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Jung und lukrativ: 2.000 Euro für elf Sekunden Videomaterial

Freigeschaltet am 02.06.2021 um 06:30 durch Sanjo Babić
Tilo Jung (2015), Archivbild
Tilo Jung (2015), Archivbild

Foto: FlickreviewR
Lizenz: CC BY 2.0
Die Originaldatei ist hier zu finden.

Streitigkeiten zwischen Kollegen sollten im direkten Gespräch geklärt werden. Umso mehr, wenn man sich wöchentlich sieht. So meine Überzeugung. Heute kam stattdessen Post vom Anwalt. Eine Abmahnung im Auftrag von Tilo Jung, mit dem ich gemeinsam in der Bundespressekonferenz sitze. Es geht um insgesamt elf Sekunden Video-Schnipsel von ihm, die ich in einem gut einminütigen Trailer für meinen Youtube-Kanal verwendet habe. Dies berichtet der Investigative Journalist Boris Reitschuster auf "Reitschuster.de".

Weiter berichtet Reitschuster: "Zu sehen ist darauf Regierungssprecher Steffen Seibert; zweimal zwei Sekunden lang, einmal „circa sieben Sekunden“ lang. Jung setzt für die elf Sekunden einen „Gegenstandswert von 30.000 Euro an und macht Anwaltskosten in Höhe von 1.501,19 Euro sowie „eine Lizenzgebühr i. H. v. 500,00 EUR“ geltend. Für elf Sekunden. Solche Lizenzgebühren habe Jung bzw. dessen Firma „für noch kürzere Videosequenzen am Markt“ erhalten, heißt es in dem Anwaltschreiben.

Als ich heute einem Kollegen von der Causa erzählte, und darüber, dass ich das öffentlich machen möchte, hatte seine Antwort-Mail nur vier Wörter: „Titel: jung und lukrativ“.

Tatsächlich war es ein Fehler von mir, die elf Sekunden zu verwenden – in der Eile des Gefechts. Weil ich eine Drittquelle nutzte, war mir nicht aufgefallen, dass die elf Sekunden von Jung stammen. Es gibt sie auch aus anderen Quellen, so gut wie identisch. Als ich von Jung eine Aufforderung bekam, den Trailer zu entfernen, habe ich ihn am 6. Mai auf „privat“ umgestellt, so dass ihn außer mir niemand mehr sehen kann – nicht einmal mit dem Link. Ich habe umgehend einen neuen Trailer gemacht, ohne sein Material – und mich dort im Text bei Jung entschuldigt. Die Entschuldigung ist dort nun seit 25 Tagen öffentlich einsehbar: „Hiermit entschuldige ich mich in aller Form bei Tilo Jung, dass ich ein paar sekundenlange Passagen von Steffen Seibert aus seinem Youtube-Kanal genutzt habe und danke ihm, dass er so freundlich war, mich darauf aufmerksam zu machen. Wunschgemäß habe ich das Video unzugänglich gemacht und stelle es nun ohne Material von Herrn Jung in veränderter Form wieder online. Ich finde, dass durch diesen Input der Trailer in meinen Augen noch besser geworden ist.“

Damit war die Sache für mich gegessen.

Zumal Tilo Jung, der in seinen Fragen auf der Bundespressekonferenz regelmäßig einer noch härteren Corona-Politik mit noch größeren Einschnitten sowie „Null-Covid“ das Wort redet, mich vor einiger Zeit wegen eines umstrittenen Tweets von ihm ansprach. Darin hat er Stalin, Mao und die DDR als Rechte bezeichnet. Das sei ein Fehler gewesen. Und er habe ihn schnell gelöscht, sagte er mir. Seiner Bitte, das in meinen Beiträgen kenntlich zu machen, bin ich umgehend nachgekommen. Wer macht keine Fehler?! Ich habe Jung auch damals gleich eine öffentliche Diskussion angeboten. Ich bin nicht nachtragend, obwohl mich Jung wegen vermeintlicher „Maskenfehler“ gemeldet hatte und mir in der Süddeutschen absprach, Journalismus zu betreiben. Aber wie gesagt: Wer macht keine Fehler? Schwamm drüber! So meine Auffassung.

Und jetzt 30.000 Euro Gegenstandswert und Rechnungen über mehr als 2.000 Euro für elf Sekunden.

Zum Vergleich: Ein berüchtigtes Portal, das unter dem Deckmantel des „Faktenchecks“ einen Denunziations-Artikel über mich schrieb, nutzte dazu Bilder aus meinem Youtube-Kanal. Ich hätte hiergegen jederzeit juristisch vorgehen können, Erfolgschancen hundert Prozent, weil es ein klarer Verstoß gegen das Urheberrecht ist.

Ich habe darauf verzichtet.

Ich will meine Zeit für Journalismus verwenden. Ich lasse mich lieber von zufriedenen Lesern freiwillig für meine Arbeit entlohnen als via Anwalt von Konkurrenten. Und ich möchte niemandem 500 Euro für elf Sekunden Videoschnipsel in Rechnung stellen.

Andere dagegen scheinen regelrecht einen Gefallen daran gefunden zu haben, kritische Stimmen mit juristischen Schritten und anderen Methoden wenn auch nicht mundtot zu machen, so aber doch zu beschäftigen und damit von ihrer journalistischen Arbeit abzulenken.

Mich schrecken solche Angriffe nicht. Weil ich weiß: Ich habe wunderbare Leserinnen und Leser hinter mir, die mir den Rücken stärken und mit denen ich solche Attacken nicht fürchten muss. Die mir auch im Falle Tilo Jung beistehen.

Meine erste, emotionale Reaktion war, das Geld einfach zu bezahlen und mich nicht in meiner Arbeit stören zu lassen. Diese ist wichtiger. Auch wenn die von Jung aufgerufenen Summen in meinen Augen – um es diplomatisch auszudrücken – durchaus mutig sind: 500 Euro für elf Sekunden entspräche gut 160.000 Euro für eine Stunde. In der Tat: jung und lukrativ. Morgen werde ich mich mit meinem Anwalt beraten und dann weiter sehen.

Und mich auch weiter freuen, dass dank Jungs Reaktion ein neuer, noch besserer Trailer entstanden ist (sehen Sie hier). Und dass der einen Film-Profi motivierte, einen Kurzfilm zu machen, der mir enorm gefällt (siehe hier).

In diesem Sinne: Danke, Herr Jung!

PS: Herr Jung, ich bin weiterhin gerne zu einer offenen und fairen Diskussion bereit, Mann gegen Mann. Dass Sie dieser aus dem Weg gehen, finde ich schade. Wenn Sie gute Argumente haben, dürfte es für Sie doch kein Problem sein.

PS: Ein Leser schickte mir diesen früheren Tweet von Herrn Jung, der einiges erklärt: „Als Journalisten haben wir gelernt, Leugnern des menschengemachten Klimawandels medial zu ignorieren, sie lächerlich zu machen und ihnen keine (gleichberechtigte) Plattform zu bieten. Das müssen wir nun auch bei den Feinstaubbelastungsleugnern schaffen!“ Eine bemerkenswerte Auffassung von Journalismus. Jetzt verstehe ich auch, warum Herr Jung sagt, was ich mache, sei kein Journalismus. Aus seiner Perspektive wohl wahr.

Quelle: Reitschuster

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