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Krankenhausstudie: 2020 weniger Intensivpatienten mit Atemwegserkrankungen als 2019

Archivmeldung vom 01.12.2020

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 01.12.2020 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Anja Schmitt
Krankenhaus (Symbolbild)
Krankenhaus (Symbolbild)

Bild: Günter Havlena / pixelio.de

Der Lockdown soll eine Überlastung unseres Gesundheitssystems verhindern. Die größte bisherige Auswertung von Krankenhausdaten aus Deutschland kommt nun zumindest für das erste Halbjahr 2020 zu dem Ergebnis, dass „zu keinem Zeitpunkt ein Kapazitätsengpass messbar“ war. Es gab sogar weniger Intensivpatienten mit schweren Atemwegserkrankungen, wie das online Magazin "Sputnik" schreibt.

Weiter heißt es diesbezüglich in einem Bericht von Armin Siebert auf deren deutschen Webseite: "Dem Verein „Initiative Qualitätsmedizin“ (IQM) gehören rund 500 Krankenhäuser aus Deutschland und der Schweiz an. IQM hat nun in der bisher größten Auswertung dieser Art die Daten von rund einem Drittel aller deutschen Krankenhausfälle sowie die Daten aus 18 Unikliniken für das erste Halbjahr 2020 untersucht. Die Ergebnisse sind erstaunlich. So gab es insgesamt 2020 bisher weniger Intensivpatienten mit schweren Atemwegserkrankungen als 2019. Außerdem hätte rund ein Drittel der Coronapatienten gar nicht intensiv behandelt werden müssen und hat so unnötig die Kapazitäten belastet.

Bei IQM werden die Routinedaten aller Mitgliedskrankenhäuser halbjährlich analysiert. Im Rahmen dieser Auswertung haben 421 IQM-Krankenhäuser ihre Daten des ersten Halbjahres 2020 für eine umfassende Analyse der Effekte der Pandemie auf die stationäre Versorgung freigegeben.

Im ersten Halbjahr 2020 wurden in den beteiligten Kliniken rund 2,8 Millionen Fälle behandelt, was circa 35 Prozent aller deutschen Krankenhausfälle repräsentiert.

Dreimal so viele Coronapatienten behandelt wie nachgewiesen

In dieser Zeit wurden 14.783 Fälle mit einer nachgewiesenen Corona-Infektion, das entspricht circa 38 Prozent der stationären COVID-Fälle in Deutschland, in den von IQM erfassten Krankenhäusern behandelt.

In der Analyse von IQM heißt es dazu allerdings: „Erstaunlicherweise fanden wir mit 46.919 eine viel höhere Zahl von stationären Patienten, die mit der Verdachtsdiagnose einer COVID-Erkrankung, allerdings ohne Nachweis der Infektion im Labor, behandelt wurden.“

2019 weniger Fälle mit schweren Atemwegsinfektionen

Um diese Daten einordnen zu können, verglich IQM mit der Anzahl der intensiv behandelten Patienten mit schweren Atemwegsinfektionen (Severe Acute Respiratory Infections, SARI) im Jahre 2019.

IQM schreibt hierzu: „Überraschenderweise war die SARI-Fallzahl im ersten Halbjahr 2019 mit 221.841 Fällen höher als 2020 mit insgesamt 187.174 Fällen, obwohl darin auch die COVID bedingten SARI-Fälle mit eingeschlossen wurden…Es ist auffällig, dass bei mehr als 35.000 Patienten ein COVID-Verdacht kodiert wurde, ohne dass ein SARI vorlag.“

Das heißt, dass ein Großteil der Patienten mit Verdacht auf Covid-19 unnötig in die speziellen Corona-Isolationsbereiche der Krankenhäuser verlegt wurde. Möglicherweise wollte bei so einem neuartigen Virus in der Anfangsphase der Pandemie kein Arzt die Verantwortung übernehmen, einen eventuell falsch-negativ getesteten Patienten unzureichend oder nicht zu behandeln.

