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Die Verschmelzung von Geist und Computer

Archivmeldung vom 29.05.2005

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 29.05.2005 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Michael Dahlke

In naher Zukunft schon soll es ein Geist-Rechner-Interface geben, mit dem man Filme oder Computerspiele nicht nur hören und sehen, sondern auch anders sinnlich erfahren kann. gmx.de, berichtet

Geschmack und Gefühl, Geruch und selbst direkt induzierte Emotionen sollen durch ein von Sony im Jahr 2000 zum Patent angemeldetes Gerät erfahrbar werden, dessen Konzept der Entertainment-Konzern seitdem mehrmals, zuletzt im Februar 2005, spezifiziert hat. Und das alles ohne Eingriff in den Körper. Per Ultraschall sollen bestimmte Regionen des Gehirns gezielt stimuliert werden, so dass auch die Synapsen den Vorstellungen des Regisseurs entsprechend feuern. Konkrete Experimente oder eine Umsetzung des Konzepts gebe es noch nicht, sagte Sony dem "New Scientist". Noch sei das eine Vision.

Die Möglichkeiten sind verlockend. Für die deutsche Filmkomödien-Industrie könnte das endlich den Auslandsmarkt eröffnen und auch Gracia hätte in Kiew wohl bessere Chancen gehabt - gut ist schließlich das, was man so empfindet. Doch Spaß beiseite. Was wie reine Science Fiction klingt, mag schon bald keine mehr sein. Nicht nur die Entertainmentindustrie treibt die Entwicklung von Interfaces voran, die das Spektrum der medial vermittelbaren Sinneseindrücke erweitern wollen.

Auch der umgekehrte Weg, die Beeinflussung des Computers durch den menschlichen Geist, wird von vielen aus teils guten Gründen gewünscht. Hier und da gibt es bereits Ansätze, wenn es etwa Forschern gelingt, einen Computercursor durch mentale Kommandos zu steuern oder wenn eine Beinprothese Nervenimpulsen gehorchen lernt.

Für Futurologen und manche Kybernetiker ist das erst der Anfang einer logischen Entwicklung hin zu einem Ziel, das Otto-Normalverbraucher zunächst eher skurril erscheint als wünschenswert: der Verschmelzung von Geist und Maschine.

Ist der Geist wirklich übertragbar?

Die Idee des beseelten Kunstmenschen ("Golem") und die des durch Kunstfertigkeit optimierten Übermenschen, zieht sich seit vortechnischen Zeiten durch unsere Denkwelt. Seit aber vor rund 200 Jahren unsere Arbeits- und Lebenswelt zunehmend von Maschinen geprägt wurde, erschien mit einem Mal denk- wenn nicht gar machbar, was über Jahrhunderte nur für Mystik, Märchen und Mythen gut war.

Schon 1816 ließ Mary Shelley ihren Doktor Frankenstein (Erstausgabe: 1818) aus Leichenteilen einen künstlichen Menschen montieren, der sich schnell als Gefäß für sehr viel Geist erwies - doch besaß er auch Seele? Genau über diese Frage philosophieren seitdem Fantasten und Forscher. Lässt sich mit dem geballten Erfahrungsschatz eines Menschen auch dessen Sein in einen anderen Speicher übertragen, womöglich einen künstlichen?

Klar, sagt Ian Pearson, einer der prominentesten Futurologen Großbritanniens und bei British Telecom dafür bezahlt, die multimediale Zukunft zu ersinnen. Bereits 2050, sagte er dem "Guardian", würden es sich Reiche leisten können, ihr Gehirn in einen Rechner hochzuladen. Arme Schlucker hingegen müssten wohl bis "2075 oder 2080" warten, "wenn das zur Routine geworden ist".

Doch warum sollte man überhaupt wollen, dass Geist und Seele in einer Maschine landen? Die Antwort darauf brachte Richard Barbrook in seinem Essay "Der heilige Cyborg" prägnant auf den Punkt: "Babys zu machen, ohne Sex zu haben; der Herr über Sklaven zu sein; Unsterblichkeit zu erlangen; ja sich sogar in reinen Geist zu verwandeln". Kurzum: Es geht um Macht, Immunität gegen Krankheiten und die Fährnisse des Lebens, letztlich um Unsterblichkeit.

