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Angst vor Grippe-Viren?

Archivmeldung vom 18.09.2013

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 18.09.2013 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
Bild: Dieter Schütz / pixelio.de
Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Von der gesundheitlichen Risikowahrnehmung hängt ab, inwieweit sich jemand vor möglichen Gefahren schützt. Wie lässt sich jedoch diese Risikowahrnehmung eines Menschen messen? Was sind die zugrundeliegenden Prozesse? Diesen Fragen ging eine Gruppe Konstanzer Psychologen anhand einer Fernsehdokumentation über den Influenza-Virus H1N1, bekannt als „Schweinegrippe-Virus“, nach.

Das Forschungsteam um Dr. Ralf Schmälzle zeichnete mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT) die Hirnaktivitäten von Probanden auf, während sich diese die Dokumentation anschauten. Die Ergebnisse zeigten Verarbeitungsunterschiede im sogenannten anterioren Cingulum zwischen Menschen mit hoher Risikowahrnehmung und einer Vergleichsgruppe mit niedriger Risikowahrnehmung. Diese Hirnregion wird mit der emotionalen Verarbeitung von Reizen in Verbindung gebracht. Die Untersuchungsergebnisse sind im „Journal of Neuroscience“ erschienen.

Während der H1N1-Pandemie 2009/2010, als das Schweinegrippe-Virus global auftrat, spielten die Medien eine entscheidende Rolle bei der Risikokommunikation. Was bewirken solche Beiträge bei den Zusehenden und wie hängt ihre Verarbeitung von der bereits bestehenden, individuellen Risikowahrnehmung ab? Um die Frage zu beantworten, zeigten die Forschenden Probanden einen Dokumentarfilm über den Schweinegrippe-Virus. Zuvor hatte das Forschungsteam zwei Gruppen von Probanden zusammengestellt: Eine Gruppe von Personen, die mit der Schweinegrippe ein hohes Risiko verbanden, und eine zweite Gruppe, deren Mitglieder den Virus nicht als solch hohes Risiko wahrnahmen.

Beiden Gruppen wurde dieselbe Fernsehdokumentation über H1N1 gezeigt. Diese diente somit als Reiz, um entsprechende Reaktionen im Gehirn hervorzurufen. Eine echte Fernsehdokumentation stellt jedoch eine besondere Herausforderung dar, da sie im Gegensatz zu den üblichen Laborreizen zeitlich dynamisch ist und vielfältige Informationen enthält. „Wenn wir verstehen wollen, wie das Gehirn unter realistischen Bedingungen arbeitet, dann brauchen wir zwingend natürliche, reichhaltige Reize“, so Ralf Schmälzle, der in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Harald Schupp und Prof. Dr. Britta Renner die beiden Fachdisziplinen der Neurowissenschaften und Gesundheitspsychologie verbindet.

Während die Probanden die H1N1-Dokumentation betrachteten, wurde im Kernspintomografen ihre Gehirntätigkeit gemessen. Anschließend wurde für jede einzelne Hirnregion die Übereinstimmung der Aktivitätsverläufe zwischen den Zusehenden ermittelt, das heißt, wie ähnlich einzelne Hirnregionen reagierten. Diese Analysemethode wurde in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Honey von der Princeton University, USA, speziell für diese Studie adaptiert.

Der visuelle Teil des Gehirns reagierte bei allen Probanden nahezu gleich. „Wenn wir denselben Film sehen, dann trifft auf unsere Augen dieselbe Information, wird ins Hirn weitergeleitet und verarbeitet. Das läuft bei uns allen sehr ähnlich ab, weil es ja derselbe Film ist“, erklärt Ralf Schmälzle die intersubjektive Übereinstimmung der neuronalen Verarbeitung in visuellen Hirnregionen. Dasselbe galt auch für auditorische Hirnregionen. In einer anderen Region waren allerdings deutliche Unterschiede zu erkennen: Im sogenannten anterioren Cingulum war bei den Zusehenden mit hoher Risikowahrnehmung eine deutlich größere Ähnlichkeit festzustellen, während die Gruppe mit niedriger Risikowahrnehmung heterogener reagierte.

„Das anteriore Cingulum wird in der Neurowissenschaft unter anderem mit emotionaler Verarbeitung, Selbstrelevanz und antizipatorischer Ängstlichkeit in Verbindung gebracht. Es scheint also, als ob sich die Zusehenden mit hoher Risikowahrnehmung emotional in die Botschaft einklinken und mehr an der risikobezogenen Information dranbleiben“, fasst der Psychologe zusammen und ergänzt: „Das heißt, dieser Teil des Gehirns reagiert nicht mehr nur rein reizgetrieben, sondern hier hängt die Verarbeitung von der Risikowahrnehmung ab. Unser Ansatz trägt dazu bei, diese Prozesse zu erforschen, die wir leider nur schwer verbalisieren können. Genau diese Prozesse sind es aber vermutlich, die eine Risikowahrnehmung authentisch und selbstrelevant machen.“

Die Ergebnisse der Konstanzer Psychologen eröffnen somit neue Möglichkeiten sowohl für die Erforschung der Risikokommunikation als auch für die Gesundheitspsychologie, in der Risikowahrnehmung als Katalysator für Schutzverhalten gilt.

Quelle: Universität Konstanz (idw)

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