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Vom Herzschrittmacher zum Borg

Archivmeldung vom 12.07.2006

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 12.07.2006 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

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Die Neuroprothetik gehört zu den faszinierendsten Entwicklungen der modernen Medizintechnik. Experten rechnen in Zukunft mit den vielfältigsten Einsatzgebieten, die sich vom „künstlichen Sehen“ bis hin zur gezielten Behandlung der Parkinsonschen Krankheit erstrecken. Die weitere Auslotung technisch möglicher Gehirn-Maschine-Schnittstellen wirft jedoch auch ethische Fragen auf.

Wenn körpereigene Schaltstellen krankheits- oder unfallbedingt nicht mehr funktionieren, werden miniaturisierte elektronische Implantate defekte Nervenstrukturen und deren Funktionen ersetzen. Das klingt wie ein alter Menschheitstraum. Dass es nicht bei einem Traum bleiben muss, demonstriert eine aktuelle Studie des VDE zur Neuroprothetik. Danach befindet sich eine Reihe von utopisch anmutenden Entwicklungen in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung. Künstliche Hände, die durch elektronische Signale gesteuert werden, Rollstühle und Roboterarme, die sich allein durch Gedanken lenken lassen und Herzen, die ohne Medikamente mit neuartigen Elektroden wieder im Takt schlagen sind keineswegs Szenen aus Science-Fiction-Filmen, sondern beinahe Realität.

Die Neuroprothetik basiert auf dem Verfahren, körpereigene Signale in elektronische Signale zu verwandeln und auf diese Weise technische Systeme wie zum Beispiel eine künstliche Hand zu steuern. Heute ist es bereits möglich, diese als Innervationsmuster bezeichneten Körpersignale in Steuersignale zu verwandeln, mit denen sich Prothesen beinahe in natürlicher Weise bewegen lassen. „Sogar Rückkopplungen sind inzwischen möglich“, versichert Professor Dr. Klaus-Peter Hoffmann vom Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik (IBMT). So könnten die Sensoren einer Handprothese beispielsweise die Temperatur des ergriffenen Gegenstandes an einen im Unterarm implantierten Mikroprozessor melden, so dass in den entsprechenden Hirnarealen das Gefühl von Hitze ankomme. „Es wird sogar daran gearbeitet, die Handprothese mit haptischen Funktionen auszustatten“, ergänzt Hoffmann. Am Ende der Entwicklung könnten Prothesen stehen, die über weit reichende Tastsinne verfügen und den Betroffenen schließlich gar das „Fremdkörper-Gefühl“ nehmen.

Zu den wichtigsten Funktionen der Neuroprothesen gehört auch die gezielte Stimulation eingeschränkter oder verloren gegangener Funktionen. Die am weitesten verbreitete Stimulationsart ist die elektrische Stimulation des Herzens in Form des Herzschrittmachers. Mit etwa 1 Mio. Implantationen weltweit pro Jahr sie als etablierte Technik zu einem Standard der Gesundheitsversorgung geworden. Einen ganz neuen Zweig der Schrittmachertherapie bildet die „kardiale Resynchronisationstheraie (CRT)“. War bislang die Stimulation auf den rechten Teil des Herzens beschränkt, weil dort der Innendruck vergleichsweise gering ist, so werden mittlerweile mehr und mehr auch die linken Kammern als Therapieziel entdeckt. Ursache hierfür sind Erkrankungen, bei denen die Reizleitung von der rechten in die linke Herzhälfte verlangsamt oder gar unterbrochen ist. Die Folgen sind für die Betroffenen dramatisch, da irreversible Kammerschädigungen auftreten.

Blinde lernen wieder Sehen

Die Wiederherstellung des Sehvermögens nach einer Erblindung stellt für die Neuroprothetik eine besondere Herausforderung dar. Die heutige Forschung konzentriert sich hauptsächlich auf die Entwicklung von Sehprothesen für Patienten mit Retinitis Pigmentosa, einer erblich erworbenen Krankheit, bei der die Sinneszellen in der Netzhaut degenerieren und bei der sich sukzessive das Gesichtsfeld bis zur völligen Erblindung verkleinert.

