der Zwischenfall von Tonkin zum Anlass, 1964 den Befehl zum Bombenkrieg gegen Nordvietnam zu geben. Sein Vorgänger John F. Kennedy hatte die Basis dafür geschaffen. Johnson erklärte, in nordvietnamesischen Gewässern sei ein US-Zerstörer angegriffen worden und die USA müssten sich verteidigen. Der Angriff auf ein US-Schiff konnte bis heute jedoch nicht belegt werden. Ob Tonkin-Zwischenfall (1964) oder Massenvernichtungswaffen (2003): Eine Differenz zwischen Grund und Begründung des Kriegseintrittes ist auch im Fall des laufendes Irak-Krieges Gegenstand hitziger Debatten.

Zu den Paradoxa des Vietnam-Krieges zählt, dass es ihn, völkerrechtlich betrachtet, nie gegeben hat: Washington hatte Nordvietnam keinen Krieg erklärt. Zwar hatten die politischen Spannungen seit der Teilung des Landes in einen kommunistischen Norden und einen kapitalistischen Süden bei der Indochina-Konferenz im Juli 1945 stetig zugenommen, doch hielten sich die USA aus dem Konflikt lange heraus. Erst nach dem Scheitern der französischen Truppen im Krieg mit der kommunistischen Befreiungsbewegung griffen sie ein: John F. Kennedy entsandte schließlich Tausende "Militärberater". Erst nach dem Zwischenfall von Tonkin wurde die Zahl der Soldaten von bis dahin 15.000 auf eine Million erhöht.

Krieg gegen die Bevölkerung

Zu einem der Hauptgründe, weshalb in den Debatten um den andauernden Irak-Krieg wieder stärker Bezug auf Vietnam genommen wird, ist der Widerstand in der Bevölkerung. Zu Beginn des Krieges vor 40 Jahren konnten sich sowohl die nordvietnamesische Vietminh als auch die südvietnamesische Nationale Befreiungsfront (Vietkong) auf die Unterstützung der Landsleute stützen. Die US-Soldaten waren so ständig von potentiellen Feinden umgeben - eine Situation, die rasch zu brutalen Übergriffen auf die Zivilbevölkerung führte.

Nicht ohne Grund wurde in den Debatten um die Folter im Bagdader Gefängnis Abu Ghraib der Vergleich zum Massaker von My Lai gezogen (Das Massaker). Damals exekutierte eine US-Einheit im März 1968 schätzungsweise 500 Bewohner des gleichnamigen Dorfes. Unter den Opfern befanden sich auch zahlreiche Frauen und Kinder.

Der Medienkrieg

Zu den Lehren aus Vietnam gehört es aber auch die Kontrolle der "Medienfront". Einer der vorrangigen Gründe für den wachsenden Widerstand innerhalb der USA war die damals noch offene Berichterstattung über den Krieg - und seine brutalen Auswüchse. Es ist schließlich höchst unwahrscheinlich, dass das Massaker von My Lai jemals bekannt geworden wäre, hätten die Kriegsberichterstatter embedded berichten müssen. Auch der Abu-Ghraib-Folterskandal ist erst durch die Veröffentlichung von Fotos öffentlich geworden, die von den beteiligten Soldaten selber geschossen worden - nicht von Pressefotografen.

Während Redaktionen aus aller Welt in Vietnam ein dichtes Korrespondentennetz unterhielten, weist die Irak-Karte heute, journalistisch betrachtet, zahlreiche weiße Flecken auf. Aus Falludscha etwa sind auch fast sechs Monate nach der US-Offensive kaum Bilder zu sehen. Und schließlich geht es um die eigenen Todesopfer: Erst unter massivem Druck der Öffentlichkeit musste das Pentagon aufgrund des Informationsfreiheitsgesetzes, Hunderte von Bilder von Soldatensärgen zu veröffentlichen - zum ersten Mal seit dem Vietnam-Krieg.

Die neokonservative Lobby

Die Argumente zur weiteren Stationierung der Truppen im Kriegsgebiet ähneln sich in beiden Fällen. Ging es vor vier Jahrzehnten im die Rückdrängung der kommunistischen Einflusses zur Aufrechterhaltung der eigenen Hegemonie in Südostasien, so wird auch der aktuelle Krieg mit der Wahrung der - inzwischen weitreichenderen - US-Hegemonie begründet.

Schon während des Vietnam-Krieges waren es die Neokonservativen, die in erster Linie gegen einen Rückzug opponierten. Damals aber waren die Kriegsbefürworter des Committee on the Present Danger oder der Scoop-Jackson-Democrats", wie der Name schon vermuten lässt, noch in der Demokratischen Partei organisiert.

Die amtierende US-Regierung will von etwaigen Parallelen zwischen dem aktuellen Feldzug und dem Vietnam-Krieg verständlicherweise nichts wissen. Tatsache aber ist, dass der Widerstand im eigenen Land langsam zunimmt. Jüngst erst wies Frank Newport, der Chef des US-Umfrageinstitutes Gallup Poll, auf die ablehnende Haltung gegen beide Kriege hin. Seit Sommer 1968, so Newport, habe sich die Meinung in der US-Bevölkerung immer deutlicher durchgesetzt, der Vietnam-Krieg sei ein Fehler gewesen. Seit damals hätten dies zwölf Umfragen bestätigt. Beim letzten Meinungsbild im November 2000 haben 68 Prozent der befragten US-Bürger den damaligen Krieg als falsch verurteilt.

Der direkte Vergleich drängt sich auf. Zwar ist in den entsprechenden Umfragen noch nicht von einem "Fehler" bei der aktuellen Irak-Politik die Rede. Gallup Poll fragt auf den Irak-Krieg bezogen noch vorsichtig, ob es "richtig gewesen" sei, "in den Irak zu gehen". Doch verneinen inzwischen bereits 53 Prozent der Angesprochenen diese Frage, 47 Prozent antworten mit Ja. Und der Trend verändert sich zu Ungunsten der Regierung.

Quelle: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20006/1.html

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