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Auf den Spuren des deut­schen Erbes in Ungarn: Von Pesth über Ofen bis nach Wudersch

Archivmeldung vom 22.06.2021

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 22.06.2021 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Sanjo Babić
Bild: Ungarnreal / UM / Eigenes Werk
Bild: Ungarnreal / UM / Eigenes Werk

In der Geschichte Ungarns und damit Buda­pests kommt den auf dem Gebiet des Karpa­ten­be­ckens lebenden Deut­schen eine wich­tige Rolle zu. Aufzeich­nungen zufolge kamen die ersten deutsch­spra­chigen Siedler zusammen mit Königin Gisela um 996 in Ungarn an. Dies schreibt die Mitar­bei­terin des Deutsch-Unga­ri­sches Insti­tuts für Euro­päi­sche Zusammenarbeit Kinga Fodor in der Zeitung "Ungarnreal". Der Beitrag wurde vom Magazin "Unser Mitteleuropa" ins Deutsche übersetzt.

Bild: ittlakunk.hu / UM / Eigenes Werk
Bild: ittlakunk.hu / UM / Eigenes Werk

Fodor schreibt weiter: "Im Laufe der folgenden Jahr­hun­derte festigten sich die Ansied­lungs­be­we­gungen aus den deutsch­spra­chigen Sprach­ge­bieten und führten daher zu einer mal größeren, mal klei­neren, aber konstanten Einwan­de­rung. Gewisse histo­ri­sche Ereig­nisse – wie der Tata­renzug oder der Sieg über die Türken – verliehen der Migra­tion aus den deut­schen Ländern einen neuen Schwung, da die wegen der Kriege entvöl­kerten Gebiete neu bevöl­kert werden sollten.

Gegen Ende des 17. Jahr­hun­derts nahm infolge der Vertrei­bung des osma­ni­schen Heeres die erste orga­ni­sierte Ansied­lungs­welle nach Ungarn ihren Anfang. Im Rahmen dieser Welle kamen aus den süddeut­schen Gebieten, in erster Linie aus Schwaben, neue Bewohner nach Ungarn. Zu dieser Zeit entstanden viele schwä­bi­sche Sied­lungen im Umland von Buda­pest – von daher stammt auch die für die Ungarn­deut­schen im Allge­meinen verwen­dete Bezeich­nung „Schwaben, die sich auch in den Spra­chen der anderen Völker des Donau­raum etablierte.Im mittel­al­ter­li­chen Buda (von den Deut­schen früher Ofen genannt) und Pest (Pesth) waren die deut­schen Bewohner den anderen Natio­na­li­täten gegen­über in der Überzahl.

Sie bildeten das Rück­grat der städ­ti­schen bürger­li­chen Hand­werker- und Händ­ler­klasse, wodurch sie eine bedeu­tende Rolle bei der Stadt­ent­wick­lung und später bei der Indus­tria­li­sie­rung spielten. Die Wohn­häuser und Kirchen der Deut­schen in Pesth wurden entlang der bedeu­tenden Haupt­straßen gebaut. Das findet sich auch in den – später magya­ri­sierten – Namen öffent­li­cher Plätze wieder, wie etwa im Falle des Wait­zener Thors, des Serviten Gässls oder der Herrn Gasse. Es ist eine durchaus bemer­kens­werte Tatsache, dass sich die Reste der mittel­al­ter­li­chen Stadt­mauer, auf den Straßen von Buda­pest spazie­rend, auch heute noch beob­achten lassen: Ein Beispiel dafür ist der Spiel­platz bei der Kreu­zung der Bástya-Straße und der Veres-Pálné-Straße, wo die alte Stein­mauer und die in die Wand des Nach­bar­hauses einge­bauten Schieß­scharten sichtbar sind.

Die deutsch­spra­chige Bevöl­ke­rungs­mehr­heit von Pesth und Buda bestand bis zur Mitte des 19. Jahr­hun­derts. Die Deut­schen von Buda­pest, die auch vonseiten des Wiener Hofs unter­stützt wurden, hatte zudem eine bedeu­tende Rolle bei der Stadt­ver­wal­tung inne. Auf diese Weise waren der Stadt­richter, der Bürger­meister und die Mitglieder des Stadt­rates oftmals deut­scher Herkunft, wodurch die Aneig­nung des Deut­schen als der führenden Sprache Buda­pests auch für die unga­ri­schen Bürger eine Pflicht war.

Neben der Hoch­sprache wurden in Pesth 37 und in Buda 50 unter­schied­liche deut­sche Dialekte gespro­chen. Das veran­schau­licht, wie viel­fältig die Bevöl­ke­rung der unga­ri­schen Städte damals war.

