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Warum ist Atomstrom so billig?

Archivmeldung vom 14.07.2009

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 14.07.2009 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
Kernkraftwerk Brunsbüttel Bild: ExtremNews / Thorsten Schmitt
Kernkraftwerk Brunsbüttel Bild: ExtremNews / Thorsten Schmitt

Atomstrom ist günstig, so lautet das Credo der Atomkraftbefürworter. In den abgeschriebenen Meilern könne Strom konkurrenzlos billig produziert werden. Stimmt das?

Stromtipp.de hat sich die Kosten des Atomstroms genauer angeschaut. In Deutschland gibt es derzeit 17 Atommeiler, die von Wartungsarbeiten oder Störungen abgesehen, seit Jahrzehnten Strom produzieren (Im Bild: das AKW Krümmel). Und dieser Strom, so die Betreiber der Atomkraftwerke, sei sehr günstig. Würden die Kernkraftwerke wegfallen, stiege der Strompreis. Doch die Realität sieht anders aus: In den vergangenen Jahren ist der Strompreis um 50% gestiegen, trotz laufender AKW. Befürworter der Atomkraft argumentieren wiederum, dass ohne die AKW der Preis noch höher sei.

Tatsächlich ist der Atomstrom in der Produktion für die AKW-Betreiber günstig. Wie günstig genau, ist nicht zu erfahren, hier halten sich die Energiekonzerne sehr bedeckt. Nach unwidersprochenen Schätzungen liegen die Produktionskosten jedoch bei etwa 3 bis 4 Cent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: Windstrom kostet fast das Dreifache, nämlich gesetzlich vorgeschriebene 9,2 Cent pro Kilowattstunde. Solarstrom kostet bei älteren Anlagen sogar bis zu 40 Cent pro Kilowattstunde. Der Kunde zahlt am Ende per Stromrechnung knapp 20 Cent für die gleiche Menge. Tatsächlich scheint die Atomkraft also sehr günstig zu sein.

Stimmt das?

Wie wird der Strompreis gebildet?

Strom wird heutzutage wie so viele Güter an der Börse gehandelt, in diesem Fall an der Leipziger Strombörse EEX. Den Preis an der Börse bestimmt wie überall das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Und siehe da: Der Atomstrom ist nicht günstiger als alternativer Strom. Woher das kommt, ist ganz einfach zu erklären: Niemand kann Atomstrom kaufen. An der EEX wird Strom nicht nach Herkunft oder Produktionsart, sondern nach Kilowattstunde gehandelt. Und hier kann Atomstrom gar nicht günstiger sein.

Atomstrom deckt nicht den ganzen Stromverbrauch in Deutschland, tatsächlich sind es rund 25%. Den restlichen Strom produzieren andere Kraftwerke. Die Energieversorger lassen also ihre Kraftwerke natürlich auch nach Kosten laufen: Zuerst sieht man zu, dass die AKW laufen. Dann die teureren Kohlekraftwerke, und wenn das den Stromverbrauch immer noch nicht deckt, laufen die Gaskraftwerke an. Das wiederum führt dazu, dass den Strompreis an der Börse das letzte und damit teuerste Kraftwerk bestimmt, welches am Netz ist. Denn tatsächlich würde jede zusätzlich verkaufte Kilowattstunde vom teuersten Kraftwerk produziert, da alle anderen bereits auf Vollgas laufen.

Atomstrom könnte in der Produktion dreimal so teuer sein, die Stromrechnung der Kunden würde nicht um einen Cent steigen.

Aber Atomstrom ist doch günstiger, wo bleibt dann das Geld?

Kernkraft ist in der Produktion für die Energiekonzerne die günstigste Form, Strom zu produzieren. Wie eben beschrieben, bestimmt jedoch das jeweils teuerste Kraftwerk den Preis an der Börse (im Bild: handelsraum der EEX). Die Differenz zwischen dem günstigen Atomstrom und dem Marktpreis bleibt bei den Energiekonzernen, deren Gewinne in den letzten Jahren geradezu explodiert sind. Ein Beispiel: Sollte der Atomstrom in der Produktion nur 3 Cent kosten und der Marktpreis bei 9 Cent liegen, beträgt die Gewinnspanne 200%.

Auch hier gibt es keine genauen Zahlen, aber ebenfalls unwidersprochen ist der Gewinn, den ein durchschnittliches Atomkraftwerk seinem Besitzer bringt: 1 Million Euro. Pro Tag. Vattenfalls Atommeiler Krümmel, der am 4. Juli 2009 mit einer erneuten Schnellabschaltung für umfassende Stromausfälle in Hamburg sorgte, verursachte also in seiner zweijährigen Ruhezeit Mindergewinne von über 700 Millionen Euro. Mit den kolportierten 300 Millionen Euro, die die zweijährige technische Überarbeitung von Krümmel zuvor gekostet hat, musste Vattenfall also auf eine Milliarde Euro verzichten. Klingt viel, trotzdem gibt es bei dem Tagesgewinn laut der Süddeutschen Zeitung nur einen Begriff für abgeschriebene Atommeiler: "Gelddruckmaschinen".

