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Mutige Grillen leben kürzer

Archivmeldung vom 25.04.2015

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 25.04.2015 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Manuel Schmidt
Grille vor ihrem Bau. Der Farbtupfer auf ihrem Rücken dient den Forschern zur Identifizierung.
Quelle: Petri T. Niemelä (idw)
Grille vor ihrem Bau. Der Farbtupfer auf ihrem Rücken dient den Forschern zur Identifizierung. Quelle: Petri T. Niemelä (idw)

Das Verhalten in risikoreichen Situationen ist ein individuell verschieden stark ausgeprägtes Persönlichkeitsmerkmal. Forscher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen haben nun erstmals in einer freilebenden Feldgrillen-Population Unterschiede in der Persönlichkeit gefunden. Risikofreudigere Tiere starben früher, denn sie hielten sich häufiger außerhalb ihrer Erdlöcher auf und wurden so leichter zur Beute. Andererseits könnten sich schüchterne Individuen dem Beobachter gar nicht erst zeigen, was die Ergebnisse beeinflusst. Dieses methodische Problem wurde in dieser Studie durch wiederholtes Beobachten von Tieren auf vergleichsweise kleinem Raum elegant gelöst.

Menschen besitzen eine eigene Persönlichkeit, die in frühester Kindheit ausgeprägt wird und sich immer weiter entwickelt. Das spiegelt sich unmittelbar im Verhalten wider. So gibt es ängstliche, kühne, vorsichtige oder abenteuerlustige Charaktere.

Dieselben Charaktereigenschaften finden sich auch bei Tieren. In der letzten Zeit wurden bei immer mehr Tierarten unterschiedliche Persönlichkeitsmuster von einzelnen Individuen einer Population entdeckt und mit wichtigen Faktoren wie Fortpflanzungserfolg oder Überlebenswahrscheinlichkeit in Beziehung gesetzt. Es ist wichtig, Persönlichkeitsstudien in der natürlichen Umgebung der Tiere und nicht im Labor durchzuführen, besonders wenn biologische Daten wie die Lebenserwartung erhoben werden sollen.

Die meisten Studien zu Zusammenhängen von Überlebenswahrscheinlichkeit und Persönlichkeit bei Tieren wurden an bereits etablierten, sogenannten Modelltierarten, wie bei Säugetieren und Singvögeln durchgeführt. Wirbellose Tiere wie Insekten hingegen sind noch kaum untersucht.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern um Niels Dingemanse vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen und der Ludwig-Maximilians-Universität in München hat nun die Persönlichkeit von Feldgrillen untersucht. Die Forscher haben auf einer Wiese in einem eingezäunten Areal von 120 m² Grillen in einem fortgeschrittenen Larvenstadium in der Nähe ihres Erdbaus farbig mit einer Zahl markiert und deren Verhalten bis zur Geschlechtsreife beobachtet. Zum Beispiel wurde die Fluchtauslösedistanz nach einer simulierten Störung gemessen, indem eine Person mit einem langen Rundholzstab auf den Boden klopfte und sich dabei in Richtung des Baues der Grille bewegte. Zusammen mit der Messung der größtmöglichen Distanz, die sich die Grille von ihrem Bau wegbewegte, diente dies zur Beurteilung von risikoreichem Verhalten und somit zur Abschätzung, ob ein Individuum eine draufgängerische Persönlichkeit besitzt.

Die Analyse ergab große Unterschiede im Risikoverhalten der Tiere, was auf das Vorhandensein von Persönlichkeiten hindeutete. Wagemutige Feldgrillen sterben früher als weniger draufgängerische Tiere, da Räuber wie Spitzmäuse und Vögel sie häufiger erbeuteten als scheuere Individuen. Sie wurden allerdings auch vom Beobachter leichter gesehen, so dass auch die Forscher viel öfter die mutigen Individuen zu Gesicht bekamen.

Um wirklich sicher zu sein, dass sie die schüchternen Individuen nicht einfach übersehen, zäunten die Forscher die Baue der Grillen ein und wiederholten mehrmals die Messungen. So konnte kein Tier entwischen, und die Wissenschaftler konnten sich sicher sein, dass sie nach vielen Messungen auch wirklich alle Individuen gesehen haben. “Diese Unterschiede in der Beobachtungshäufigkeit von mutigen und eher schüchternen Tieren sollte bei Studien der Persönlichkeit in natürlicher Umgebung stets in Betracht gezogen werden“, sagt Petri Niemelä, Erstautor der Studie. (SL/HR)

Quelle: Max-Planck-Institut für Ornithologie (idw)

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