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Zeugnis für selbstbewusste Frauen: In Männerkleidern – Das Drama der drei Catharina Margarethas

Archivmeldung vom 23.02.2022

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 23.02.2022 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Sanjo Babić
Zeitgenössische Darstellung von Catharina Margaretha Linck (Anastasius Lagrantinus Rosenstengel)  in Männer- und Frauenkleidung (1720)
Zeitgenössische Darstellung von Catharina Margaretha Linck (Anastasius Lagrantinus Rosenstengel) in Männer- und Frauenkleidung (1720)

Lizenz: Public domain
Die Originaldatei ist hier zu finden.

Von Catharina Margaretha Linck wüssten wir nichts, wenn sie nicht 1721 hingerichtet worden wäre, weil sie sich für einen Mann ausgab und sogar geheiratet hat. So ist ihr Leben in den Gerichtsakten dokumentiert, die im Geheimen Staatsarchiv Preußens aufbewahrt wurden und heute im Besitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sind. Dies berichtet Vera Lengsfeld auf dem Portal "Reitschuster.de".

Weiter berichtet Lengsfeld: "Ihre Entdeckung verdanken sie dem Nervenarzt Franz Carl Müller, der Ende des 19. Jahrhunderts über Sexualität außerhalb der (damaligen) Norm forschte und bei seinen Recherchen auf Linck stieß, die sich als Mann Anastasius Lagrantinus Rosenstengel nannte. Müller veröffentlichte einen fragmentarischen Auszug aus der Akte Linck unter dem Titel „Ein weiterer Fall von conträrer Sexualempfindung“ in einer medizinischen Zeitschrift. Die Autorin Angela Steidele hat die Geschichte Lincks so bewegt, dass sie eine exzellent recherchierte Biografie daraus gemacht hat, die einen faszinierenden Einblick in die Welt bietet, in der Catharina Margaretha ihr Leben verbracht hat.

Geboren wurde Linck als uneheliches Kind eines Soldaten in Gehofen im Kyffhäuserkreis, heute nach Artern eingemeindet. Wikipedia listet sie als prominente Bewohnerin dieses Ortes. Damals gehörte sie zur ärmsten Schicht der Bevölkerung. Ihrer Mutter gelang eine fundamentale Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse, als sie nach Glaucha bei Halle ging und im Waisenhaus des charismatischen Pfarrers August Hermann Francke, Gründer der heute nach ihm benannten Franckeschen Stiftung, angestellt wurde. Für Catharina bedeutete das die Aufnahme in eben dieses Waisenhaus, was ihr nicht nur Unterkunft, Essen und Kleidung bescherte, sondern auch eine schulische Ausbildung. Anders als die meisten anderen Frauen ihrer Zeit konnte sie lesen und schreiben und verfügte über eine hohe Allgemeinbildung.

Das eigenwillige Mädchen litt aber unter dem strengen Regime, das sechs Stunden Gebete vorsah. Als Zwölfjährige unternahm sie einen ersten Fluchtversuch, der scheiterte. Der aufgeklärte Menschenfreund Francke nahm sie wieder auf und stand ihr auch später im Leben immer wieder bei.

Mit 15 Jahren verließ Catharina Halle für längere Zeit. Sie schloss sich einer radikalpietistischen Wandertruppe an, mit der sie weit in den deutschen Landen herumkam. Mit der Taufe durch die Prophetin dieser Truppe, Eva Langin, auf den Namen Anastasius Lagrantinus Rosenstengel nahm Catharina, die auch schon vorher ab und zu in Männerkleidern auftrat, eine radikale Veränderung ihres Lebens vor. Sie war nun ein Mann.