Von der träumen dann auch prominente Kybernetiker und Futurologen wie Ray Kurzweil oder Kevin Warwick, die hoffen, ihr Leben, seine Länge und Qualität durch die Implantierung einer wachsenden Anzahl künstlicher Körper-Austauschelemente verbessern zu können.

Digital zum Übermenschen

Der logische Endpunkt dieses Traums ist der Cyborg, das mechanisch-digital aufgemotzte Menschenwesen. Wer das für reine Spinnerei hält, mag an Herzschrittmacher und andere künstliche Organe denken. Es gibt gute Gründe dafür, Teile des kranken Körpers durch gesunde Mechanik zu ersetzen.

Für Barbrook und Co. aber geht diese Entwicklung weiter. Letztlich hängen sie einer Denkschule an, für die der Biologe Julian Huxley vor 50 Jahren den Begriff "Transhumanismus" prägte. Der strebt die Verbesserung des menschlichen Zustandes durch technologische Methoden an - ohne dabei das Erbe des Humanismus zu vergessen.

Doch während man etwa Kevin Warwicks Cyborg-Visionen, die den menschlichen Körper mittels intelligenter Prothesen zu einer "Übermenschlichkeit" führen wollen, noch irgendwo zwischen nachvollziehbar und exzentrisch verorten kann, dürfte Pearsons Gedanke die meisten Menschen schlicht erschrecken: ihr Gehirn, ihre Erfahrungen und Gefühle vor dem Tod in eine Datenbank zu übertragen und so dem Tod zu entgehen.

Neu ist auch dieser Gedanke nicht. Die Macher der "Enterprise"-Serie schienen seit deren Anfängen sogar regelrecht besessen davon zu sein. Stets ging es ihnen dabei um die Frage, was bei einem solchen Transfer mit der Seele geschieht. Was im Laufe der Jahrzehnte da denk- und machbar erschien, lässt sich an diversen Episoden ablesen.

In "Spocks Gehirn" (1968) beispielsweise wird eben jenes eiweißhaltige Organ von einer Zivilisation von - man entschuldige den Ausdruck - völlig verblödeten Amazonen geraubt, die nicht weniger verblödete Männer als reine Arbeitsklaven halten und ihr Geschick völlig der Macht eines Elektronengehirns überantwortet haben. Da aber Computer allein ebenfalls immer irgendwie blöd sind, braucht die zentrale Steuereinheit eine organische Komponente - Spock bietet sich da natürlich an.

Zum Glück schafft es Doktor "Pille" McCoy, Spocks Körper am Leben zu halten und mit einer TV-Fernbedienung fernzusteuern, auf dass die beiden, unterstützt durch Scotty und Captain Kirk, erstens das Gehirn wieder in Spock zurück bekommen und zweitens die enthirnten Amazonen zur Vernunft bringen. Und das hieß 1968 noch: Verlasse Dich nicht auf einen Computer.

Das Gehirn auf dem Weg zur Datenbank

Das sahen die Macher von "Star Trek - Next Generation" rund 20 Jahre später schon anders. In einer Folge mutiert der immer ziemlich schusselige Leutnant Barclay zu einem wahren Hypergenie, nachdem sein Geist mit einem Superrechner verschmilzt.

Das Maschinenwesen erweist sich als stärker als der Mensch, steuert Barclay gegen seinen Willen. Am Ende gewinnt der sogar noch ein paar IQ-Punkte, als ihn die Maschine wieder loslässt. So viel Intellekt lässt auch das primitive Menschenhirn nicht unbeeindruckt.

Die vielleicht menschlichste Figur der Serie, der absolut nicht-menschliche Maschinenmensch Data, wird gleich mehrmals zum "Gefäß" für Geist und Seele anderer Lebewesen. In "Ungebetene Gäste" (Sternzeit: 45571,2) übernehmen die zu Energiewesen mutierten Seelen verurteilter Strafgefangener die Kontrolle über ihn und einige seiner Kumpel und Kollegen. Der Androide Data erweist sich dabei als ziemlich idealer Alternativkörper.

Ist Speicher gleich Speicher?

Das findet auch der technisch frisch gehaltene Geist der uralten Gottheit "Masaka", der in "Der Komet" die Kontrolle über Data übernimmt. Weil Nomen ja oft Omen ist, erweist sich Masaka als reichlich fieser Möp, der zum Glück durch eine Art Exorzismus ausgetrieben werden kann.

