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Ekstase – das Prickeln auf der Haut als spirituelles Phänomen

Archivmeldung vom 02.10.2007

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 02.10.2007 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
Prickelnde Berührung nach dem Kamasutra
Prickelnde Berührung nach dem Kamasutra

Wir alle kennen dieses Prickeln auf der Haut, bei dem sich die Körperhärchen aufstellen. Oft geht dieses Gefühl einher oder wird gleichgesetzt mit Frösteln, Schauer und bestimmten emotionalen Zuständen. Weniger bekannt ist dagegen, dass dieses Prickeln auf der Haut eine spirituelle Bedeutung hat, und zwar bei intensiven Erlebnissen, die Menschen in der Kommunikation mit einer göttlichen oder heiligen Macht oder Kraft erfahren.

Ente mit Gänsehaut
Ente mit Gänsehaut

Das Prickeln ist ein Phänomen, das unsere Alltagswelt mit unseren spirituellen Bemühungen verbindet – auch beim Sehen der Mouches volantes.

In der modernen westlichen Medizin gilt Gänsehaut (lat. cutis anserina) als Resultat eines neurophysiologischen Prozesses: Sinnes- oder Gedankenreize vermögen in bestimmten Situationen eine Zusammenziehung der Haarmuskel zu bewirken, worauf sich die Körperhärchen erheben und die Haut so hügelig wird wie bei einer gerupften Gans. Welche Funktion erfüllt diese Gänsehaut? Die physiologische Antwort: Keine, oder genauer: keine mehr. Es sei ein funktionslos gewordenes Überbleibsel einer Vorzeit, als die Menschen noch dicht behaart waren. Durch das Aufstellen der Haare hätten sich bei ihnen Zwischenräume gebildet, in denen Luftpolster den Körper vor Kälte schützten. Teilweise wird diese Erklärung ergänzt durch den Hinweis, das Aufstellen der Haare sei eine Drohgebärde - denken wir etwa an eine Katze, deren Fell sich bei der Sichtung eines Feindes sträubt. Durch Gänsehaut würden Tiere (und früher auch der Mensch) im Angesicht einer Gefahr grösser und damit bedrohlicher wirken – womit die Chance steigt, den Feind kampflos in die Flucht zu schlagen.

Prickeln, Kunst und Emotionen

Das Prickeln als funktionslos gewordenes „Auslaufmodell“? Das mag für Mediziner stimmen, die die materielle physiologische Seite des Phänomens untersuchen. Wer aber versucht, ein bewussteres spirituelles Leben zu führen, sollte die Phänome dieser Welt an sich selbst beobachten und ihnen diejenige Bedeutung zuerkennen, die den eigenen Erfahrungen entsprechen.

Wir wissen aus Erfahrung, dass wir nicht nur bei Kälte eine Gänsehaut kriegen, sondern auch in bestimmten emotionalen Situationen, seien sie angenehm oder unangenehm. Im deutschen Sprachgebrauch wird das „Frösteln“, der „Schauer“ oder „Schauder“, der über den Rücken läuft, das Sträuben der Haare in „haarsträubenden“ Situationen häufig negativ assoziiert. Auch unser Wort „Horror“ von lat. horrere = emporsträuben (der Haare) legt dies nahe. Die damit verbundenen Gefühle sind Angst, Panik, Ekel und Abscheu. Die Literatur macht sich dies durchaus zunutze: So sollen „Schauerromane“ und „Horrorstories“ diesen Gefühlen gerecht werden und buchstäblich eine Gänsehaut erzeugen.

Doch wir kennen auch das Prickeln, das in schönen, erhabenen, überwältigenden Momenten unseren Körper angenehm durchströmt. In unserer Kultur waren und sind vor allem die Dichtung und die Musik jene Künste, die unseren Geist für diese Art von Fühlen zu öffnen vermögen. So finden sich viele Beispiele, wo das Prickeln Ausdruck intensiver Gefühle und Gemütszustände ist wie Geborgenheit, Sehnsucht, Melancholie. Vom Dichter E. T. A. Hoffmann wurde einmal gesagt, er sei „in einer Gänsehaut geboren worden“; der deutsche Komponist Carl Maria von Weber (1786-1826) schrieb in einem Brief an seine Gattin Caroline über eine Aufführung: „Du weisst wenn einen so die gewisse Gänsehaut über den Rücken läuft, da ist es das wahre.“

