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Wie Grünalgen im Dunkeln überleben

Archivmeldung vom 29.10.2013

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 29.10.2013 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Manuel Schmidt
Grünalgen im Licht (links) und in luftdicht verschlossenen Flaschen im Dunkeln (rechts).
Quelle: © RUB, Foto: AG Photobiotechnologie (idw)
Grünalgen im Licht (links) und in luftdicht verschlossenen Flaschen im Dunkeln (rechts). Quelle: © RUB, Foto: AG Photobiotechnologie (idw)

Wenn die Sonne scheint, kurbeln Mikroalgen wie Chlamydomonas reinhardtii ihren Stoffwechsel durch Fotosynthese an. Ist es dunkel, stellen die Einzeller ihren Stoffwechsel auf Zellatmung um, die bei uns Menschen die einzige Möglichkeit ist, effizient lebenswichtige Energie herzustellen. Diese Zellatmung aber benötigt Sauerstoff, der im Erdboden, wo die Alge mitunter lebt, Mangelware ist. Chlamydomonas geht die Luft aus. Gemeinsam mit Kollegen der UC Los Angeles und der Michigan State University berichten RUB-Forscher in der Zeitschrift „The Plant Cell“ in einem Large Scale Biology-Artikel, wie sich das genetische Programm der Grünalge unter dieser Stressreaktion verändert.

In der AG Photobiotechnologie arbeiten Dr. Anja Hemschemeier und Prof. Dr. Thomas Happe schon lange gemeinsam an der Frage, wie sich Grünalgen an den Sauerstoffmangel anpassen und den Zellstoffwechsel umstellen: „Sauerstoffmangel ist für Algen und Pflanzen ein größeres Problem, als viele denken“, erklärt Hemschemeier. „Die meisten unserer Kulturpflanzen, wie etwa Kartoffeln, bekommen Probleme, wenn der Erdboden überflutet wird. Dann bekommen die unterirdischen Organe nicht genug Sauerstoff.“

Algen zapfen alle Ressourcen an

Mittels Nukleinsäuresequenzierung gelang es den Wissenschaftlern, Schnappschüsse der Grünalgen-Gene unter unterschiedlichen Bedingungen zu machen – einmal mit, einmal ohne Sauerstoff. Aus den Unterschieden konnten sie ableiten, wie die Zellen genetisch reagieren. So veränderte sich die Aktivität von fast 1.500 Genen, wenn die Chlamydomonas-Kulturen von sauerstoffreicher Atmosphäre im Licht in sauerstoffarme Bedingungen im Dunkeln gebracht wurden. Die RUB-Forscher schauten sich jedes einzelne der veränderten Gene mithilfe wissenschaftlicher Datenbanken an, um deren Funktion ableiten zu können. Anschließend erstellten sie Gruppen von Genen, die gemeinsam bestimmten Stoffwechselwegen zugeordnet werden konnten. Daraus leiteten sie einen bestimmten Trend ab: „Anhand der funktionellen Gengruppen kann man ganz deutlich ablesen, dass die Algen auf die Energiekrise strikt ökonomisch reagieren“, fasst Hemschemeier zusammen. „Sie fahren energieaufwendige Prozesse wie die Zellteilung herunter und versuchen gleichzeitig, jede interne Energiequelle anzuzapfen. Sie ähneln in gewisser Weise dem Menschen, der bei Hungerphasen auch auf den Abbau von Kohlenhydraten, Fetten und Eiweißen zurückgreift.“

Fettreserven für bessere Zeiten

Während diese Anpassungen der Grünalge zu erwarten waren, gab es auch Überraschungen: Trotz des Mangels an Energie bauten die Zellen Fettreserven auf. Dies ist eine bekannte Stressreaktion von Mikroalgen. Allerdings unterscheiden sich die Fette der sauerstofflimitierten Grünalge deutlich von bisher untersuchten und enthalten viele wertvolle ungesättigte Fettsäuren. Die RUB-Wissenschaftler nehmen an, dass Chlamydomonas diese Fettsäuren sicher verstaut, um sie bei einem Wechsel zu besseren Bedingungen rasch hervorzaubern und so schneller wieder zum normalen Zellstoffwechsel übergehen zu können.

Vielschichtige Regulationsvorgänge

Wie genau die Algen merken, dass kein Sauerstoff da ist, und wie sie dann diese Information umsetzen in veränderte genetische Aktivitäten und schließlich den Stoffwechsel anpassen, verstehen die Wissenschaftler erst ansatzweise. Bislang kennt man nur wenige Kandidaten, die in sauerstofflimitierten Chlamydomonas-Zellen regulativ wirken. Im März dieses Jahres konnte das RUB-Team beispielsweise in der Zeitschrift „PNAS“ veröffentlichen, dass ein Hämoglobin und Stickstoffmonoxid an den genetischen Anpassungsreaktionen beteiligt sind. In ihren neusten Untersuchungen gab es zudem weitere Hinweise auf Regulationsvorgänge durch Stickstoffmonoxid, aber auch eine Signalwirkung des Fotosyntheseapparates sowie Ähnlichkeiten zu Sauerstoffsensoren beim Menschen stellten sich heraus. „Es sieht so aus, dass die Mikroalge verschiedenste Wege nutzt, um den Stoffwechsel an Sauerstoffmangel und Dunkelheit anzupassen“, fasst Thomas Happe zusammen. Einzelne Aspekte dieser Vorgänge wollen die RUB-Forscher nun im Detail untersuchen. Sie erhoffen sich dadurch neue Erkenntnisse über Reaktionen von Lebewesen an Sauerstoffmangel, der in so unterschiedlichen Bereichen wie Landwirtschaft, Energieerzeugung und Medizin eine wichtige Rolle spielt.

Quelle: Ruhr-Universität Bochum (idw)

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