Dass Pesth in der Mitte des 19. Jahr­hun­derts zum wirt­schaft­li­chen, kultu­rellen und poli­ti­schen Zentrum des König­reichs Ungarn wurde, ist teil­weise den Akti­vi­täten der Deut­schen zu verdanken. Sie grün­deten nämlich zahl­reiche bedeut­same Hotels, Restau­rants, Theater und Drucke­reien. Von dieser Epoche zeugen mehrere Unter­nehmen, die auch heute noch in Buda­pest besucht werden können, wie das Restau­rant Gundel, die Scho­ko­la­den­fa­brik Stühmer oder die Bier­brauerei Dreher. Solange die Monar­chie bestand, galt neben dem Gast­ge­werbe auch die Archi­tektur als typisch deut­sche Profes­sion.

Das Stadt­bild von Buda­pest wurde von Meis­tern, Hand­wer­kern und Archi­tekten deut­scher Natio­na­lität und Abstam­mung elementar geprägt.

Aus dem Sude­ten­land kam der Archi­tekt Johann Hild (ca1760-1811) nach Ungarn, der das erste offi­zi­elle, vom Palatin Joseph initi­ierte Stadt­ent­wick­lungs­do­ku­ment von Buda­pest, den Verschö­ne­rungs­plan, schuf und zum Teil durch­führte. Der Verschö­ne­rungs­plan beinhal­tete den Grund­riss des heutigen Vörös­marty-Platzes und des József-Nádor-Platzes wie auch Entwürfe für den Bau klas­si­zis­ti­scher Paläste am Donau­ufer. Das Werk von Johann Hild wurde von seinem bereits in Ungarn gebo­renen Sohn József Hild (1789–1867) weiter­ent­wi­ckelt. Ihm sind u.a. das Palais Gerbeaud auf dem Vörös­marty-Platz, das Haus Károlyi-Trattner auf der Petőfi-Sándor-Straße oder das Gross-Haus am József-Nádor-Platz zu verdanken. Darüber hinaus begannen auch die Bauar­beiten an der St-Stephans-Basi­lika auf der Grund­lage seiner Entwürfe. Zahl­reiche weitere ikoni­sche Gebäude der Stadt lassen sich mit dem Namen von Michael Pollack (1773–1855) in Verbin­dung bringen, der aus Wien nach Ungarn über­sie­delte. Hierzu zählen etwa die evan­ge­li­sche Kirche auf dem Deák-Platz, das Palais Sándor in der Burg, das Ludo­viceum, das Schloss Feste­tics sowie das Unga­ri­sche Natio­nal­mu­seum.

Den dama­ligen Stadt­plan betrach­tend ist es leicht nach­voll­ziehbar, welche rasante Entwick­lung ab dem Ende des 18. Jahr­hun­derts bis zur Mitte des 19. Jahr­hun­derts in Buda­pest stattfand.

Nach 1786 wurde nörd­lich der alten Stadt­mauer ein neuer Stadt­teil aufge­baut, der anläss­lich der Krönung von Leopold II. den Namen Leopold­stadt bekam. Der Bau der 1787 entstan­denen Schiff­brücke, die durch eine Verket­tung von Schiffen den Über­gang zwischen Ofen und Pesth noch weit vor dem Bau der Ketten­brücke sicherte, wirkte sich auf die Entwick­lung der Gegend sehr bele­bend aus. Auf dem Stadt­plan können wir zahl­reiche, heute nicht mehr stehende, Gebäude sehen, die vom ehema­ligen kultu­rellen und gesell­schaft­li­chen Leben der Deut­schen zeugen. Ein Beispiel dafür ist das Deut­sche Theater Pest (Pesti Német Színház), das sich auf dem heutigen Vörös­marty Platz befand und über die größte Kapa­zität unter den euro­päi­schen Thea­tern seiner Zeit verfügte. Ein anderes Beispiel ist das Neuge­bäude (Újépület), das ursprüng­lich als Volks­wohl­fahrts­in­sti­tu­tion, dann als Kaserne und Gefängnis diente und nach dessen Abriss dort später der Frei­heits­platz entstand. Es ist eben­falls aufschluss­reich, einen Blick auf die Namen der öffent­li­chen Plätze des Stadt­planes zu werfen, von denen viele auch heute noch den ursprüng­li­chen deut­schen Sinn bewahrt haben, wenn­gleich in unga­ri­scher Form. Zum Beispiel gehören hierzu die Alte Post­gasse, die als eine Station der Post­kut­sche nach Wien fungierte, oder die den Namen des ehema­ligen Stadt­rich­ters tragende Karpfensteingasse.