Hoffmann zufolge bestehen die Sehprothesen aus einem Mikrophotodiodenarray, welches das auf die Netzhaut einfallende Licht erfasst und über Elektroden durch Stimulationsimpulse an diesen Stellen der Nervenzellen technisch erregt. Die bisherigen Erfolge geben zu gedämpftem Optimismus Anlass. So wurden bei Implantaten an freiwilligen Probanden, die an Retinitis Pigmentosa erblindet waren, mit einem 25-Kanal-Array Sehwahrnehmungen erzielt, bei denen nach einer Trainingsphase die Probanden die Orientierung einfacher Muster in einer Testumgebung wiedergaben.

Wenn elektrische Impulse das Zittern verhindern

„Ein weiteres Anwendungsgebiet der Neuroprothetik ist die Behandlung der Parkinsonschen Krankheit“, erläutert Hoffmann. Interessanterweise könnten durch die Abgabe eines gepulsten elektrischen Stroms die krankhaft überaktiven Kernregionen im Gehirn gehemmt und die Symptome damit wirksam gelindert werden.

Bei diesem Verfahren werden zwei vierpolige Elektroden durch eine hochpräzise neurochirurgische Operation am wachen Patienten in je eine Gehirnhälfte millimetergenau platziert und an einen so genannten Neurostimulator, der ähnlich einem Impulsgenerator bei einem Herzschrittmacher zwischen Haut und Brustmuskel implantiert wird, angeschlossen. Diese Therapie kommt zunächst nur für Patienten in Betracht, die unter medikamentöser Behandlung nicht ausreichend therapiert werden können.

In ähnlicher Weise wird versucht, die Methode auch zur Behandlung der Epilepsie einzusetzen. Die bisher vorliegenden Studien weisen darauf hin, dass die elektrische Stimulation die beim epileptischen Anfall auftretende großräumige Synchronisation von Neuronen in unterschiedlichen Hirnregionen behindert und so der Anfall unterdrückt werden kann. Allein in Deutschland sind von der Krankheit 500.000 Menschen betroffen. Nur bei 65 Prozent dieser Patienten lassen sich die Anfälle durch medikamentöse Behandlung oder Epilepsie-chirurgische Maßnahmen beherrschen. Für das restliche Drittel werden dringend alternative Behandlungsmöglichkeiten gesucht.

„Wir sind die Borg. Sie werden assimiliert. Widerstand ist zwecklos“

Was einigen Forschern in den USA mit Hilfe der Mikro- und Nanoelektronik machbar erscheint, erläuterte Dr. Steffen Rosahl vom Neurozentrum des Universitätsklinikums Freiburg. Im Prinzip könne der Mensch mit Hilfe der Mikroelektronik seine Sinne heute schon erweitern. Zum Beispiel mit digitalen Linsen, die „die sichtbare Welt um Bilder aus dem Infrarot und Röntgenbereich ergänzen“, sagt er. Auch die Erweiterung des Hörsinns „in den Ultraschallbereich hinein“ liege im Bereich des technisch Machbaren. Implantierbare Gehirnchips, so Rosahl, würden in den nächsten Jahren die unmittelbare Interaktion zwischen Mensch und Computer ermöglichen. Gedanken teilten sich dann direkt den Rechnern mit.

An derartigen Schnittstellen, so Rosahl, seien unter anderem die Militärs in den USA interessiert. Danach werde die Technik den zivilen Bereich erobern. „Elektronisch ausgerüstete Menschen könnten Daten dann mit viel höheren Raten verarbeiten“, prophezeit der Neurowissenschaftler. Daher müsse heute bereits die Diskussion beginnen, wie die Gesellschaft mit solchen Technologien umgehe. Ansonsten stehe am Ende der Entwicklung möglicherweise eine Art „Borg“. Bei dem aus der Science-Fiction Serie „Star Trek“ bezeichneten „Volk“ wurde der freie Wille der einzelnen Individuen gebrochen und durch ein „kollektives Bewusstsein“, bei dem Gedanken, Wissen und Erfahrungen auf die Allgemeinheit übergehen, mit Hilfe von im Gehirn implantierten Nanometersonden ersetzt.

Rolf Froböse Buchtipp:

Wer mehr über das Thema erfahren möchte, dem sei das Buch von Rolf Froböse „Mein Auto repariert sich selbst. Und andere Technologien von Übermorgen“ empfohlen. Es ist im Weinheimer Wiley-VCH Verlag erschienen und kostet EUR 24,90. Weitere Infos: http://www.amazon.de/gp/product/3527311688/028-2503781-5046930?v=glance&n=299956

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