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Günter Grass im Alter von 87 Jahren gestorben

Archivmeldung vom 13.04.2015

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 13.04.2015 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Manuel Schmidt
Günter Grass, 2006
Günter Grass, 2006

Foto: Magiers
Lizenz: CC BY 2.0
Die Originaldatei ist hier zu finden.

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass ist am Montagmorgen im Alter von 87 Jahren gestorben. Das bestätigte der Steidl-Verlag. Demnach verstarb Grass in einer Lübecker Klinik.

Der Schriftsteller galt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Im Jahr 1999 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Zu den bekanntesten Werken von Grass zählen "Die Blechtrommel" und "Die Rättin". Im Jahr 2012 war der Schriftsteller wegen seines Gedichts "Was gesagt werden muss" in die Kritik geraten. In diesem warf Grass der "Atommacht Israel" vor, den "ohnehin brüchigen Weltfrieden" zu gefährden.

Gauck kondoliert nach Tod von Günter Grass

Bundespräsident Joachim Gauck hat Ute Grass zum Tod ihres Mannes, dem Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Günter Grass, kondoliert.

"Günter Grass hat mit seiner Literatur und seiner Kunst die Menschen in unserem Land bewegt, begeistert und zum Nachdenken gebracht. Mit seinem literarischen Werk hat er sich schon früh auch weltweit Anerkennung erworben, wovon nicht zuletzt der Nobelpreis zeugt, mit dem er 1999 ausgezeichnet wurde", heißt es in einem Schreiben des deutschen Staatsoberhaupts, wie das Bundespräsidialamt mitteilte. "In seinen Romanen, Erzählungen und in seiner Lyrik finden sich die großen Hoffnungen und Irrtümer, die Ängste und Sehnsüchte ganzer Generationen."

Günter Grass sei "zeitlebens ein streitbarer und eigenwilliger politischer Geist" geblieben, "der Auseinandersetzungen und Kritik nicht fürchtete, immer wieder pointiert in politische Debatten eingriff und sie über Jahrzehnte wesentlich beeinflusste", so Gauck weiter. 

Gerhard Schröder bezeichnet Grass als "väterlichen Freund"

Altbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat den verstorbenen Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass als "größten deutschen Schriftsteller unserer Zeit" gewürdigt. In einem Namensartikel für "Bild" (Dienstag) schrieb Schröder: "Ich verliere einen väterlichen Freund, der mir mehr als drei Jahrzehnte lang ein kluger Gesprächspartner, aber vor allem ein kritischer Ratgeber war. Seine Unbeugsamkeit, sein Mut, sein Sinn für Gerechtigkeit und seine Klugheit haben mich von Anfang an beeindruckt."

Schröder erinnerte an seine erste Begegnung mit dem Schriftsteller Anfang der 80er Jahre: "Zusammen mit Willy Brandt sowie vielen anderen Künstlern war er 1985 ins niedersächsische Wendland gekommen, um mich in meinem ersten Wahlkampf zu unterstützen. Seine Worte von damals habe ich nie vergessen: Der Kandidat - also ich - habe noch viel zu lernen. Womit er nicht Unrecht hatte." Der Alt-Bundeskanzler fügte hinzu: "Günter Grass war ein kluger Beobachter und konnte messerscharf analysieren. Wir waren nicht immer einer Meinung, aber die Auseinandersetzungen mit ihm waren ein intellektuelles Vergnügen. Auf die Weise hat er mich herausgefordert, meine Argumente zu schärfen. Günter Grass war ein sehr politischer Kopf, ein gesellschaftskritischer Künstler, ein unbequemer Zeitgenosse, der die Bruchstellen der deutschen Geschichte immer wieder offenlegte. So lassen sich seine gesellschaftskritischen Romane und Erzählungen auch als Diagnosen seiner und unserer Zeit begreifen. Mit ihnen kämpfte er gegen das weit verbreitete Verdrängen in der Nachkriegsgesellschaft. So hat er mit seinem Roman "Die Blechtrommel" dem Land den Spiegel vorgehalten."

Schröder weiter: "Günter Grass hat mit seinem Werk wichtige Debatten in Deutschland angestoßen. Dabei hat er heftige Kritik ertragen müssen, die er als sehr verletzend empfand. Und oft war diese Kritik auch ungerechtfertigt. Manch Urteil der Medien, die voreilig über ihn den Stab brachen, hat ihn zutiefst enttäuscht. Dabei hat Grass sich selbst nicht geschont. Er hat sich nicht gescheut, sein eigenes Handeln im nationalsozialistischen Deutschland herauszustellen. Es ging ihm um ein Schuldeingeständnis für viele Versäumnisse, aber auch um die Übernahme von Verantwortung. Das eigene Versagen sollte nicht vergessen werden, sondern als mahnendes Beispiel dienen. Insgesamt hat kein anderes Lebenswerk der deutschen Nachkriegsliteratur in gleichem Maße weltweite Anerkennung gefunden. Die Verleihung des Literatur-Nobelpreises 1999 ist dafür der herausragende Beleg. Günter Grass hat uns ein großartiges literarisches Werk hinterlassen. Und er hat einen wichtigen gesellschaftspolitischen Beitrag zur Selbstvergewisserung einer Nation und zum Umgang mit unserer Geschichte geleistet. Dafür sind wir ihm zutiefst dankbar."

Grass-Biograf und -Herausgeber Volker Neuhaus zum Tod des Literaturnobelpreisträgers

Der Günter-Grass-Herausgeber und -Biograf Volker Neuhaus sieht den verstorbenen Schriftsteller auf einer Stufe mit Johann Wolfgang von Goethe und Thomas Mann. In einem Gespräch mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Dienstag) sagte der Literaturwissenschaftler, "Günter Grass war der letzte deutsche Weltautor". Neben Goethe und Mann sei er der einzige deutsche Schriftsteller, der "weltweit zur Kenntnis genommen worden sei", sagte Neuhaus. Wie die beiden Autoren habe auch Grass mit dem Roman "Die Blechtrommel" im Alter von Mitte zwanzig seinen Welterfolg geschrieben. "Wie Goethe und Thomas Mann ist auch Grass an diesem Erfolg immer wieder gemessen worden", sagte Neuhaus weiter. Der Germanist war bis 2008 Professor an der Universität Köln. Neuhaus hat eine Biografie über Günter Grass geschrieben und die Werke des Literaturnobelpreisträgers herausgegeben. Die Nachricht von Grass´Tod bezeichnete Neuhaus als "furchtbar". Er sei "sehr, sehr, sehr traurig". Neuhaus weiter: "Die Stimme von Günter Grass wird uns fehlen. Er hat an die Begrenztheit des Menschen erinnert und an die Verantwortlichkeit, die daraus erwächst." Grass habe sich stets gegen den "Machbarkeitswahn" der modernen Welt gestellt. Dieser sei, so Neuhaus weiter, heute in der Medizin und in der Kriegführung überaus sichtbar. Der Wissenschaftler hob Grass´ besonderes Verständnis von Sprache hervor. "Grass hatte ein von Liebe geprägtes Verhältnis zur deutschen Sprache. Er liebte es, mit Worten zu spielen und ihre Nebenbedeutungen herauszuhören", sagte Neuhaus weiter. Er erinnert sich nach seinen Worten besonders gern an die privaten Lesungen von Grass. Der Schriftsteller habe es geliebt, seine im Entstehen begriffenen Werke einem kleinen, privaten Publikum zu präsentieren.

Quelle: dts Nachrichtenagentur / Neue Osnabrücker Zeitung (ots)

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