In den 1890-er Jahren bekannten sich bloß nunmehr 13% der Bevöl­ke­rung des bereits aus seinen beiden Stadt­teilen Ofen und Pesth verei­nigten Buda­pests als Deutsche.

Dies lässt sich einer­seits auf die natür­liche Assi­mi­la­tion, ande­rer­seits auf die sich seit dem letzten Drittel des 19. Jahr­hun­derts verstär­kende Magya­ri­sie­rungs­po­litik zurück­führen. Die Magya­ri­sie­rung hatte hingegen auf die in der Gegend von Buda­pest lebenden Schwaben einen gerin­geren Einfluss, sodass dort mehrere auch heute noch auffind­bare Denk­mäler das Erbe ihrer früheren Gemein­schaften bewahren. Ein Beispiel hierfür ist das zum 2. Bezirk von Buda­pest gehö­rende Hidikut (Pest­hi­degkút), in dessen Altdorf sich die ursprüng­liche schwä­bi­sche Kirche und ein unver­fälschtes Stück­chen des Dorfes besich­tigen lassen. Eine eben­falls bedeu­tende schwä­bi­sche Bevöl­ke­rung lebte auf dem Gebiet des heutigen zum 22. Bezirk gehö­renden Budafok (Promontor) bzw. Buda­té­tény (Klein­te­ting) und des zum 23. Bezirk gehö­renden Soroksár (Markt). In der Bevöl­ke­rung der zuvor florie­renden schwä­bi­schen Dörfer rich­teten die Aussied­lungen nach dem Zweiten Welt­krieg jedoch unum­kehr­bare Schäden an.

“Zwischen 1946 und 1947 wurde zum einen ein Teil der ungarn­deut­schen Bevöl­ke­rung zur Zwangs­ar­beit in die Sowjet­union verschleppt, zum anderen wurden viele Donau­schwaben nach Deutsch­land vertrieben.

Trotz der Vertrei­bungen bewahren zahl­reiche unga­ri­sche Fami­lien bis heute die Tradi­tionen ihrer deut­schen Vorfahren. Der Vertrei­bung der Ungarn­deut­schen gedenkt das in Soroksár im Jahre 2016 aufge­stellte Denkmal des Bild­hauers Sándor Kligl, das den Namen „Elűzetés“ (Vertrei­bung) trägt. Das Denkmal stellt ein Kind mit seiner Mutter dar – des Vaters beraubt –, wie sie von ihrer geliebten Heimat in den letzten Momenten vor ihrer Aussied­lung Abschied nehmen.

Die Ungarn­deut­schen – deren Zahl landes­weit auf rund 180.000 geschätzt wird – sind momentan eine der bedeu­tendsten Minder­heiten in Ungarn.

Die Weiter­gabe und die Bewah­rung der deut­schen Sprache wie auch der Tradi­tionen werden durch ein breites insti­tu­tio­nelles System ermög­licht. Eine der bedeu­tendsten Einrich­tungen ist das in der Nähe des Helden­platzes liegende Ungarn­deut­sche Kultur- und Infor­ma­ti­ons­zen­trum, das mit deutsch­spra­chigen Ausstel­lungen, Puppen­thea­tern, Film­vor­füh­rungen, Konzerten und Festi­vals zur Popu­la­ri­sie­rung der Natio­na­li­tä­ten­kultur beiträgt. Wir könnten ebenso das landes­weite Netz­werk der Natio­na­li­tä­ten­kin­der­gärten, ‑schulen, ‑theater und ‑biblio­theken erwähnen, dessen Ziel es ist, dass auch die neue Genera­tion die Kultur ihrer Vorfahren kennen­lernen kann. Die erhalten geblie­benen geis­tigen Über­lie­fe­rungen und mate­ri­ellen Denk­mäler der deut­schen Natio­na­lität werden in zahl­rei­chen unga­ri­schen Museen bewahrt. In der unmit­tel­baren Nähe von Buda­pest können wir im Jakob Bleyer Heimat­mu­seum zu Wudersch in die Geschichte und Wohn­kultur der Schwaben in der Gegend von Buda­pest eintau­chen. Für dieje­nigen, die sich für die Geschichte der Ungarn­deut­schen inter­es­sieren, ist es unbe­dingt empfohlen, das Ungarn­deut­sche Museum in Tata zu besu­chen, welches auf 500 m2 die Kultur und die Lebens­weise der Ungarn­deut­schen vorstellt."

Quelle: Unser Mitteleuropa

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