Direkt zum Inhalt Direkt zur Navigation
Sie sind hier: Startseite Nachrichten Natur/Umwelt "Plusminus": Nur halber Atomausstieg - Deutschland exportiert weiter Brennelemente

"Plusminus": Nur halber Atomausstieg - Deutschland exportiert weiter Brennelemente

Archivmeldung vom 10.09.2013

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 10.09.2013 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
Brennelement  Bild: de.wikipedia.org
Brennelement Bild: de.wikipedia.org

In Deutschland werden auch nach Abschaltung des letzten Atomkraftwerks weiterhin Brennelemente für den Export hergestellt. Das deckt eine Recherche des Wirtschaftsmagazins "Plusminus" vom NDR im Ersten auf. Die Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau und die Brennelementefabrik im niedersächsischen Lingen erhielten unbefristete Betriebsgenehmigungen. Ein aktueller Antrag des Landes Nordrhein-Westfalens im Bundesrat, das Atomgesetz zu ändern, um die Urananreicherung in Deutschland zu beenden, wurde auf unbestimmte Zeit vertagt.

Bereits 2011 hatte der Bundesrat einen konsequenten, glaubwürdigen Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie gefordert: "Die Unterstützung der Atomenergienutzung im Ausland bei gleichzeitigem Ausstieg aus der Atomenergienutzung im Inland aus dem Bewusstsein der Unverantwortbarkeit der Atomenergie ist politisch und moralisch widersprüchlich und nicht hinnehmbar", heißt es in einer Stellungnahme des Bundesrates zur Änderung des Atomgesetzes nach der Katastrophe von Fukushima. Die Antwort der Bundesregierung darauf: "Eine generelle gesetzliche Stilllegung aller kerntechnischer Anlagen in Deutschland ist nicht angezeigt."

Aktuell teilt das Bundeswirtschaftsministerium "Plusminus" mit: "Eine Stilllegung von Anlagen in Deutschland würde zu einem Verlust von hoch qualifizierten Arbeitsplätzen in einer strukturschwachen Region führen und die Wettbewerbsfähigkeit in diesem Hochtechnologiebereich der deutschen Industrie und des Wirtschaftsstandorts Deutschland schwächen."

Das bedeutet, dass nach dem Willen der Bundesregierung auch nach dem deutschen Atomausstieg die deutsche Urananreicherungsanlage weiterproduzieren wird. 365 mal im Jahr erreicht zurzeit das gefährliche Uranhexafluorid (UF6) per LKW die Anlage im westfälischen Gronau. Bei Uranhexafluorid handelt es sich um eine chemische Umwandlung von Uran. Uran wird vor allem in Minen in Kasachstan, Kanada, Australien und dem Niger abgebaut. In der Urananreicherungsanlage in Gronau wird das spaltbare Material in seiner Konzentration erhöht und an 50 Kunden in 17 Länder geliefert. Das dabei anfallende abgereicherte Uran wird unter freiem Himmel gelagert. Derzeit sind es an die 9000 Tonnen. Genehmigt ist dort die zeitlich unbegrenzte Lagerung von insgesamt 38.100 Tonnen Uranhexafluorid. Der Betreiber der Anlage, das Unternehmen Urenco, teilte zur Gefahr eines Flugzeugabsturzes mit, dass die Behälter, in denen UF6 im Freilager lagere, nur zu 2/3 befüllt seien. Bei einem voll umschließenden Feuer, das 25 Minuten andauere, könnten diese Behälter bersten. Urenco habe jedoch Sicherheitssysteme, damit brennendes Kerosin in wenigen Minuten abfließen könne und ein Brand deutlich kürzer als 25 Minuten andauere.

Uranhexafluorid ist eine leicht flüchtige, äußerst giftige, radioaktive und korrosive Verbindung. Aus dem Stoff kann eine der gefährlichsten Säuren entstehen, warnt der Atomphysiker Dr. Sebastian Pflugbeil gegenüber "Plusminus". Bereits bei einer Temperatur von 56,5 Grad wird es gasförmig. Gelangt es in die Umwelt, wird es beim Kontakt mit Flüssigkeit zum Beispiel im menschlichen Organismus zur gefürchteten Flusssäure, die sogar Glas zersetzen kann.

Das gefährliche Uranhexafluorid wird regelmäßig durch die Bundesrepublik transportiert. Während der Dreharbeiten von "Plusminus" am 12. August 2013 wurde auf dem Gelände der Urananreicherungsanlage ein Zug mit abgereichertem Uran beladen. Über Koblenz wurde das Material in diesem Fall nach Südfrankreich gefahren. Durchschnittlich ein bis zwei Zugtransporte gibt es pro Monat, so das Unternehmen Urenco. Anwohner Udo Buchholz kritisiert die Lagerung dieses gefährlichen Stoffes in seiner Nachbarschaft sowie die regelmäßigen Transporte über das ganz normale Bahnnetz. Bei einem schweren Unfall in einem Bahnhof oder auf freier Strecke sei eine Katastrophe nicht zu verhindern, fürchtet er.

Am 1. Mai zeigte sich, dass diese Angst begründet ist. Uranhexafluorid befand sich an Bord des Frachters Atlantic Cartier, der im Hamburger Hafen lag. 500 Meter entfernt wurde gerade der Kirchentag mit Zehntausenden Besuchern eröffnet, als der Frachter Feuer fing. Per Kran konnten Behälter mit Uranhexafluorid aus dem brennenden Frachter entfernt werden.

Eine Liste, die "Plusminus" vorliegt, zeigt, dass allein im März 2013 neun Mal radioaktives Material durch den Hamburger Hafen transportiert wurde. Wenn Uran zur Weiterverarbeitung verschifft wird, ist häufig nicht bekannt, aus welchem Abbaugebiet es stammt oder wofür es bestimmt ist, kritisiert Uranexpertin Astrid Schneider. Wie viel Uran in Deutschland angereichert und verarbeitet wird, ist auch dem Bundesamt für Strahlenschutz nicht bekannt, heißt es auf Anfrage.

Uranhexafluorid aus Gronau wird auch in das knapp 60 Kilometer entfernte Lingen transportiert, in Deutschlands Brennelementefabrik. Hier wird das angereicherte Uran in Tabletten gepresst und in Röhren gefüllt, die zusammen ein Brennelement ergeben. 70 Mal im Jahr verlassen Transporte mit Brennelementen die Fabrik. Geliefert werden sie nach Frankreich, Schweden, Finnland, Belgien, in die Niederlande, die Schweiz, nach Spanien und nach China. Auch die Produktion von Brennelementen ist unbefristet genehmigt. Die regelmäßigen Transporte von Uranhexafluorid und Brennelementen durch Deutschland werden also nach dem Atomausstieg weitergehen. Für den Atomexperten Dr. Sebastian Pflugbeil ein absurdes Phänomen: "Wenn man wirklich davon überzeugt ist, dass man da raus muss und sich wünschen würde, dass auch die anderen Staaten dem folgen, dann ist doch das letzte, dass man die jetzt mit Brennstoff versorgt."

"Plusminus": Mittwoch, 11. September, um 21.30 Uhr im Ersten

Quelle: NDR / Das Erste (ots)

Anzeige: