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Drei Jahre nach Fukushima: "Wann verschwindet die Radioaktivität?"

Archivmeldung vom 05.03.2014

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 05.03.2014 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Manuel Schmidt
Bild: Gerd Altmann / pixelio.de
Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

In diesem Jahr jährt sich die Katastrophe zum dritten Mal: Am 11. März 2011 richteten Erdbeben und Tsunami unvorstellbare Schäden auf der japanischen Insel an. Darauf folgte die Reaktorkatastrophe. Seitdem ist in dem Land nichts mehr wie vorher. Lehrende und Studierende der Universität Leipzig forschen zu den Auswirkungen dieses Ereignisses und haben festgestellt: Die politische Kultur in Japan hat sich verändert.

"Ich möchte einen Hund haben"; "Ich wünsche mir ein langes Leben" - Diese Dinge könnte sich jedes Kind wünschen. Deshalb scheinen sie auf den ersten Blick banal. Wenn man weiß, dass japanische Kinder, die in der Evakuierungszone bzw. auch in anderen verstrahlten Gebieten in Fukushima zu Hause waren, diese Wünsche formuliert haben und einige von ihnen umgesiedelt wurden oder nahe Verwandte verloren haben, bekommen sie eine andere Bedeutung. "Briefe von Kindern aus Fukushima: Wann verschwindet die Radioaktivität?" heißt das Buch, das die Japanerin Nishikata Kanako im Februar 2012 in Japan veröffentlicht hat. "Ich möchte, dass Sie wissen, mit welchen Gefühlen die Kinder tagtäglich leben und was sie beschäftigt", schreibt die Herausgeberin Nishikata, ebenfalls Mutter zweier Kinder, im Vorwort des Buches.

Auch sie ist aus Fukushima geflohen und kämpft seitdem für mehr Öffentlichkeit. Julia Fröhlich und Katja Jähne, Studentinnen der Japanologie an der Universität Leipzig, haben das Buch gerade ins Deutsche übersetzt. Es soll in Kürze hierzulande erscheinen.

Für Julia Fröhlich bringt das Buch drei Jahre nach der Katastrophe die Tatsachen klar auf den Punkt: Seit dem 11. März 2011 ist in Japan nichts mehr wie vorher, vor allem nicht für die Kinder, die in und um Fukushima leben. "Die Kinder können nicht einfach draußen spielen, was und wie sie wollen. Sie sind als Kinder nicht mehr frei. Im Sommer haben sie mit der Wärme zu kämpfen, sie können die Fenster nicht einfach öffnen, um zu lüften. Das ist schon sehr beklemmend und das kommt in dem Buch deutlich zum Ausdruck", sagt Fröhlich.

Sie ist eine der Studentinnen, die gemeinsam mit Prof. Dr. Steffi Richter am Ostasiatischen Institut der Universität Leipzig kurz nach dem 11. März ihre Forschung den Ereignissen in der Welt anpassten. Gleich zu Beginn des Sommersemesters 2011 stampften sie ein Seminar aus dem Boden, durchforsteten alle Bereiche der japanischen Gesellschaft, um drängenden Fragen nachzugehen: Wie konnte es soweit kommen? Was macht eine derartige Katastrophe mit den Menschen, die in Japan leben? Steffi Richter forscht seit vielen Jahren zur Konsumkultur in Japan. Sie will herausfinden, wie es gelungen ist, die Bevölkerung in Befürworter von Atomkraftwerken (AKW) und Konsumenten - sozusagen Genussmenschen - zu verwandeln, die kritische Fragen eben nicht stellen. Dabei gab es in Japan schon immer eine Anti-AKW-Bewegung. Diese war aber im Parteiensystem nicht verankert und reagierte weniger laut als in Westeuropa seit den 1970er Jahren.

In den vergangenen drei Jahren sind zwei Publikationen zum Thema entstanden, eins davon, das Fukushima-Lesebuch, wurde mit dem Preis "Umweltbuch des Monats Dezember 2013" von der Deutschen Umweltstiftung ausgezeichnet. Zudem übersetzten die Studierenden wichtige Zeitzeugendokumente, führten Interviews mit Aktivisten und Künstlern und sammelten alle Texte auf der Webseite "Textinitiative Fukushima". Eines hat sich während der Recherche ganz klar herauskristallisiert: "Die politische Kultur in Japan hat sich verändert", sagt Prof. Richter. "Die Menschen sind aufmerksamer geworden, sie nehmen stärker am politischen Leben teil und die Geschehnisse nicht mehr einfach so hin." So wie auch Nishikata Kanako. Laut Umfragen sind mittlerweile über 50 Prozent der Japaner gegen Atomkraft.

Quelle: Universität Leipzig (idw)

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