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1.200 Euro monatlich drei Jahre lang: Pilotprojekt zum Bedingungslosen Grundeinkommen beginnt mit der Auszahlung

Archivmeldung vom 01.06.2021

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 01.06.2021 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Sanjo Babić
v.l.n.r. Janine Busch, Miriam Witz, Michael Bohmeyer, Prof. Susann Fiedler, Prof. Jürgen Schupp, Maheba Goedeke Tort Bild: Mein Grundeinkommen e.V. Fotograf: Marcel Maffei
v.l.n.r. Janine Busch, Miriam Witz, Michael Bohmeyer, Prof. Susann Fiedler, Prof. Jürgen Schupp, Maheba Goedeke Tort Bild: Mein Grundeinkommen e.V. Fotograf: Marcel Maffei

Heute ist es soweit: Für die erste Langzeitstudie des Pilotprojekts Grundeinkommen bekommen 122 Menschen in Deutschland monatlich 1.200 Euro ausgezahlt - für insgesamt drei Jahre. Sie wurden aus über zwei Millionen Menschen ausgewählt, die sich im vergangenen Jahr dafür beworben hatten.

Unter dem Motto "Wir wollen es wissen" wird die Studie gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) durchgeführt. "Wir wollen in den kommenden drei Jahren empirisch erforschen, ob und wie die bedingungslose, regelmäßige Auszahlung eines Geldbetrags, der mehr als das Existenzminimum deckt, bei Menschen überhaupt wirkt", berichtete Prof. Dr. Jürgen Schupp vom DIW Berlin, der das Projekt wissenschaftlich verantwortet.

Die 1.200 Euro werden den 122 Teilnehmenden jeweils monatlich und über einen Studienzeitraum von drei Jahren ausgezahlt. Finanziert wird das Projekt durch Spenden von rund 181.000 Privatpersonen. Die Finanzierung durch private Spenden sichert die politische Unabhängigkeit der Studie.

Wissen statt Glauben

Die gemeinsame Studie des DIW Berlin und des Vereins Mein Grundeinkommen soll erstmals Grundlagenforschung zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) liefern. "Die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen ist von ideologischen Glaubenssätzen geprägt. Wir wollen wissen, was am BGE wirklich dran ist. Entwickeln wir mehr Gemeinsinn? Führt es zu weniger Burnout, ermöglicht es bessere Arbeit und mehr Weiterbildung? Treffen wir mutigere Entscheidungen? Haben die Menschen mehr Raum und Kraft, sich für eine lebenswerte Zukunft für alle einzusetzen?", erklärte Michael Bohmeyer, Initiator der Pilotprojekts Grundeinkommen.

Da menschliche Entscheidungsprozesse hochkomplex sind und der Fokus auch auf Veränderungen von Entscheidungen und kognitiven Fähigkeiten der Teilnehmenden liegt, wird die Studie außerdem von WissenschaftlerInnen des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, der Universität zu Köln und der Technischen Hochschule Köln durch psychologische, verhaltensökonomische und qualitative Forschung unterstützt.

Die Auswahl der Teilnehmenden

Um statistisch aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen, untersucht die Studie eine eingegrenzte, relativ homogene Gruppe, für die wissenschaftlich belastbare Aussagen getroffen werden können. Dank der zahlreichen Bewerbungen für das Pilotprojekt konnte aus einer großen und umfassenden Datengrundlage von 2.101.022 erwachsenen Personen ausgewählt werden. Die Parameter für die Auswahl der Studienteilnehmenden bezogen sich auf Haushaltsgröße, Alter und Einkommen.

Die Studienergebnisse werden verallgemeinerungsfähig für die Gruppe der 21- bis 40-Jährigen mit mittleren Einkommen in Ein-Personen-Haushalten in Deutschland sein. Nach drei Jahren wird untersucht und diskutiert, inwiefern sich diese Erkenntnisse auch vollständig oder teilweise auf andere Bevölkerungsteile übertragen lassen. "In dieser Altersgruppe werden wesentliche Lebensentscheidungen getroffen. Uns interessiert, ob und wie sich ein bedingungsloses Grundeinkommen auf diese Lebensentscheidungen auswirkt", erläuterte Michael Bohmeyer.

"Da das von uns getestete Grundeinkommen individuell ausgezahlt wird, derzeitige Transfereinkommen aber pro Haushalt (Bedarfsgemeinschaft) berechnet werden, lassen sich Haushalte mit unterschiedlicher Personenanzahl nur eingeschränkt miteinander vergleichen. Um dieses grundsätzliche Problem der Trennung von individuellen und haushaltsbezogenen Wirkungen zu vermeiden, beschränkt sich unsere Studie auf Ein-Personen-Haushalte", begründete Jürgen Schupp die Auswahl.

"Das Grundeinkommen für Einkommensschwache wurde bereits weltweit vielfach wissenschaftlich untersucht", sagte Michael Bohmeyer. "Da das Grundeinkommen aber keine Nothilfe, sondern eine universelle Investition in die Entwicklung der gesamten Gesellschaft, erforschen wir nun die Wirkung des Grundeinkommens in der Mittelschicht."

"Unsere sozialen - überwiegend beitragsfinanzierten - Sicherungssysteme haben sich vielfach bewährt - nicht zuletzt in der durch die Corona-Pandemie ausgelösten Krise. Deutlich wurde aber auch, bei welchen sozialen Gruppen sie an ihre Grenzen gestoßen sind. Und dieses Problem wird sich allein schon durch den demografischen Wandel verschärfen", ist Jürgen Schupp überzeugt. "Ein Bürgerrecht auf ein bedingungsloses Mindesteinkommen hätte das Potenzial, einige Schwächen unseres derzeitigen Systems sozialer Sicherung zu überwinden."

Hintergrund und Ausblick

Der Verein Mein Grundeinkommen sammelt seit der Gründung im Jahr 2014 per Crowdfunding Geld, um in einer monatlichen Verlosung bisher über 800 Personen Ein-Jahres-Grundeinkommen bedingungslos auszuzahlen. Wie auch zahlreiche Studien weltweit belegten, kam es nicht zu einer Abnahme der Arbeitsmotivation. Stattdessen wurden GewinnerInnen gesünder, sozialer, lebten weniger gestresst und fanden Jobs, die häufig besser bezahlt waren und besser zu ihren Fähigkeiten passten. Diese Erfahrungen werden jetzt von den WissenschaftlerInnen auf den Prüfstand gestellt. Die ForscherInnen werden für ihre Arbeit am Pilotprojekt nicht vom Verein Mein Grundeinkommen bezahlt.

Falls die erste Studie zeigt, dass das Grundeinkommen deutliche Effekte hat, sollen deshalb im Rahmen des Pilotprojekts zwei weitere Studien zum BGE durchgeführt werden, die unter anderem erste Ansätze erforschen würden, wie ein Grundeinkommen für alle Menschen in Deutschland realistisch finanziert werden könnte.

Quelle: Mein Grundeinkommen e.V. (ots)

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