Prickeln bei Liebe und Sexualität

Auch in der Liebe und der Sexualität ist das Prickeln auf der Haut das Resultat eines bewussteren Erlebens. Die westliche Literatur hat ihre Protagonisten vielfach einen „süssen Schauer“ erleben lassen, als Reaktion auf den Anblick oder den Gedanken an ihre Angebeteten. Auch in der indischen Kultur ist das Prickeln als Erscheinung in einer Liebesbeziehung bekannt. Das Kamasutra zum Beispiel, das indische Lehrbuch der körperlichen Liebeskunst, lehrt eine bestimmte Art der Berührung, die das Prickeln auslösen soll:

Wenn mit diesen gut zusammengefügten (Nägeln) in der Gegend des Kinnes, an den Brüsten oder der Unterlippe eine leichte Bewegung ausgeführt wird, ohne dass dabei eine Spur entsteht, und nur am Ende infolge der bloßen Berührung ein Sträuben der Härchen stattfindet und aus dem Zusammenprallen ein Ton erwächst, so ist das das klingende Mal. (Kamasutra, 4.10)

Schließlich kann das Prickeln auch beim Geschlechtsverkehr selbst und beim Orgasmus erlebt werden. Und bei näherer Betrachtung zeigen sich Parallelen zwischen den beiden Empfindungen: Genauso wie ein Orgasmus lässt sich auch das Prickeln als explosionsartige entspannende Entweichung von Energie begreifen, welche auf eine Phase der Anspannung und der Ansammlung erfolgt. Wie ein Orgasmus kann uns das prickelnde Gefühl beruhigen und beglücken und uns mit unserer Umwelt eins fühlen lassen. Der Psychologe J. Panksepp konnte neurochemische Ähnlichkeiten im Nervensystem bei einem Prickeln und bei einem geschlechtlichen Orgasmus feststellen. Es ist daher nahe liegend, das Phänomen als „Ganzkörperorgasmus“ oder „Hautorgasmus“ zu bezeichnen.

Prickeln bei der Suche nach Wahrheit und der Liebe zu Gott

Ist es möglich, dass solche Haut- oder Ganzkörperorgasmen von spirituellen Meistern, Ekstatikern und Mystikern bewusst gefördert und anstelle der geschlechtlichen Orgasmen genossen werden? Jedenfalls haben Mystiker vieler Kulturen und Zeiten den spirituellen Weg als Liebesbeziehung zu Gott begriffen und in ekstatischen Zuständen Empfindungen wie Frösteln, Schauer, Kribbeln und Prickeln erlebt. Christliche und muslimische Mystiker erlebten das Phänomen als etwas, das mit unmittelbarer Erkenntnis verbunden ist und sie näher zu Gott bringt. Der buddhistische Abhidharma, der jüngste Teil des Pali-Kanons, enthält die Beschreibung einer bestimmten Art von Glück (priti), die beim Meditierenden ein Prickeln auslösen kann. In der Praxis des chinesischen „Sexual-Kung Fu“ zeigt das Prickeln an verschiedenen Körperstelle die Präsenz der transformierten Sexualenergie an. Verschiedene hindu-indische Lehrbücher, Epen, Mythen und Legenden berichten von der Gänsehaut:

Das Yoga-Lehrbuch Gheranda-Samhita beispielsweise identifiziert das Prickeln als Teil des Bhakti-Yoga-Weges. In den Geschichten kommt das Phänomen oft bei grossen Helden und Yogis vor, sobald sie Gott erkennen oder von edlen gottgefälligen Taten hören. In der Bhagavadgita sträuben sich die Haare von Arjuna, dem grossen Helden und Krieger, als er die wahre Natur seines Wagenlenkers, dem Gott Krishna, erkennt. Und im Bhagavata Purana heisst es:

“Wie kann das Herz von Befleckungen gereinigt werden ohne dass man Hingabe übt? Und wie kann man von intensiver Hingabe sprechen, wenn sich die Haare nicht emporsträuben, das Herz nicht von tiefster Zuneigung erfüllt ist und die Freudentränen nicht über die Wange rinnen?“ (Bhagavata Purana, 11.14.23)

Wir sehen, dass das Prickeln in jeweils besonderen Zuständen der Kontemplation, Gebet, Meditation und Ekstase erscheint. Daher treffen wir dieses Phänomen auch vermehrt bei solchen religiösen Praktiken, die bewusst und gezielt mit Ekstasetechniken und Trance arbeiten. Dazu gehören schamanistische, populärreligiöse, stammesreligiöse und mystische Richtungen. Berichte über ekstatische Zustände, bei denen Gänsehaut beobachtet wurde, sowie mythische Erzählungen, in denen das Phänomen erwähnt wird, gibt es meines Wissens aus dem indischen Bengalen, aus dem pazifischen Inselraum, aus Amerika, Sibirien und Malaysia.

