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Brutal, echt

Archivmeldung vom 06.05.2005

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 06.05.2005 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Michael Dahlke
RTL
RTL

Mit zunehmender Niveaulosigkeit versucht RTL, das Publikum zurückzugewinnen. Die neueste Zumutung heißt: "Peking Express". Süddeutsch.de berichtet

Manchmal ist es schön, dass Satelliten nicht alle Länder bestrahlen können, dass Menschen nicht alles empfangen müssen, was in der Restwelt so gesendet wird. So bleibt einer allein erziehenden Mutter in Russland einiges erspart, weil sie nicht im Kernbereich des RTL-Sendegebiets wohnt.

Vielmehr lebt sie ein paar hundert Kilometer südöstlich von Moskau in bitterer Armut. Hygienisch herrschen dort nicht gerade mitteleuropäische Verhältnisse. Aber die Russin ist eine gute Seele, und deshalb hat sie im vergangenen Jahr auch zwei Deutsche von der Straße aufgelesen, die dort froren und um ein Nachtquartier bettelten.

"Verlaust, verwanzt, verstunken"

Weil die Frau kein RTL empfängt, muss sie nun nicht sehen, wie ein 56-jähriger Klaus eine sehr eigenartige Form von Dankbarkeit an den Tag legt und ihre ärmliche Behausung entsetzt „verlaust, verwanzt und verstunken“ nennt.

Klaus ist Kandidat beim Peking Express, einer zwölfteiligen Abenteuer-Show, für die acht Paare mit einem Tagesbudget von zwei Euro die Strecke von Moskau nach Peking, also 9000 Kilometer, bewältigen mussten. Vom Ekel vor dieser Sonderform des televisionären Kolonialismus spricht niemand. Stattdessen wird aus dem Off von „Völkerverständigung mal ganz anders“ gebrabbelt.

Völkerverständigung im RTL-Sinne bedeutet demnach, daß Menschen, denen es hierzulande im Wohlstand zu langweilig ist, den ultimativen Kick suchen, sich von einem Privatsender künstlich arm rechnen lassen, um dann in Russland einzufallen, den armen, aber gastfreundlichen Menschen milde Gaben abzuluchsen und nachher weiterzuziehen auf der Jagd nach bis zu 100.000 Euro. Davon könnte ein ganzes russisches Dorf ein paar Jahre luxuriös leben.

Ein ziemlich tiefer Griff ins Klo

Man verliert über die Empörung leicht den Blick dafür, daß dieses neue Projekt nicht nur inhaltlich völlig widerwärtig daherkommt, sondern auch formal ein ziemlich tiefer Griff ins TV-Klo ist.

Peking Express belegt, daß RTL inzwischen nicht mal mehr in der Lage ist, ein in anderen Ländern (Niederlande, Belgien) erfolgreiches Fernsehformat professionell zu kopieren. Und außerdem, daß beim Kölner Kommerzkanal mittlerweile alles das gesendet wird, was früher direkt in der Tonne gelandet wäre.

Es ist eben nicht zwingend spannend, wenn 16 Deutsche in Moskau erst U-Bahn und Taxi fahren müssen, dann ein bisschen in Nebel und Regen trampen und schließlich an Haustüren und Toren um Asyl für die Nacht betteln.

Weil dem so ist, muß man das von diversen Kamerateams festgehaltene Geschehen eben mit schnellem Schnitt, orchestraler Hintergrundsoße und pathetischer Off-Stimme hochjazzen und die notwendige Dramatik einfach simulieren. Dabei kommt es zu triefenden, schlüpfrigen und auch komplett sinnlosen Kommentaren:

"Die beiden blonden Busenfreundinnen"

„Die Abenteuerreise soll ihrer Liebe neue Kraft geben“, heißt es schwülstig über Nadine und Kim vom Niederrhein, während die Partygirls Pia und Janine aus der Nähe von Köln als „die beiden blonden Busenfreundinnen“ vorgestellt werden.

Über die Bilder eines Düsseldorfers, der unfallfrei U-Bahn fährt, was bei RTL schon als Leistung belobigt wird, ertönt schließlich der zwingende Schluß: „Als Tauchlehrer weiß Harald: In der Moskauer Metro hilft nur Systematik weiter.“

Irgendwann müssen die Kandidaten in Spiel-ohne-Grenzen-Manier mit den Händen Fische aus der Wolga fangen und an Land bringen. Danach japst Marc aus Köln und sagt: „Brutal, echt.“

Noch brutaler erlebt das Unternehmen aber Hans Jörgen aus Mönchengladbach. Der 57-Jährige entpuppt sich im RTL-Sinne schon am zweiten Tag als Weichei. „Die Nacht war für mich ziemlich heftig, weil ich da gemerkt habe, auf was ich mich eingelassen habe“, klagt er, und schiebt, bevor er zu heulen beginnt, sein Fazit nach:

„Auf ziemlich viel Scheiße.“ Es ist der einzige Moment, in dem man als Zuschauer bedingungslos zustimmen möchte.

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/,tt3m3/kultur/artikel/616/52564/

Kommentar:

Man kann sich über solche Sendekonzepte durchaus wundern, aber aufregen oder gar schimpfen hilft da nicht, solange die Mehrheit der Menschen nach solcher Unterhaltung lechzt.

M. Dahlke

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