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Ersehnte Rettung für wertvolle Seidentunika

Archivmeldung vom 11.04.2017

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 11.04.2017 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Manuel Schmidt
Entscheidender Moment: Die Kunsttransporteure heben mit den Sauggriffen die Glasscheibe an... Quelle: © Foto: Sabine Schrenk (idw)
Entscheidender Moment: Die Kunsttransporteure heben mit den Sauggriffen die Glasscheibe an... Quelle: © Foto: Sabine Schrenk (idw)

Bislang verhinderte eine rund 80 Kilogramm schwere Glasplatte, dass in Mailand eine Jahrhunderte alte wertvolle Seidentunika restauriert werden konnte, die dem Heiligen Ambrosius zugeschrieben wird. Einer Archäologin der Universität Bonn gelang nun mit einem Team aus Restauratoren und Kunsttransporteuren das Kunststück, die Tunika von ihrer schweren Last zu befreien, das Gewebe zu konservieren und damit für die Nachwelt zu erhalten.

… und heben die schwere Platte zur Seite. Nun ist die wertvolle Seidentunika frei zugänglich für die anstehenden Konservierungsarbeiten. Quelle: © Foto: Sabine Schrenk (idw)
… und heben die schwere Platte zur Seite. Nun ist die wertvolle Seidentunika frei zugänglich für die anstehenden Konservierungsarbeiten. Quelle: © Foto: Sabine Schrenk (idw)

Reliquien waren bereits in der frühen christlichen Kirche verbreitet. Zu den religiös verehrten Hinterlassenschaften der Heiligen zählen zum Beispiel auch Textilien. So werden in Mailand wertvolle Seidengewänder dem Heiligen Ambrosius zugeschrieben. Der Stadtpatron lebte im vierten Jahrhundert, seine Gebeine ruhen dort in der nach ihm benannten Basilika Sant’Ambrogio. Ambrosius forcierte als Bischof der Kaiserresidenz Mailand die Reliquienverehrung, auf ihn gehen zum Beispiel auch die ambrosianischen Gesänge zurück.

„Unter den Seidengewändern, die als Reliquien des Heiligen verehrt werden, befindet sich auch eine traumhafte schöne Tunika“, sagt Prof. Dr. Sabine Schrenk von der Christlichen Archäologie der Universität Bonn. Der Zahn der Zeit nagte an dem wertvollen Textil, doch konnte eine neuere Konservierung nicht durchgeführt werden, weil die Seidentunika seit vielen Jahren in Mailand unter einer rund 80 Kilogramm schweren Glasplatte aufbewahrt wurde. „Die Scheibe war zum Schutz der Reliquie gedacht“, berichtet Schrenk. „Allerdings warf darunter das Seidentextil Wellen, das große Gewicht der Glasplatte schadet deshalb den viele Jahrhunderte alten Fasern.“

Expertinnen haben viel Erfahrung mit wertvollen Seidentextilien

Die Konservierung des Gewandes war eine große Herausforderung: Wie lässt sich die Scheibe vom Seidentuch lösen, ohne dass sie zerbricht oder die daran haftenden Fasern reißen? Da Sabine Schrenk mit der Kölner Textilrestauratorin Ulrike Reichert bereits mehrere wertvolle Seidengewebe in Sant’Ambrogio mit Erfolg konserviert und damit vor weiteren Schäden geschützt hat, machten sich die beiden Expertinnen schon seit längerem Gedanken, wie auch ein solch heikles Unterfangen gelingen könnte.

Zusammen mit den Verantwortlichen von Sant’Ambrogio, Abate Erminio de Scalzi und Monsignore Biaggio Pizzi, sowie mit den Denkmalschützern von Diözese und Stadt, Dr. Carlo Capponi und Dr. Antonella Ranaldi, entwickelten Schrenk und Reichert einen Plan. Dabei spielte das Kunsttransportunternehmen APICE aus Mailand eine wichtige Rolle: Geübt im Verfrachten schwerer Gemälde und Skulpturen übernahmen die Experten um Fabiano Panzironi die schwierige Aufgabe, die Glasplattenmontage zu transportieren und abzuheben.

Die mit cirka 170 mal 280 Zentimeter stattliche Seidentunika wurde in einem Schubladenschrank auf der Empore von Sant’Ambrogio verwahrt. Dieser Raum war jedoch für die Konservierungsarbeiten ungeeignet. Deshalb packten die Transporteure die Glasscheiben mit der wertvollen Fracht zwischen zwei große Holzplatten, senkrecht wurde dann das riesige Gebilde durch schmalste und verwinkelte Gänge ins Archiv der Basilika gebracht, das für einen Monat in eine Werkstatt umgewandelt wurde. „Dieser Transport war höchst riskant“, berichtet die Restauratorin Ulrike Reichert. An manchen Stellen mussten die Kunsttransporteure in Millimeterschritten vorgehen, damit die Passage endlich gelang.

Ein Sandwich aus Holz, Glas und der Seidentunika

In der Werkstatt angekommen wuchteten die sechs Kunsttransporteure das Glas-Seidentunika-Holz-Sandwich auf einen großen Tisch. Nun stand der gefährlichste Moment der Konservierung bevor. Während die Kunsttransporteure die Glasscheibe mit Sauggriffen ganz wenig anhoben, löste Ulrike Reichert mit einem flachen Stab Quadratzentimeter für Quadratzentimeter ganz vorsichtig die Seidentunika von der Glasscheibe. „Diese Arbeiten zogen sich länger hin – für die Helfer war es ein Kraftakt, die schwere Scheibe die ganze Zeit in der Schwebe zu halten“, sagt Schrenk.

Dann kommt der entscheidende Moment: Wird die obere Glasscheibe beim Hochheben brechen und die Tunika zerreißen? Ganz vorsichtig liften die Spezialisten die schwere Platte mit den Sauggriffen Zentimeter um Zentimeter. Die Seidenfasern bleiben unversehrt! Zügig heben die Träger die Glasscheibe zur Seite und legen sie auf dem Tisch ab. Nun ist das wertvolle Gewebe frei zugänglich für die Konservierung. Die feinen Seidenfasern werden aufwendig gereinigt und die kostbare Tunika anschließend mit einer leichten Kunststoffscheibe gegen Umwelteinwirkungen geschützt. „Der Erfolg zeigt, dass es richtig war, das Wagnis einzugehen“, sagt Schrenk. „Das großartige Team hat gemeinsam diese Herausforderung gemeistert.“ Das Projekt wird von der Gielen-Leyendecker-Stiftung gefördert.

Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (idw)

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