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Psychotherapeut: Jugendkult der Alten am Ende

Archivmeldung vom 24.04.2020

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 24.04.2020 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
Bild: Fotodienst / Roth
Bild: Fotodienst / Roth

"Die Corona-Pandemie stellt die Verwundbarkeit des Menschen und unserer Gesellschaft auf brutale Weise bloß und verschärft die bestehenden sozialen Gegensätze radikal", meint der Psychotherapeut und Autor Wolfgang Martin Roth, der bei den Europäischen Toleranzgesprächen am 28. Mai - diesmal online - an der Diskussionsrunde "Auszug aus der Gemeinschaft: Strategien gegen den Egoismus" teilnehmen wird. Vorab hat er im pressetext-Gespräch die Folgen des durch das Virus bedingten Auszugs aus der Gemeinschaft in Form von Social Distancing beleuchtet.

Jeder Mensch potenzieller Infektionsträger

"Social Distancing beeinträchtigt, vor allem in der Gruppe besonders vom Virus gefährdeter Menschen, die gewohnten Strukturen des persönlichen Kontakts und der Begegnung durch Vorsicht, Angst und Misstrauen", sagt Roth. Wenn andere Menschen vorrangig potenzielle Infektionsüberträger sind, ist die Unbefangenheit und Unbeschwerlichkeit menschlicher Begegnungen infrage gestellt, neue Kontakte zu schließen kaum möglich und bestehende zu pflegen ebenfalls eingeschränkt. "Da wird sich nun zeigen, welche Menschen für uns - und für wen wir - wirklich wichtig sind."

Da COVID-19 bevorzugt ältere Menschen hart trifft, markiert das Virus diese in ganz neuer Weise als Gruppe und bringt das biologische Lebensalter als Überlebenskriterium ins Bewusstsein. "Die Pandemie stellt die 'Jugendkultur' der Alten, die sich noch jung und fit fühlen, radikal infrage, indem sie uns auf den Biologismus des Menschen zurückwirft", meint Roth. Generell sind Risikogruppen auch gesellschaftlich stark betroffen. "Sie werden zwar verstärkt geschützt, aber dadurch auch distanziert und entwertet, weil sie aus dem sozialen Begegnungsraum ausgeschlossen werden."

Gesellschaftliches Trauma

Zudem zielt der pandemische Angriff ins Zentrum der gesellschaftlichen Produktion von Unbewusstheit. Die Gesellschaft verdrängt die prinzipielle Ungesichertheit und Verwundbarkeit der menschlichen Existenz, die "Unzuverlässigkeit alles Weltseins" (Jaspers). Das Virus legt sie nun schamlos bloß. Die gesellschaftlichen Mechanismen der Verdrängung und Verleugnung von Angst und Tod greifen vorläufig nicht mehr. Von den drei traditionellen Bewältigungsmechanismen, Religion, Magie und Wissenschaft verbreitet allein die medizinische Wissenschaft mit der Aussicht auf einen Impfstoff Hoffnung. "Die Magie wird in diesen Tagen ersetzt durch Verschwörungstheorien, die da meinen, für die Pandemie nun Ursachen und Schuldige gefunden zu haben."

Als generationenübergreifendes Trauma dürfte die Pandemie auch langfristig nachwirken. "Die enttäuschende Erfahrung der Entsolidarisierung Europas und das Aufflackern des medizinischen Nationalismus, in Verbindung mit dem Anwachsen von Xenophobie und Rassismus, könnte den europäischen Gedanken auf die blanke gemeinsame Wirtschaftszone reduzieren", warnt Roth. Unter anderem würden die Italiener den Deutschen die fehlende Hilfsbereitschaft in der Zeit, als das Virus in Deutschland noch kaum verbreitet war, nicht vergessen.

Humanistischer Hoffnungsschimmer

Trotz allem dürften die gesellschaftlichen Folgen der Pandemie nicht ausschließlich negativ sein. "Es wird künftig, nach dieser erzwungenen Erfahrung der Verlagerung der Arbeit ins Zuhause, viel mehr Jobs im Home Office geben und damit eine stark verbesserte Chance für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie", meint Roth. Allerdings stehen dem erst einmal hohe Arbeitslosigkeit und vernichtete Existenzen gegenüber.

Dennoch könnte langfristig ein positiver Wandel eintreten. "Die Entscheidung in Ländern wie Österreich und Deutschland, für eine humanistische Lösung verheerende wirtschaftliche Folgen in Kauf zu nehmen, ist eine Entscheidung gegen die Macht des Kapitalismus und der Wirtschaft und ein erster Durchbruch im Kampf gegen die fortschreitende Ökonomisierung der Gesellschaft und die ökonomische Globalisierung", erklärt Roth. Das sei ein starkes Zeichen des humanistischen Widerspruchs gegen die zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft.

Hintergrund: Wolfgang Martin Roth ist auf Gruppenanalyse spezialisierter Psychotherapeut mit freier Praxis in Wien sowie als Hörspiel- und Prosaautor tätig. Er engagiert sich beim internationalen Schriftstellerverband PEN und ist seit 2015 Beauftragter für Writers in Prison beim Österreichischen PEN. Als solcher setzt er sich für inhaftierte und bedrohte Schriftsteller ein. Mit Übersetzungen und Veröffentlichungen ihrer Texte verleiht PEN solchen Schriftstellern länderübergreifend Stimme, um dadurch internationalen Meinungsdruck auf die inhaftierenden Regime aufzubauen.

In der laufenden Interview-Serie zu den #ETG20 erschienen bei pressetext:

Gute Firmenführung keine "Kommandowirtschaft" http://pte.com/news/20200416003

Kufeld: Coronavirus zeigt Bedeutung des Reisens http://pte.com/news/20200401002

Therapeutin Hadinger: Innehalten in Krise ist Chance http://pte.com/news/20200324001

Ex-Manager: Raubtierkapitalismus hat ausgedient http://pte.com/news/20200303024

Toleranzgespräche: Klimakrise als Chance nützen http://pte.com/news/20200214015

Weizsäcker eröffnet Toleranzgespräche 2020 http://pte.com/news/20200131002

Quelle: www.pressetext.com/Thomas Pichler

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