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Raumplanung vor 35.000 Jahren - Ausgrabungen in Breitenbach decken Elfenbeinwerkstatt auf

Archivmeldung vom 13.09.2012

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 13.09.2012 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Manuel Schmidt
Dokumentation der Breitenbacher Elfenbeinwerkplätze vermittels eines 3D-Lasercanners (i3mainz). Auf einer Fläche von nur 20 m² zeigen sich den Wissenschaftlern mehrere Konzentrationen von zerscherbten Mammutelfenbein; Mammutknochen finden sich in diesem Areal indes nicht. Das Elfenbein wurde an diese Plätze gebracht, hier aufgespalten und zu Geräten, Perlen und plastischen Figürchen weiter verarbeitet. Spezielle Feuersteingeräte und Sandsteine mögen beim Schnitzen der Elfenbeinlamellen und dem Glätten der fertigen Produkte verwendet worden sein. Derart spezialisierte tätigkeitsbezogene Areale dokumentieren Spezialistentum und Arbeitsteilung. Das Fundspektrum der Elfenbeinwerkstätte unterscheidet sich deutlich von denen anderer bereits freigelegter Areale.
Quelle: Foto: Tim Matthies (idw)
Dokumentation der Breitenbacher Elfenbeinwerkplätze vermittels eines 3D-Lasercanners (i3mainz). Auf einer Fläche von nur 20 m² zeigen sich den Wissenschaftlern mehrere Konzentrationen von zerscherbten Mammutelfenbein; Mammutknochen finden sich in diesem Areal indes nicht. Das Elfenbein wurde an diese Plätze gebracht, hier aufgespalten und zu Geräten, Perlen und plastischen Figürchen weiter verarbeitet. Spezielle Feuersteingeräte und Sandsteine mögen beim Schnitzen der Elfenbeinlamellen und dem Glätten der fertigen Produkte verwendet worden sein. Derart spezialisierte tätigkeitsbezogene Areale dokumentieren Spezialistentum und Arbeitsteilung. Das Fundspektrum der Elfenbeinwerkstätte unterscheidet sich deutlich von denen anderer bereits freigelegter Areale. Quelle: Foto: Tim Matthies (idw)

Archäologen des Forschungszentrums und Museums für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS entdecken auf dem mindestens 35.000 Jahre alten Fundplatz Breitenbach bei Zeitz in Sachsen-Anhalt eine Elfenbeinwerkstatt früher moderner Menschen in Europa. Zusammen mit den zuvor in Breitenbach ausgegrabenen Raumstrukturen ist dieser Fund einer der frühesten Belege für gesellschaftlich koordinierte Raumnutzungskonzepte. Sie organisieren bereits seit dieser Zeit das menschliche Zusammenleben und sind Grundlage der Raumordnung moderner Gesellschaften.

Ausgrabung in Breitenbach (Sachsen-Anhalt)
Quelle: Foto: Tim Matthies (idw)
Ausgrabung in Breitenbach (Sachsen-Anhalt) Quelle: Foto: Tim Matthies (idw)

Der seltene Überraschungsfund glückte den Archäologen aus MONREPOS gleich zu Beginn ihrer aktuellen Ausgrabungen in Breitenbach: Eine große Konzentration aus Mammutelfenbeinstücken mit charakteristischen Bearbeitungsspuren legt nahe, dass sich den Archäologen hier eine Werkstatt öffnet: Hier arbeiteten handwerkliche Spezialisten arbeitsteilig in eigens dafür vorgesehenen Arealen. Eine handwerkliche und räumliche Spezialisierung ist damit erstmals bereits für die frühesten modernmenschlichen Jäger-Sammler in Europa nachgewiesen. Das ist die Grundlage der erst Jahrzehntausende später etablierten sesshaften Lebensweise in größeren Siedlungen bzw. Städten.

„Die Funde aus Breitenbach belegen, dass die Raumplanung moderner Menschen schon immer strikten Regelwerken unterworfen war - ein grundlegender Unterschied etwa zu den Verhaltensweisen des vor etwa 40.000 Jahren ausgestorbenen Neandertalers. Den Einfluss der Organisationsregeln dieser europäischen Pioniere auf unsere heutigen Raumplanungskonzepte können wir gar nicht überschätzen,“ erklärt Dr. Olaf Jöris, Wissenschaftler in MONREPOS, seine Begeisterung für das Projekt. Er leitet die Ausgrabungen in Breitenbach gemeinsam mit seinem Kollegen Tim Matthies. In einem internationalen Kooperationsprojekt mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Halle (LDA), dem Ludwig Boltzmann Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie in Wien (LBI ArchPro), der Faculty of Archaeology der Universität Leiden und dem Institut für Raumbezogene Informations- und Messtechnik i3mainz Fachhochschule Mainz untersuchen die beiden Archäologen zusammen die seit den 1920er Jahren als Mammutjagdstation bekannte Fundstelle. Sie werden dabei von einem internationalen Team aus Fachstudenten unterstützt, die auf dieser Lehrgrabung das archäologische Handwerkszeug von der Pieke auf lernen.

Freilandfundstellen aus der Frühphase modernmenschlicher Jäger und Sammler sind selten; den Ausgrabungen an der Ausnahmefundstelle Breitenbach kommt deshalb große Bedeutung zu: Der Platz ist der mit Abstand größte bislang bekannte Siedlungsplatz der Zeit vor 35.000 Jahren und zeichnet sich zugleich durch eine exzellente Erhaltung aus. Das Siedlungsareal erstreckt sich über mehrere Tausend Quadratmeter, wie die Untersuchungen der letzten Jahre gezeigt haben.

Unterstützt werden die Ausgrabungen durch hochauflösende Bodenradarkarten des LBI ArchPro, die erste Strukturen noch vor Beginn der eigentlichen Ausgrabungen kenntlich gemacht haben. Nur so lassen sich auf lange Sicht große Areale erfolgreich prospektieren und gezielt ausgraben.

Die Forschungen in Breitenbach sind Teil des Forschungsschwerpunkts „Menschwerdung“. Darin geht MONREPOS der Evolution unseres heutigen Verhaltens in der Alt- und Mittelsteinzeit nach, dem weitaus längsten und prägendsten Abschnitt der Menschheitsgeschichte. In diesem Prozess der Menschwerdung ist die Entwicklung des Siedlungsverhaltens ein ganz zentrales Element, seine Koordinierung durch Regelwerke erscheint als Quantensprung. Mit der Fundstelle Breitenbach nähern sich die Forscher nun den Ursprüngen solcher Raumnutzungskonzepte.

Quelle: Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM) - Forschungsinstitut für Archäologie (idw)

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