Das Prickeln aus der Sicht des Sehers Nestor

Wir haben es also mit einem universellen menschlichen Phänomen zu tun, das Menschen zu allen Zeiten in vielen Kulturen erlebt und unterschiedlich interpretiert haben. Universell scheint das Phänomen auch deshalb zu sein, weil es in vielen verschiedenen Situationen vorkommt, verbunden mit vielen verschiedenen Sinnesreizen, Gefühlen und Gedanken. Wie können wir dieses Prickeln nun verstehen, das in dieser Hinsicht so unfassbar scheint?

Für den im Emmental lebenden Seher Nestor, bei dem ich lerne, hat das Prickeln eine Schlüsselstelle in der Bewusstseinsentwicklung. Er interpretiert dieses Gefühl als „reine Energie, die aus dem Körper in das Bild als ein Ganzes fließt“. Was heißt das? Mensch zu sein bedeutet für Nestor, in jedem Moment Energie umzuwandeln. Wir nehmen also unablässig Energie in verschiedenster Form auf und geben sie wieder ab – auf der körperlichen, emotionalen und gedanklichen Ebene.

Für Menschen, die spirituell leben wollen, ergibt sich mit diesen Formen des Energieumsatzes ein Problem: Körperliche Handlungen, Gefühle und Gedanken, seien sie noch so ideal und liebevoll, haben stets den Nachteil, dass sie mit bestimmten Erwartungen und Absichten verbunden sind und sich immer nur auf eine bestimmte Person, eine bestimmte Situation, einen bestimmten Gegenstand richten, d.h. uns an eine Realität binden, die wir innerlich ja überwinden wollen. Bewusstseinsentwicklung bedeutet aber, dass wir je länger je mehr fähig werden, Energie auf eine Weise abzugeben, die sich an unsere Umgebung als Gesamtes richtet und nicht mehr durch unsere Vorlieben und Abneigungen beeinflusst wird – ein energetisches Geschenk also an alles und alle gleichermaßen. Diese Form der Energieabgabe besteht darin, Energie direkt aus dem Körper an die Umgebung fliessen zu lassen. Das Gefühl, das dabei entsteht, ist eben dieses ekstatische Prickeln, bei dem sich die Härchen sträuben.

Nun sind solche prickelnden Momente zu Beginn eher selten. Hinzu kommt, dass wir das Prickeln nur kurz und nicht sehr intensiv erleben, eher als ein Kribbeln, oft noch begleitet von einem Frösteln und Zittern. Durch die richtige Ernährung, Bewegungen, Atemübungen, Meditation und andere körperliche und geistige Praktiken erhöhen wir den Energieumsatz und beseitigen innere Blockaden. Kann diese Energie vermehrt fließen, wird ein Prickeln leichter und häufiger ausgelöst, dauert länger und durchströmt immer grössere Körperpartien. Mit anderen Worten: Dieses Prickeln lässt sich in seiner Intensität entwickeln, bis hin zu jenem langen und am ganzen Körper erlebten Energierausch, den Nestor „Ganzkörperorgasmus“ oder „Ekstase“ (gr. ekstasis, Aus-treten; Aus-sich-heraus-treten) nennt. Dabei zeigt sich auch die spirituelle Dimension der Ekstase: Nicht nur befreit sie uns wie das Prickeln von Emotionen und Abhängigkeiten, macht uns präsent und entspannt und beglückt uns. Sie bewirkt zudem eine Bewusstseinserweiterung in uns, die sich vor allem als visuelle Veränderung bemerkbar macht. Nestor berichtet davon, dass durch die Ekstase alle Phänomene in seinem Blickfeld näher, leuchtender und schärfer, insgesamt intensiver erscheinen – auch feststellbar bei den Mouches Volantes. Diese intensive körperliche Glückseligkeit wird zudem begleitet von spirituellen Einsichten und dem Gefühl des ewigen Daseins: Ekstase, Sehen und Einsicht werden eins.

Quelle: Bericht von Floco Tausin


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