IQM bemerkt dazu: „Die Beobachtung, dass circa dreimal mehr Fälle mit COVID-Verdacht als mit einer nachgewiesenen Infektion kodiert waren, ist absolut erstaunlich.“

Im Übereifer krankgeschrieben?

Noch erstaunlicher ist die Erklärung, die IQM hierfür vermutet und die Schlussfolgerung, die sie daraus zieht: „Die wahrscheinlichste Erklärung ist unseres Erachtens nach, dass in Anbetracht der medialen Präsenz des Themas und der damit einhergehenden Aufmerksamkeit Fälle mit passender Symptomatik selbst dann als COVID-Verdacht behandelt wurden, wenn die PCR negativ blieb… Das zog möglicherweise einen nicht begründet hohen Aufwand für Schutzmaßnahmen in den Krankenhäusern nach sich, sofern diese Patienten mit denselben oder ähnlichen Maßnahmen behandelt wurden wie nachgewiesene COVID-Fälle.“

Keine höhere Auslastung der Intensivbetten

Eine andere Statistik, die die Mediziner für das erste Halbjahr 2020 erstellt haben, ist die Belegung der Intensivbetten. Auch hier konnte sie keine Steigerung zu 2019 feststellen: „Interessanterweise beobachteten wir für den Verlauf der Intensivaufenthalte und auch für die Anzahl der maschinell beatmeten Patienten keine Zunahme im Vergleich zu 2019. Im Gegenteil, die Anzahl von Intensivfällen war im Lockdown deutlich geringer und die Beatmungsfälle blieben weitgehend unverändert.“, heißt es in der IQM-Studie.

Viele Operation wegen Corona verschoben

Dies ist möglicherweise damit zu erklären, dass während der Phase des Lockdowns Krankenhausbehandlungen in der Summe um circa 40% reduziert wurden, was im Wesentlichen darauf zurückzuführen ist, dass zu der Zeit weitreichende Regularien das elektive Behandlungsangebot für Patienten bundesweit einschränkten. Auch nach Beendigung des Lockdowns bewegten sich die Fallzahlen nur langsam wieder aufwärts, sodass am Ende des ersten Halbjahres 2020 circa 15 Prozent weniger Fälle im Krankenhaus behandelt wurden als zur selben Zeit im vergangenen Jahr. Viele Behandlungen und Operationen wurden wegen der Corona-Maßnahmen nach hinten verschoben, um ausreichende Kapazitäten, Personal und Ressourcen sowie die anfangs knappen Schutzmaterialien für die Pandemie zur Verfügung zu halten. Beispielsweise nahmen Operationen für Hüft- und Knieendoprothesen während des Lockdowns um mehr als 60 Prozent ab und blieben auch in den Wochen danach deutlich niedriger.

Allerdings wurden durch die Priorisierung der Corona-Maßnahmen nicht nur „verschiebbare“ Operationen vertagt. Auch die Notfallversorgung wurde vermindert genutzt. So waren beispielsweise sowohl für den akuten Herzinfarkt als auch für die Herzinsuffizienz die Fallzahlen um 24 Prozent beziehungsweise 35 Prozent während des Lockdowns niedriger.

Neue Richtlinien zur Bewertung der Coronalage?

Die Mediziner von IQM empfehlen aufgrund ihrer Auswertung, zur Bewertung der Coronalage nicht nur die Zahl der Neuninfizierten zu betrachten: „Wir schlagen dringend eine zeitnahe, auf den Abrechnungsdaten basierende Überwachung der Krankenhausfälle inklusive der Intensiv-und Beatmungsfälle vor, die gemeinsam mit den Zahlen zu den Infektionsraten eine umfassende Grundlage zur Steuerung der Pandemie geben.“,

heißt es in den Schlussfolgerungen der Studie. Um eine unnötige Belastung der Krankenhäuser und Fehldiagnosen wie im Frühjahr, als drei Mal mehr COVID-Verdachtsfälle als nachgewiesene COVID-Fälle aufgenommen wurden, zu vermeiden, fordert IQM: „Für die Schonung der Kapazitäten und notwendigen Schutzmaßnahmen muss ein Standard gelten, wie mit Patienten mit negativer PCR, aber typischen Symptomen umzugehen ist.“

