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Gestörte Antennen, gestörte Beziehungen – oder: Wenn man einander plötzlich nicht mehr riechen kann

Archivmeldung vom 13.09.2012

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 13.09.2012 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
Bild: Sara Hegewald / pixelio.de
Bild: Sara Hegewald / pixelio.de

„Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen“, stellte schon der geniale Humorist Loriot alias Vicco von Bülow fest und die Entwicklung von Paar-Beziehungen in Deutschland scheint ihm recht zu geben: Mehr als jede dritte Ehe in Deutschland wird inzwischen geschieden, so war vor fast genau einem Jahr den Medien zu entnehmen; und von den vielen scheiternden Beziehungsversuchen, die nicht erst ein Standesamt erreichen, wollen wir gar nicht sprechen. Andererseits, auch das war zu lesen, halten Ehen heute länger als in früheren Zeiten. Der Fluch des verflixten siebten Jahres ist zu dem des 15. Ehejahres geworden.

Warum scheitern so viele Beziehungen? - Erklärungen gibt es diverse: von er- (und nicht selten über-)höhten Erwartungen an die Partnerin und den Partner bis zur schlichten Feststellung, dass es heute eben einfacher ist, sich zu trennen und möglicherweise zumindest für einige schwerer, einer einzelnen Person treu und verbunden zu bleiben.

Vielleicht allerdings stimmt aber auch an den grundsätzlichen Voraussetzungen etwas nicht, daran wie Beziehungen überhaupt zustande kommen.
Das, so haben wir während der zurückliegenden Jahre durch wissenschaftliche Forschung erfahren, geschieht wesentlich auf einer völlig unbewussten Ebene und ist in der Tat eine Frage der Chemie, der jeweiligen Körperchemie nämlich. Und hier haben die Frauen im wahrsten Sinne des Wortes die Nase vorn.

So leid es manchen auch tun mag, die Wissenschaft hat in der jüngsten Vergangenheit durch ihre Forschungen einiges zutage gefördert, was uns gänzlich all jener Vernunft und Klugheit entkleidet, die wir uns so gern zuschreiben und auch in einigen wichtigen Bereichen gezeigt, dass wir nicht nach freiem Willen, sondern dem Plan der Evolution handeln und somit auch nicht so viel besser sind als all die anderen kleinen Tierchen.

Machen wir uns nicht länger etwas vor: Wir wählen unsere Partnerinnen oder Partner ebenso nach dem Prinzip der Arterhaltung und deswegen nach der antizipierten Fähigkeit zu gelungener Reproduktion aus, wie es schon unsere Vorfahren taten, die auf Bäumen lebten und ohne all den Schnickschnack auskamen, den wir „Zivilisation“ nennen.
Die wichtigere Rolle dabei haben die Frauen. Sie sind es, die die Fähigkeit besitzen, Nachkommen zu gebähren und sie sind es, die wählerisch sein müssen, welchen Mann sie dazu als Partner akzeptieren. Denn im Vergleich zur Menge an Spermien, die der männliche Körper produziert, sind die Eizellen der Frau rar und damit umso kostbarer.

Wie sich nun erwiesen hat, ist es vor allem und zuerst der Geruchssinn der Frau, der die Entscheidung letztlich beeinflusst. Er ist die sensible Antenne, denn er ist in der Lage – fernab des Bewusstseins der Betroffenen – anhand des Körpergeruchs des Mannes eine Einschätzung seines Immunstatus' vorzunehmen und den auszuwählen, der den des eigenen Körpers am erfolgreichsten ergänzen kann, um möglichst robusten und damit überlebensfähigen Nachkommen das Leben zu schenken.
Und ist diese Auswahl getroffen und die Beziehung begründet, wird systematisch der Geruch eines jeden anderen potenziellen Partners vom Gehirn der Frau einfach ausgeblendet, um Störungen zu vermeiden.

So weit, so gut. Was aber, wenn dieser angeborene Detektor empfindlich gestört wird?

