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Virtuelles Offshoring: Coface-Studie zeigt Chancen und Risiken virtueller Arbeitsverlagerung

Archivmeldung vom 03.08.2021

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 03.08.2021 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Sanjo Babić
Bewertung von Schwellenländern und deren Voraussetzungen für virtuelles Offshoring  Bild: Coface Deutschland Fotograf: Coface Deutschland
Bewertung von Schwellenländern und deren Voraussetzungen für virtuelles Offshoring Bild: Coface Deutschland Fotograf: Coface Deutschland

Einer Schätzung des Kreditversicherers Coface zufolge würden deutsche Unternehmen 6% ihrer Arbeitskosten einsparen, wenn sie jede vierte telearbeitsfähige Stelle in Schwellenländer auslagerten. Vor allem das Potenzial der Region Südostasien wird im Rahmen einer Analyse deutlich, aber auch andere Schwellenländer wie Brasilien und Polen stechen hervor.

Bei Angestellten in großen Volkswirtschaften könnte virtuelles Offshoring wirtschaftliche Ängste auslösen und zur Quelle politischer Risiken werden. Bis zu 40% der Arbeitnehmer in der EU haben während des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr regelmäßig im Homeoffice gearbeitet. "Viele Unternehmen wurden von der Produktivität ihrer Belegschaft positiv überrascht und öffneten sich zunehmend der Idee einer teilweise globalisierten, virtuellen Belegschaft.

Dieser Kulturwandel könnte Firmen in Industrieländern nun verleiten, dauerhaft neue und weitaus günstigere Arbeitskräfte in Schwellenländern einzustellen", sagt Coface-Volkswirt Marcos Carias. Berechnungen zufolge würden deutsche Unternehmen 6% ihrer Arbeitskosten einsparen, wenn sie nur ein Viertel der telearbeitsfähigen Arbeitsplätze ins Ausland verlagerten. Noch höher sind die Einsparpotenziale in Frankreich (7%) und im Vereinigten Königreich (9%).

Die Analysten von Coface schätzen, dass die Gesamtzahl der remotefähigen Arbeitsplätze in Volkswirtschaften mit hohem Einkommen etwa 160 Millionen beträgt, während die Zahl der potenziellen Telearbeiter in Volkswirtschaften mit niedrigem und mittlerem Einkommen bei etwa 330 Millionen liegt. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Arbeitsplätze virtuell verlagert werden können. Viele Aufgaben erfordern eine teilweise Präsenz vor Ort, persönlichen Kontakt mit Kunden oder ein gutes Verständnis der lokalen Kultur.

Potenzielle "Hotspots" vor allem in Südostasien

Um unter den Schwellenländern diejenigen mit den besten Voraussetzungen für virtuelles Offshoring zu identifizieren, hat Coface einen Indikator entwickelt, der auf vier Schlüsselkriterien basiert: die Zahl geeigneter Arbeitskräfte für Remote-Arbeit, die Wettbewerbsfähigkeit bei den Arbeitskosten, die zur Verfügung stehende digitale Infrastruktur und das Coface-Geschäftsklima, welches unter anderem die Rechtssicherheit im jeweiligen Land ausdrückt. Südostasien sticht als Region mit hohem Potenzial hervor. Vor allem Indien und Indonesien, aber auch Brasilien haben eine große Anzahl potenzieller Telearbeiter und vergleichsweise niedrige Arbeitskosten. Polen sticht durch sein gutes Geschäftsklima in Verbindung mit einer sehr guten digitalen Infrastruktur hervor. "Auch China und Russland sind theoretisch ideale Ziele für eine Verlagerung. Wachsende geopolitische Spannungen und Cybersicherheitsprobleme mit dem Westen stellen jedoch ein großes Hindernis dar", sagt Marcos Carias.

Die Schattenseiten: Abwärtsdruck und politische Polarisierung

Eine Verlagerung der Arbeit in dieser Größenordnung könnte destabilisierende gesellschaftliche Auswirkungen in den betroffenen Industrieländern haben. Es gibt einen gut dokumentierten Zusammenhang zwischen der Deindustrialisierung und dem Aufstieg von Anti-Establishment-Politikern, der in den westlichen Demokratien im letzten Jahrzehnt beobachtet wurde. Dabei führte das physische Offshoring in der Fertigung zu einer Einkommensstagnation bei weniger qualifizierten Arbeitnehmern, was sie in der Folge für eine Anti-Globalisierungsrhetorik empfänglich machte. Bei der virtuellen Verlagerung von Arbeitsplätzen besteht die Gefahr, dass sich ein ähnliches Muster bei hochqualifizierten Fachkräften durchsetzt. Hinzu kommt, dass es im Westen bereits einen Trend zu sinkenden Erträgen aus der Hochschulbildung gibt, da das Angebot an Hochschulabsolventen schneller steigt als die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften. Demnach könnte eine Verlagerung gen Osten einen zusätzlichen Abwärtsdruck auf hochqualifizierte Einkommen in den entwickelten Volkswirtschaften ausüben, insbesondere in Einstiegspositionen. In der jüngeren Vergangenheit haben gut ausgebildete junge Fachkräfte die Globalisierung im Allgemeinen begrüßt und von ihr profitiert - anhaltend pessimistische Jobaussichten könnten die Waage in die entgegengesetzte Richtung kippen lassen. In der Folge würden die Risiken für eine politische Polarisierung und sozialen Unruhe steigen.

Quelle: Coface Deutschland (ots)

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