„Zu keinem Zeitpunkt Kapazitätsengpass messbar“

Insgesamt sind im ersten Halbjahr 2020 deutlich weniger Patienten im Krankenhaus behandelt worden als 2019. Auch die Gesamtzahl der SARI-Fälle, Intensivfälle und Beatmungsfälle war zu jedem Zeitpunkt geringer als 2019. Daraus schlussfolgert IQM: „Zu keinem Zeitpunkt war in den beteiligten Krankenhäusern ein Kapazitätsengpass messbar. Die Folgen der verminderten Krankenhausbehandlungen müssen genau und zeitnah analysiert werden, um auch anhand dieser Daten zu bilanzieren, welche Maßnahmen angemessen sind.“

Kaum beachtete Studie in Medien und Politik

In den Medien und in der Politik ist die Analyse von IQM bisher kaum aufgegriffen worden. Dabei handelt es sich um den größten vorhandenen Datenstamm zu diesem Thema.

Einzig Linken-Politiker Oskar Lafontaine scheint die Studie gelesen zu haben und fordert, dass der Saarländische Landtag diese in seine Überlegungen einfließen lässt, wenn er über eine mögliche Verlängerung des Lockdowns berät und entscheidet.

Die Saarbrücker Zeitung zitiert Lafontaine mit den Worten: „Das einseitige Starren auf die Infektionszahlen wird zu Recht von vielen Wissenschaftlern kritisiert, die stattdessen fordern, vorrangig die Zahl der belegten Intensivbetten und Beatmungsplätze zu beachten.“

Auch Francesco de Meo, Vorstandsmitglied und zukünftiger Chef des Krankenhauskonzerns Fresenius/Helios schreibt in seinem Blog: „Fakt bleibt nach der Studie allerdings, dass Covid-19 in Deutschland weder zu mehr klinisch SARI-Erkrankten noch zu mehr Intensivaufnahmen oder Beatmungen geführt hat. Das deutsche Gesundheitssystem war insgesamt nicht mehr beansprucht als im vergangenen Jahren mit einer ‚normalen‘ Grippewelle.“

Vom ersten Lockdown lernen?

Diese Analyse von IQM bezieht sich auf den ersten Lockdown. Die derzeitigen Fallzahlen, sowohl bei den Neuinfektionen, als auch bei der Belegung der Intensivbetten, deuten darauf hin, dass die zweite Corona-Welle Deutschland möglicherweise heftiger trifft als der erste Höhepunkt der Pandemie im Frühjahr. Trotzdem scheint das deutsche Gesundheitssystem gut vorbereitet zu sein und, abgesehen von einigen kleineren Krankenhäusern, bisher nicht an seine Grenze bei der Aufnahmefähigkeit von Intensivpatienten zu gelangen.

Die Mediziner geben auch hier explizite Empfehlungen ab, um unnötige Belegung von Corona-Abteilungen in Krankenhäusern zu vermeiden: „Gerade wenn die Fallzahlen wieder steigen, wäre hier eine national oder international standardisierte Strategie zur Bewertung der Tests von höchster Priorität, um möglicherweise unnötige Engpässe in der Versorgung oder auch bei Schutzmaterialien zu vermeiden. Es ist davon auszugehen, dass bei negativer PCR keine Ansteckungsgefahr besteht, sodass die negativ getesteten Krankenhauspatienten mit deutlich weniger Aufwand zu behandeln wären.“ "

Quelle: Sputnik (Deutschland)


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