Konzerne sind nicht dazu da, um karitative Aufgaben zu erfüllen. Dass die Energieversorger die Gewinne einstreichen, ist also nicht verwerflich. Woher aber kommen die wütenden Proteste der Umweltorganisationen?

Neben den Umweltschäden und Gefahren stören sich Organisationen wie Greenpeace vor allem daran, dass die wahren Kosten des Atomstroms nicht bekannt sind. Wir haben uns das genauer angeschaut.

Gelddruckmaschinen sind nur die alten Meiler

Auch wenn es keine Preislisten für Atomkraftwerke gibt, ist doch eines klar: Ein AKW im Bau kostet Milliarden. Das im Bau befindliche finnische Kernkraftwerk Olkiluoto wird beispielsweise auf rund 4,5 Milliarden Euro geschätzt. Und diese Kosten fallen an, bis auch nur die erste Kilowattstunde verkauft wird. Deshalb werden die Meiler in Deutschland oft über 19 Jahre abgeschrieben. In Deutschland haben die meisten Kernkraftwerke diese Zeit bereits abgedient. Erst danach - von den Kosten ihrer Finanzierung und des Baus befreit - beginnt es in der Kasse so richtig zu klingeln.

Stand heute wird es diese Zeiten auch nicht mehr geben. Denn im Gegensatz zu den ersten Meilern in der Bundesrepublik - die meisten AKW in Deutschland wurden vor rund 30 Jahren gebaut - wäre ein AKW heute nicht mehr in jedem Fall rentabel. Das liegt erstmal an den gestiegenen Preisen für Atommeiler. Kraftwerksbauer konnten sich in der Gaskrise und bei den gestiegenen Rohstoffpreisen noch vor ein paar Jahren über volle Auftragsbücher freuen.

Doch diese Zeiten sind vorbei: Das gerade in Frankreich entstehende Atomkraftwerk ist das erste seiner Art seit über zehn Jahren in Kontinentaleuropa. Und auch die neuen Kraftwerke machen ihre Betreiber nicht wirklich glücklich: Mittlerweile rechnen die Konzerne in neuen Kernkraftwerken mit Produktionskosten von rund 10 Cent pro Kilowattstunde. Zur Erinnerung: Windstrom kostet 9,2 Cent pro Kilowattstunde. So müssen denn die hoffnungsfroh gestarteten Finnen, deren neu entstehendes Kernkraftwerk von der Bevölkerung zuerst positiv aufgenommen wurde, einen Katzenjammer vertragen: Es wird für das neue KKW einen Zuschlag auf den Strompreis geben. In Olkiluoto wurden schon 1,2 Milliarden Euro mehr verbrannt als ursprünglich veranschlagt - und es ist immer noch nicht fertig.
Ob sich ein heute in Deutschland ein zu unseren Sicherheitsstandards neu gebautes Atomkraftwerk jemals rechnen würde, ist mehr als fraglich. Denn die alten deutschen Meiler wurden zwar sicherheitstechnisch aufgerüstet, aber bislang mehr als 5.000 Störfälle in allen AKW zusammen sprechen eine deutliche Sprache: Alte Technik und neue Sicherheitsanforderungen passen einfach nicht zusammen. So wäre es nach der Wende natürlich möglich gewesen, die AKW russischer Bauart in Greifswald / Lubmin nachzurüsten - aber sicher gelaufen wären diese Reaktoren nie. So ließen selbst die erklärten Kernkraftfans in den Energiekonzernen die Ostreaktoren nicht weiterlaufen - was bei möglichen Gewinnen von einer Million pro Tag sicher eine deutliche Sprache spricht. Der "Rückbau" (Abriss) des AKW kostet übrigens weitere 3,2 Milliarden Euro.

Die tatsächlichen Kosten des Atomstroms

Atomkraftwerke wurden also verglichen mit heutigen Preisen damals günstig eingekauft, sind abgeschrieben und teils veraltet. Doch das war es noch lange nicht, warum Atomstrom erstmal günstig erscheint. Atommeiler sind so ziemlich die teuerste Art Strom zu produzieren, die es gibt. Das merkt man jedoch kaum am Preis für Atomstrom.

