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Göttinger Wissenschaftler untersuchen Selbstorganisation in sozialen Netzwerken

Archivmeldung vom 04.04.2011

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 04.04.2011 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Manuel Schmidt
Die Autoren der Studie: Katrin Fehl, Daniel van der Post, Prof. Dr. Dirk Semmann (von links nach rechts). Foto: Uni Göttingen
Die Autoren der Studie: Katrin Fehl, Daniel van der Post, Prof. Dr. Dirk Semmann (von links nach rechts). Foto: Uni Göttingen

Arbeite ich mit meinen Kollegen zusammen oder nutze ich andere aus? Setze ich mich uneigennützig für andere Menschen ein? Welche Bedingungen Kooperation und prosoziales Verhalten fördern, das hat das Team um Juniorprofessor Dr. Dirk Semmann am Courant Forschungszentrum „Evolution des Sozialverhaltens“ der Universität Göttingen untersucht. Er leitet dort die Nachwuchsgruppe „Evolution of cooperation and prosocial behaviour“. Die Wissenschaftler konnten nun erstmals experimentell nachweisen, dass dynamische soziale Netzwerke kooperatives Verhalten fördern und dass die natürliche Selektion so Kooperation begünstigen kann.

Ihre Ergebnisse weichen jedoch teilweise von den Vorhersagen theoretischer Modelle ab. Sie werden heute (Montag, 4. April 2011) in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift „Ecology Letters“ veröffentlicht. Das Courant Forschungszentrum wird aus Mitteln der Exzellenzinitiative gefördert.

In dem Experiment spielten Studierende am Computer mit verschiedenen Partnern das sogenannte Gefangenendilemma, das ein zentraler Bestandteil der Spieltheorie ist. Dabei treffen zwei sich unbekannte Personen aufeinander, müssen sich für oder gegen eine Zusammenarbeit entscheiden und dabei Geld verdienen. Die Spielpartner müssen dabei abwägen, von welchem Verhalten sie am meisten profitieren, ohne vorab die Entscheidung des anderen zu kennen.

Die Göttinger Evolutionsbiologen simulierten zwei unterschiedliche Szenarien: Zum einen spielten die Probanden in einem statischen Netzwerk mit festgelegten Partnern, die sie nicht austauschen konnten. Dies entspricht der Situation mit Kollegen am Arbeitsplatz. Zum anderen spielten sie in einem dynamischen Netzwerk wie zum Beispiel bei Freundschaften, in dem die Partner ersetzt werden können. Die Probanden erfuhren in den insgesamt 30 Spielrunden nur die Ergebnisse der Entscheidungen mit ihrem jeweiligen Partner; sie erhielten keinen Überblick über das Geschehen im gesamten Netzwerk.

„In dynamischen sozialen Netzwerken wählten die Teilnehmer eine andere Strategie, als dies in theoretischen Modellen vorhergesagt wurde: Sie wählten häufig nicht kooperierende Personen ab und gingen lieber kooperative Langzeitbeziehungen ein“, so Katrin Fehl, Doktorandin in der Nachwuchsgruppe. Bislang war vermutet worden, dass Spieler auch nicht kooperierende Mitspieler behalten und sich auf deren Verhalten einstellen. Denn bei einem neuen, unbekannten Partner besteht die Gefahr, von ihm ausgenutzt zu werden.

Durch konstante Muster der Partnerabwahl veränderten die Teilnehmer ihr soziales Umfeld und beeinflussten die Struktur des dynamischen Netzwerkes: Es bildeten sich stabile Cliquen kooperativer Spieler mit Dreiecksbeziehungen heraus, in denen die eigenen Freunde auch untereinander befreundet waren. „Es besteht also eine enge Wechselwirkung zwischen der sozialen Umgebung und kooperativem Verhalten“, so Prof. Semmann. Im Spielverlauf machten kooperative Teilnehmer in dem dynamischen Netzwerk neue Erfahrungen, die ihre Verhaltenstrategie weiter festigte. Gleichzeitig wurden Spieler mit nicht-kooperativem Verhalten an den Rand des Netzwerks gedrängt. Die Partnerabwahl erzog Teilnehmer dazu, prosoziales Verhalten zu entwickeln.

Quelle: Georg-August-Universität Göttingen

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