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Panzernashörner: Genitaltumore reduzieren früh die Fruchtbarkeit weiblicher Tiere

Archivmeldung vom 27.03.2014

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 27.03.2014 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Manuel Schmidt
Panzernashorn (Rhinoceros unicornis)
Quelle: Foto: Steven Seet (idw)
Panzernashorn (Rhinoceros unicornis) Quelle: Foto: Steven Seet (idw)

Um die Fortpflanzung des indischen Panzernashorns ist es schlechter bestellt als gedacht. ForscherInnen des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) konnten nun gemeinsam mit US-amerikanischen KollegInnen nachweisen, dass bereits im Jungtieralter entstehende gutartige Tumore an Vagina und Gebärmutterhals dafür ursächlich sind. Das hat Konsequenzen für die Zucht in Zoologischen Gärten.

Indische Panzernashörner werden bereits mit drei Jahren geschlechtsreif und können ein stattliches Alter von rund 40 Jahren erreichen. Doch obwohl auch die Weibchen bis ins hohe Alter fortpflanzungsfähig sein sollten, liegt der Zeitpunkt der letzten Geburt im Durchschnitt meist um das 18. Lebensjahr. Das belegen die Aufzeichnungen im internationalen Zuchtbuch für Panzernashörner– dem Stammbuch aller 189 weltweit in Zoos lebenden Nashörner. Darin stießen die ForscherInnen auf eine weitere Kuriosität: Tiere, die schon im Alter von rund fünf Jahren ihr erstes Kalb bekamen, bringen durchschnittlich bis zu sechs Nachkommen zur Welt. Nashörner, die sich erst in höherem Alter fortpflanzen, bekamen jedoch selten mehr als zwei Kälber.

Panzernashorndamen leiden bekanntermaßen häufig unter Genitaltumoren. Für ihre Studie analysierten Robert Hermes, Frank Göritz und Thomas Hildebrandt, alle veterinärmedizinische Wissenschaftler am IZW, und ihre Kollegin Monica Stoops vom Zoo in Cincinnati gemeinsam Ultraschall-Befunde von 23 weiblichen Tieren, die in den vergangenen 20 Jahren teils mehrfach untersucht worden waren. Das Resultat: „Schon mit 13 Jahren hatten alle Tiere Tumoren entwickelt! Sie wuchern zeitlebens meist unkontrolliert weiter bis Vagina und Gebärmutterhals mechanisch zugewachsen sind.“ Ein Prozess, der mit Nekrosen und Entzündungen einhergehen kann. „Abgesehen davon, dass dies im Endstadium für das Nashorn sehr schmerzhaft sein kann: der Deck-Akt wird praktisch unmöglich und die Spermienpassage ist nicht mehr gegeben“, erläutert Hermes.

Die ForscherInnen suchten nun nach einem Organismus mit vergleichbaren Tumoren und wurden bei einem ungewöhnlichen Modelltier fündig – dem Menschen. „80 Prozent aller Frauen haben mit Eintritt in die Menopause solche Myome. Diese können bereits in der Pubertät entstehen und wachsen in Abhängigkeit von der Eierstockaktivität. Anders als beim Nashorn sitzen diese großteils gutartigen Tumoren jedoch in der Gebärmutter und bleiben bei der Frau meist ohne Symptome“, erklärt Hermes. Myome wachsen während der Schwangerschaft und Stillzeit wegen der besonderen hormonellen Situation nicht weiter. Zudem haben Frauen, die mindestens ein Kind zur Welt brachten, ein um 40 Prozent vermindertes Risiko, Myome zu entwickeln.

Durch diese Analogie wird verständlich, warum Panzernashornweibchen, die früh trächtig werden, viel mehr Nachkommen produzieren als die „Spätzünder“: Die Trächtigkeit hemmt das Tumorwachstum. Auch eine Therapie für Tiere, die wegen besonders großer Tumoren unter Entzündungen und Schmerzen leiden, ist damit in Sicht. „Wir können sie künstlich in die Menopause schicken, indem wir die Ovar-Aktivität medikamentös unterbinden“, sagt Hermes.

Panzernashörner sind vom Aussterben bedroht. Nur noch 2.900 Tiere leben in freier Wildbahn. „Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass sie sich in Freiheit besser fortpflanzen als in Gefangenschaft“, sagt Robert Hermes. „Zoologische Gärten tragen die Verantwortung für eine erfolgreiche Zucht, bei der die genetische Vielfalt der gesamten Population genutzt wird. Es wäre fatal für die Diversität, wenn aufgrund der frühzeitig auftretenden Tumorerkrankung nur einige wenige Tiere viele, aber die meisten nur wenige oder gar keine Nachkommen bekommen.“ Darum verbinden die AutorInnen mit der Studie auch die dringende Empfehlung, bereits sehr früh mit der Zucht zu beginnen und die Bedingungen zu optimieren, damit die Tiere trächtig werden können.

In den meisten Zoologischen Gärten wird zu lange abgewartet, bis es von allein zur Paarung kommt – manchmal 12 oder 13 Jahre, bedauert Hermes. „Das ist zu spät, denn in diesem Alter haben alle Weibchen bereits Tumoren, und mehr als ein Kalb ist kaum noch zu erwarten“. Da Nashörner im Zoo sehr eng miteinander aufwachsen, haben die Jungtiere meist keinen regelmäßigen Eisprung. Hilfestellung ist also nötig. Vom „hormonellen Anstupser“ bis zur aktiven Unterstützung bei der Partnersuche gibt es eine ganze Palette möglicher Maßnahmen.

Quelle: Forschungsverbund Berlin e.V. (idw)

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