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Gekrönte Bordelle: Sexbranchen-Verband führt Gütesiegel für „Freudenhäuser“ ein

Archivmeldung vom 29.08.2017

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 29.08.2017 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
Bild: tokamuwi / pixelio.de
Bild: tokamuwi / pixelio.de

Mit einem neuen Bewertungssystem will der „Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen“ (BSD) die Qualität von Bordellen verbessern. „Damit können die Frauen im Prostitutions-Gewerbe seriöse von weniger seriösen Arbeitgebern unterscheiden“, sagt Stephanie Klee vom Verband. Ein anderer Sex-Verband und die Kirche üben Kritik, schreibt das russische online Magazin "Sputnik".

„Gütesiegel gibt es in vielen Branchen“, erklärte Klee, Gründerin und 1. Vorstandsvorsitzende des BSD, im Sputnik-Interview. „Sie kennen den TÜV, Sie kennen die Sterne aus der Hotel-Branche. Das ist hiermit vergleichbar. Das Gütesiegel sagt durch die Anzahl der Kronen dem Kunden, der Öffentlichkeit und auch den Behörden etwas über die Qualität der Bordelle.“ Der Verband hat am 24. August das erste Gütesiegel an das Freudenhaus „Herz Ass“ in Rosenheim (Bayern) vergeben.

Der Verband habe das Kronen-Gütesiegel für die Bordelle eingeführt, um es den Frauen im Rotlicht-Gewerbe leichter zu machen. „Sie können sich nun informieren“, so Klee. „Wenn die Frauen das Gütesiegel sehen, wissen sie: Das ist ein seriös geführtes Haus. In dem sie völlig frei ihrer Tätigkeit nachgehen können. Wo sie weder Einfluss auf ihr Geschäftsgebaren noch andere Störungen zu befürchten haben. Die Frauen haben durch das Siegel die Möglichkeit, einen Kunden abzulehnen. Auch ein neues Beschwerde-Management soll damit eingerichtet werden.“

Für die Gütesiegel-Vergabe habe der Verband einen Fragekatalog erstellt. Den erklärte Klee so: „Wir prüfen anhand des Fragebogens die Transparenz der Eigentümerschaft, also wer ist Besitzer des Hauses. Es gibt hygienische Standards. Wir prüfen, ob es getrennte Toiletten für Frauen und Kunden gibt. Ob es abschließbare Schränke für die Frauen. Die Mindest-Standards des neuen Prostituiertenschutzgesetzes vom 1. Juli 2017 werden abgefragt.“ Wer ein „Freudenhaus“ betreibe, müsse sich dadurch „deutlich positionieren und seinen Betrieb seriös führen.“

Die Idee für solch ein Gütesiegel bestehe schon seit der Gründung des BSD im Jahr 2002. Klee war Mitgründerin. Nach dem Start gehe es nun weiter: „Im nächsten Schritt werden wir ein eigenes Auditierungs-Institut gründen. Mit externen Experten, die im Aufsichtsrat unser Gütesiegel-System kontrollieren.“ Insgesamt bis zu sechs Kronen könne ein Bordell erhalten. „Das ist das Höchste. Dafür ist nicht nur das Vorhandensein der Transparenz und der Mindest-Standards nötig. Sondern es müssen noch mehr Dinge in dem Haus dann vorhanden sein: ein Whirlpool, Angebote von Speisen und Getränke, gewisse Events, eine höherwertige Ausstattung. Also genauso, wie Sie das von einem Hotel kennen.“

Neben dem „Herz Ass“ in Rosenheim sei laut dem Verband das „X-Carree“ in Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt einer der nächsten Kandidaten auf das Siegel. Dessen Inhaber, Robert Frickinger, erklärte auf Sputnik-Anfrage: „Dazu kann ich eigentlich noch nichts sagen, das ist alles noch im Schwebeverfahren. Aber ich denke, das BSD-Gütesiegel wird unseren Mädels zugutekommen.“ Sein Haus in der Nähe vom Hallenser Hauptbahnhof bestehe seit 15 Jahren. „Wir sind von Anfang an im BSD organisiert, waren eines der ersten Häuser im Verband. Wir sind schon immer mit der Zielsetzung angetreten, die Arbeitsbedingungen für die Mädels bei uns zu verbessern. Wir leben schließlich von unseren Mädels.“

Er habe das Haus von seiner mittlerweile verstorbenen Frau übernommen. „Meine Frau war Versicherungsmaklerin. Sie legte stets auch aus kaufmännischer Sicht Wert darauf, dass es den Frauen bei uns gut geht, nicht nur unseren Gästen. Wir vermieten nur Zimmer, wir überwachen unsere Frauen nicht.“ Die Zeit der Zuhälter ist laut ihm vorbei. „Die hat es bei uns sowieso nie gegeben.“

Michael Beretin, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Erotikgewerbes aus Stuttgart, kritisierte das neue Siegel des BSD. „Das Gütesiegel kann so nicht funktionieren, weil nur sehr wenige Bordelle im BSD organisiert sind“, sagte er gegenüber Sputnik. „Darüber hinaus hat unser Verband für unsere Mitglieds-Betriebe ähnliche Standards schon seit zwölf Jahren eingeführt. Die Eintrittspreise, die wir von unseren Kunden verlangen, enthalten beispielsweise einen monatlichen Gesundheits-Check für unsere Frauen.“

BSD-Vorstandsmitglied Klee erwiderte auf diese Kritik: „Das ist ein großes Problem der Prostitutions-Branche. Wir sind viel zu wenig organisiert. Sowohl Bordellbetreiber, Sexarbeiterinnen und auch Kunden glauben zu wenig an eine Interessenvertretung, weil sie insgesamt von der Politik nicht ernstgenommen werden.“ Ihrer Erfahrung nach seien lediglich zehn Prozent der Bordelle in Deutschland in Verbänden organisiert. Insofern sei die Kritik des anderen Verbandes „irreführend“. Auch in diesem seien „viel zu wenige Bordellbetriebe organisiert.“ Der BSD bemühe sich, mehr Freudenhäuser im Verband zu organisieren.

Ein Sprecher vom Erzbistum Berlin kommentierte auf Sputnik-Anfrage das neue Gütesiegel für Bordelle. „Für die Katholische Kirche ist das eine relativ einfache Geschichte: Liebe und Sexualität gehören für uns untrennbar zusammen“, sagte Stefan Förner, Pressesprecher des Erzbischöflichen Ordinariats in Berlin. „Liebe ist nicht käuflich. Also ist auch Sexualität nicht käuflich. Dennoch begrüßen wir jede Maßnahme, die dazu führt, dass es den Frauen in den Einrichtungen besser geht. Dass es keinen Menschenhandel gibt. Dass die rechtliche Stellung der Frauen in solchen Häusern sich verbessert.“ Er verwies zudem auf kirchliche Anlaufstellen in Berlin, in denen sich katholische Ordensschwestern des Erzbistums um Frauen aus dem Rotlichtgewerbe kümmern.

Quelle: Sputnik (Deutschland)

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