Die körperlichen Voraussetzungen, eine kräftige Statur, hatte sie. Wie sie es schaffte, zwei Jahre in einer Gemeinschaft zu leben, ohne dass die es merkte, dass Anastasius eine Frau war, bleibt Catharinas Geheimnis. Sie betätigte sich in diesen zwei Jahren als Prophet. Allerdings hatte sie mit ihren Prophezeiungen kein Glück. Ein Nürnberger Kaufmann, dem sie vorhergesagt hatte, dass er wie Jesus über Wasser laufen könnte, wäre in der Pegnitz ertrunken, hätte man ihn nicht schnell aus dem Wasser gezogen. Anastasius verteidigte sich mit dem unabweisbaren Argument, der Kaufmann wäre nicht fest genug im Glauben gewesen. Etwas Ähnliches wiederholte sich später in Köln. Es muss an den wachsenden Zweifeln an seinen hellseherischen Fähigkeiten gelegen haben, dass Anastasius die Truppe verließ und als Catharina wieder in Glaucha auftauchte.

In Halle lernte sie Knopfmacher- und Kattundruckerei. Finanziell ging es ihr nie wieder so gut, aber das stille Leben behagte ihr nicht. Sie verschwand aus Halle und tauchte als Soldat wieder auf. Unter verschiedenen Männernamen diente sie in mehreren Regimentern. Als sie vom Krieg genug hatte, überredete sie zwei Kameraden, mit ihr zu desertieren. Die Flucht ging schief, die Deserteure wurden zum Tode durch den Strang verurteilt. In dieser Situation erwies sich, dass Anastasius/Catharina über ungewöhnliche Nervenstärke und Manipulationsfähigkeiten verfügt haben muss. Unter dem Galgen, ein Kamerad war gerade gehängt worden, Anastasius sollte der Nächste sein, bat er darum, ein letztes Wort mit dem anwesenden Pastor sprechen zu dürfen. Das wurde gewährt und er offenbarte dem Geistlichen unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit, dass er eine Frau sei. Der Pastor solle verhindern, dass ihre weibliche Identität nach ihrem Tod bekannt würde.

Der Mann tat genau das, worauf Anastasius gehofft haben muss: Er enthüllte den Anwesenden, dass es sich bei dem Delinquenten um eine Frau handelte. Die Hinrichtung wurde daraufhin abgesetzt und Catharina für weitere Untersuchungen abgeführt. Ihr Fall machte schnell die Runde. Schon am nächsten Tag kam der preußische General Friedrich Wilhelm von Gumbkow angeritten, um sich Catharina anzuschauen. Von ihm stammt die Feststellung, sie hätte ein „beau visage“, ein schönes Gesicht, besessen. Er berichtete auch dem König von dem kuriosen Vorfall. Gerettet wurde Catharina von Pfarrer Francke, der nicht nur ihre Angaben bestätigte, sondern sich für sie einsetzte. Nach sechzehn Wochen Haft wurde sie aus der Kompanie entlassen und nach Halle geschickt. Sie hatte aber keineswegs vom Soldatendasein genug, sondern heuerte, statt nach Halle zurückzukehren, unter einem anderen Namen ausgerechnet bei der Truppe von General Gumbkow an.

Woher Francke erfahren hatte, dass sie das tat, bleibt ungewiss; Tatsache ist, dass der Pfarrer versuchte, sie mit Hilfe eines Amtskollegen aus der Armee herauszuholen. Das gelang nicht. Erst als Catharina infolge eines Streits zum Spießrutenlaufen verurteilt wurde, was ihre wahre Identität enthüllt hätte, hatte sie keine Wahl mehr. Wunderbarerweise gelang ihr die Flucht. Nach Halle konnte sie als Mann nicht, also entschied sie sich, nach Halberstadt zu gehen, das eines der pietistischen Zentren war. Sie tauchte in der Stadt, die ihr Schicksal besiegeln sollte, als Anastasius Langrantius Rosenstengel auf, Knopfmacher und Kattundrucker aus dem Böhmischen. Hier verliebte sie sich in ihre Namensvetterin Catharina Margaretha Mülhahn. Es gelang Anastasius, Catharina zu heiraten, obwohl es schon beim Aufgebot Zweifel daran gab, ob Anastasius wirklich ein Mann war. Besonders seine Schwiegermutter, die dritte Catharina Margartha, war misstrauisch. Eine Zeitlang gelang es Anastasius, ihre Zweifel zu zerstreuen, indem er ihr vorführte, dass er im Stehen pinkeln konnte.