Den Visionen mancher Transhumanisten und "Uploader" am nächsten kommt jedoch die Folge "Das fremde Gedächtnis". Hier wird Data zum neuen Körper des genialen, todkranken Forschers Ira Graves. Der rettet so nicht nur so seinen Geist, sondern auch seine Seele inklusive Libido, was dann auch sofort auffällt, als Data beginnt, Graves Assistentin Kareen Brianon anzubaggern.

Das Fleisch ist halt schwach, auch wenn der Körper künstlich ist. Es gibt Dinge, die wollen bei Mensch und Maschine nicht so recht zueinander passen.

Eigenes Bewusstsein für Maschinen

Am Ende sieht das natürlich auch der eigentlich herzensgute Graves ein und stimmt der Übertragung seiner Wesensessenz auf den Bordcomputer der "Enterprise" (ein deutlich weniger durch Systemabstürze oder Viren bedrohtes Modell als heutige) zu. Natürlich geht dabei leider, leider seine Seele verloren: Graves wird als reiner Intellekt konserviert.

Überhaupt schienen sich die "Star-Trek"-Macher am Ende zu der Erkenntnis durchgerungen zu haben, dass sich Mensch schnell die Seele erkältet, wenn er zu mechanisch wird. Die zu einer Art bio-mechanisch-digitalem Bienenschwarm assimilierten Borg sind das abschreckendste Beispiel. Sie kultivieren allenfalls noch Tertiärtugenden wie absolute Ordnung und Kadavergehorsam, sind aber so auf Effektivität gebürstet, dass ihnen selbst das Assimilieren der halben Galaxie keinen Spaß mehr macht. Den Menschen überlegen - aber schaurig.

Ob nun ein "Upload", die Übertragung der geistigen Wesensessenz eines Menschen auf eine Datenbank, überhaupt je Bewusstsein haben könne, wird auch unter den Verfechtern solcher Visionen kontrovers diskutiert.

Für Ray Kurzweil ist klar, dass die Entwicklung nicht nur wirklich intelligenter, sondern gar emphatischer Computer fast unmittelbar bevorsteht. Mehr noch: Rechenmaschinen sollen seiner Vorstellung nach als neuronale Rechner eigenes Bewusstsein entwickeln - auch das eine in der Science Fiction gängige Vorstellung, wie sie zum Beispiel in Steven Spielbergs "Der 200-Jahre-Mann" (basierend auf einer Novelle von Isaac Asimov) oder in Philip K. Dicks "Do Androids Dream of Electric Sheep?" ihren Niederschlag findet (mit Harrison Ford als "Bladerunner" verfilmt).

Ewiges Leben - bis zum Hardwarecrash

Für solche Tech-Optimisten ist die Antwort auf die Seelen-Frage also dann zu bejahen, wenn die Strukturen des elektronischen Gehirns denen des menschlichen ähneln oder sie erfolgreich emulieren können. In der Datenbank eines solchen neuronalen Rechners träumen dann organisch tote, elektronisch bewahrte Seelenheiten gemeinsam ihr ewiges Leben - zumindest bis zum Stromausfall oder Hardwarecrash.

Die "softere" Variante der gleichen Vision kann sich auch Marvin Minsky vom MIT vorstellen. Kryonisch konservierte, also tiefgefrorene Menschen könnten demnach ihre Leben virtuell als Avatare weiterführen - die Matrix lässt grüßen.

Spätestens an diesem Punkt wird die Vision zum zukunftsträchtigen Geschäft. Wenn man daran glaubt, dass in nicht allzu ferner Zukunft eine Form der elektronisch ermöglichten Unsterblichkeit denkbar sei, was liegt näher, als sich einfrieren zu lassen?

Das tut auch der reiche Tom Cruise in "Vanilla Sky", als er sein Leben nicht mehr erträgt - er träumt es fortan im Kälteschlaf. Das "Unhappy Ending" des Films zeigt uns, dass das manchmal besser ist.

Es geht also auch um Erlösungsfantasien. Obwohl viele Transhumanisten den Religionen sehr fern stehen, hat ihr Glaube an die "Heilung des Alterns" und ein Leben nach dem organischen Tod selbst etwas sektiererisches, neo-religiöses - und mitunter sehr geschäftstüchtiges: Wo sich heute schon Geld mit den Dienstleistungen von morgen machen lässt, sind Börsenmakler und Prediger nie fern.

Quelle: http://www.gmx.net

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