Jeder Hausbesitzer oder Mieter weiß: Müllgebühren muss ich selbst zahlen, ebenso Versicherung oder weitere Kosten des Gebäudes. Bei Atomkraftwerken ist das anders.

Was AKW-Betreiber alles nicht bezahlen

Jedes Kraftwerk in Deutschland produziert Müll. Außerdem müssen deren Betreiber natürlich dafür Vorsorge tragen, falls ein Unfall passiert. Jeder Windrad-Käufer weiß zudem, dass er nicht nur die Produktionskosten seines Windrades, sondern auch die Entwicklungskosten der Technik mitbezahlt. Hat das Windrad dann in 20 Jahren seinen Job getan und wird durch eine modernere Anlage ersetzt, muss er auch die Verschrottung bezahlen.

Das alles entfällt, falls man kein Windrad, sondern ein Atomkraftwerk betreibt.

Auch diese Zahlen werden nicht herausgegeben, aber sicher ist: Die Atomkraft hat für Entwicklung und weitere Kosten bislang etwa 40 bis 60 Milliarden Euro gekostet. Dies wurde aber nicht von den Betreibern, sondern vom Steuerbürger bezahlt. Zudem sind dies Kosten, die zu einem erheblichen Teil zu Preisen von vor 30 Jahren aufgelaufen sind. Legt man heutige Kosten zugrunde, vervielfacht sich der Betrag. Die Sanierung des Atommüllagers Asse II beispielsweise wird nach ersten Schätzungen 4 bis 6 Milliarden Euro verschlingen. Und getragen wird das wieder nicht vom Verursacher des Mülls, den Kraftwerksbetreibern, sondern vom Steuerzahler.

Überhaupt, der Müll. Was das kostet, darüber gibt es keine serösen Schätzungen. Ein Endlager - von dem es in der ganzen Welt keines gibt, nicht mal in totalitären Staaten - müsste nach deutschem Recht eine Million Jahre sicher sein. Schon die heutigen Zwischenlager-Kosten zahlt der Deutsche über seine Steuerlast. Falls wir also noch 20 Jahre auf Atomkraft setzen, wird der Müll zu dann geltenden Preisen bewacht. Unmöglich, hier einen Preis anzugeben. Geschweige denn, einen für 50, 100, 10.0000 oder eben die 1.000.000 Jahre. Sicher ist nur: Die Kraftwerksbetreiber verweisen auf ihre Verträge, nach denen der Steuerzahler hierfür aufkommen muss.

Was kaum einer weiß: AKW sind praktisch nicht versichert

Jedes Auto, jedes Windrad, jedes Haus und natürlich auch jedes Kraftwerk in Deutschland ist versichert - aber die AKW nicht. Das Schlimme daran: Man kann es sogar verstehen.

Die Krux mit der Versicherung

Was kostet eine Stadt? Beispiel Hamburg: 1,7 Millionen Bewohner, 755 Quadratmeter Fläche, 2.500 Brücken und so weiter. Wie hoch will man die Hansestadt bewerten? Das menschliche Leid mal außen vor gelassen: Was hätte es gekostet, wenn es im Atomkraftwerk Krümmel nahe der Stadt Hamburg am 4. Juli tatsächlich zu einem GAU gekommen wäre?

Richtig: Es ist nicht möglich, das anzugeben. Selbst die Bundesregierung kann es nicht beantworten, versuchte es in den 90er Jahren trotzdem und kam zu dem Schluss: Ein Atomunfall in einem Reaktor wie Biblis würde zu volkswirtschaftlichen Schäden in Höhe von mehr als 5.000 Milliarden Euro führen. Tatsächlich sind AKW versichert - aber nur für Schäden bis 2,5 Milliarden Euro. Das entspricht 0,05 Prozent der Kosten eines Unfalls.

Die einfache Wahrheit ist: Nicht nur die Energiekonzerne können rechnen, sondern auch die Versicherungen. Es gibt einfach weltweit niemanden, der dieses Risiko versichern würde.

Falls man doch jemanden finden würde, wären die Versicherungsprämien natürlich gigantisch.

Fazit:

Atomstrom ist nicht billig, ganz im Gegenteil. Ein Experte schätzte gegenüber dem ZDF-Magazin Fakt den Preis pro Kilowattstunde Atomstrom bei Anrechnung aller Kosten grob auf zwei Euro. Das ist mehr als das 20fache von Strom aus Windkraft.

Da bleibt nur ein Fazit: Atomstrom ist nicht billig, er ist sogar eine der teuersten Möglichkeiten, Strom zu produzieren. Nur: Die Kosten kommen nicht über die Stromrechnung, sondern über die Steuerlast. Wenn's schlecht läuft, noch für eine Million Jahre. 

Quelle: PortalHaus GmbH

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