Für seine Männlichkeit führte Anastasius einen ledernen Dildo am Körper, mit dem es ihm gelang, seine Umgebung zu täuschen. Der Gerichtsakte nach soll er als Soldat sogar Prostituierte mit diesem Dildo von seiner Männlichkeit überzeugt haben. Vielleicht wäre alles gut gegangen und wir hätten von Catharina/Anastasius nie erfahren, wenn er mit dem Handwerk, das er erlernt hatte, seine Ehefrau ordentlich unterhalten hätte. Stattdessen verkaufte er ihre Aussteuer und das Paar musste sich durch Bettelei im Nachbarstaat ernähren. Das ging der Schwiegermutter zu weit und anlässlich eines Besuchs von Anastasius in Halberstadt überwältigte sie ihn mit Hilfe einer Nachbarin, schlitzte seine Hose auf und hatte den Beweis seines Frauseins offengelegt. Sie brachte den Dildo zum Rathaus, wo sie Cathahrina anzeigte.

Womit die Schwiegermutter-Catharina wohl nicht gerechnet hatte war, dass auch ihre Tochter verhaftet wurde. Beide Frauen verbrachten mehr als zwei Jahre im Verließ. So lange dauerte die Untersuchung und die Urteilsfindung.

Gerne hätte ich berichtet, dass Catharina die Schuld auf sich genommen und ihre Frau im Verhör entlastet hätte, aber das Gegenteil war der Fall. Sie gestand nicht nur alle Vergehen, die man ihr nachweisen konnte, sondern auch solche, von denen der Richter nichts wusste. So teilte sie mit, dass sie und ihre Frau Fellatio betrieben hätten, damals ein todeswürdiges Verbrechen.

Die Mülhahn rettete sich, indem sie das naive Dummerchen spielte, das nie einen Mann, auch ihren angeblichen Ehemann nicht, nackt gesehen hätte, dass ihr die männliche Anatomie gänzlich unvertraut wäre. Zwar glaubten ihr die Halberstädter Richter, auch der Professor der Uni Duisburg, der das Urteil bewerten sollte, nicht, weswegen er Folter zweiten Grades für Mülhahn verhängte. Außerdem verschärfte dieser Professor das Urteil für Catharina, dass sie gehängt statt mit dem Schwert gerichtet und ihr Körper verbrannt werden sollte.

Zum Glück für beide Frauen musste das Urteil noch nach Berlin geschickt und dort von König Friedrich Wilhelm bestätigt werden. Bevor es der Monarch zu Gesicht bekam, wurde es von seinem Geheimen Rat evaluiert. Es ist bemerkenswert, wie die aufgeklärten Richter sich redlich bemüht haben, Folter und Todesstrafe für beide Frauen abzuwenden. Sie waren nur erfolgreich, was Mülhahn betrifft. Der Soldatenkönig, der für die Liebe zu seinen „langen Kerls“ und seine Männertanzrunden bekannt war, kannte keine Gnade für Catharina. Zumindest minderte er das Duisburger Todesurteil ab und verfügte Hinrichtung durch das Schwert. Auch ließ er sich von dem Sparsamkeitsargument des Halberstädter Bürgermeisters überzeugen, dass Holz und Teer für die Verbrennung von Catharinas Leiche zu teuer sei und gestattete ein Verscharren auf dem Galgenberg.

Heute gibt es den Galgenberg nicht mehr, er wurde für ein Gewerbegebiet eingeebnet und die Knochen, die man dabei fand, wurden entsorgt. Ohnehin hätte man nicht gewusst, welche davon zu Catharina gehörten. Aber ihre ungewöhnliche Geschichte ist ein Zeugnis dafür, dass es zu allen Zeiten selbstbewusste Frauen gegeben hat, die ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen haben. Dieses lebendige Gedenken ist mehr als ein Grabstein."

Quelle: Reitschuster

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