Die Empfehlung an Frauen, die die Anti-Baby-Pille nehmen, diese abzusetzen, wenn sie sich ernsthaft auf Partnersuche begeben wollen, ist nicht neu. Die Frage ist allerdings: Reicht das?

„Möglicherweise nicht“, sagt Hanna Christiane Günther, die sich bereits seit Jahrzehnten mit dem menschlichen Geruchssinn, mit Pflanzen und der Wirkung aromatischer Öle auf Körper und Psyche des Menschen befasst.
Die von ihr entwickelte Methode der „Osmopraktik“ ist der Aromatherapie verwandt. Sie beruht, verkürzt gesagt, auf der Feststellung, dass jeder Mensch situativ Gerüche unterschiedlich wahrnimmt. Die körperliche und seelische Befindlichkeit spiegelt sich in unserer Beurteilung von Aromen und so können anhand dieser Wahrnehmung Rückschlüsse darauf vorgenommen werden, an welchen Stellen das persönliche Wohlbefinden in welcher Weise gestört ist.

Wir leben in einer Zeit, in der die meisten Menschen in unterschiedlichem Maße Stress ausgesetzt sind, in der viele mehr oder minder regelmäßig zu Medikamenten greifen.
„Es müssen ja gar keine Hormonpräparate wie die Pille sein“, sagt die Osmopraktikerin, „jede Arznei hat Auswirkungen auf die Körperchemie. Dafür wird sie hergestellt und verschrieben und eingenommen. Nur reichen diese eben über die beabsichtigte Wirkung hinaus. Die Erforschung des Geruchssinns mit allen seinen Aspekten und Konsequenzen für unser Leben hat im Grunde genommen erst begonnen. Andernfalls würden wir vielleicht heute schon auf Beipackzetteln den warnenden Hinweis finden 'Vorsicht! Die Einnahme kann ihre Geruchswahrnehmung und damit ihre Partnerwahl beeinflussen.'“

Bislang arbeitet Christiane Günther noch daran, Ratsuchenden dabei zu helfen, mit den Folgen solcher möglichen Zusammenhänge fertig zu werden. „Wenn mit Hilfe von aromatischen Ölen Aufschluss darüber gewonnen wurde, wo und warum das Gleichgewicht eines Menschen und damit sein Wohlbefinden gestört ist, können diese Substanzen auch genutzt werden, diesen Störungen etwas entgegenzusetzen und die Balance zurückzubringen.“

Haben wir uns also die Misserfolge unserer Partnerbeziehungen selbst eingebrockt durch die Art, wie wir leben?
„Von nichts, kommt nichts“, erklärt die Osmopraktikerin. „Es erscheint zumindest nicht unwahrscheinlich. Und selbst, wenn man einen Zusammenhang nur hinsichtlich der Irritationen im Hormonhaushalt annimmt – es gibt bereits seit langer Zeit die unterschiedlichsten Theorien darüber, welche möglichen Wirkungen sich aus nunmehr rund 50 Jahren Ant-Baby-Pille und dem daraus resultierenden Anstieg von Hormonen im Trinkwasser ergeben, ganz zu schweigen von hormonähnlichen Substanzen in Kunststoffverpackungen.“

Bleibt nun die Frage, wie man letztlich diese Gedanken für sich wertet, denn aus dieser Zivilisation mit all ihren unbeabsichtigten und unvorhersehbaren Nebenwirkungen aussteigen und plötzlich im Paradies leben, ist wohl kaum möglich.
Wer über genügend Galgenhumor verfügt oder über die nötige Prise an Gleichgültigkeit, den wird vielleicht der Gedanken freuen, dass er oder sie wenigstens nun einen Schuldigen dafür gefunden haben könnte, dass es auf der Beziehungsseite nicht wirklich funktioniert. Wenn es dann – nach kürzer oder länger Zeit - soweit ist, dass die Fehleinschätzung offenbar wird, kann man einander eben einfach nicht mehr riechen. Oder besser: Frau kann die anderen Männer wieder riechen.

Quelle: Text von Herbert Jost-Hof