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Nur gesunde Grundwasserökosysteme liefern sauberes Grundwasser

Archivmeldung vom 01.10.2012

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 01.10.2012 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Manuel Schmidt
Typische Grundwassertiere, wie Muschelkrebse, Raupenhüpferlinge und Brunnenkrebse sind perfekt an ihren Lebensraum angepasst: Sie sind meist  kleiner als 1 mm, durchsichtig,  blind und sehr langlebig.
Quelle: Foto: Hahn/Universität Koblenz-Landau (idw)
Typische Grundwassertiere, wie Muschelkrebse, Raupenhüpferlinge und Brunnenkrebse sind perfekt an ihren Lebensraum angepasst: Sie sind meist kleiner als 1 mm, durchsichtig, blind und sehr langlebig. Quelle: Foto: Hahn/Universität Koblenz-Landau (idw)

Zwei Drittel des Trinkwassers in Deutschland werden aus dem Grundwasser gewonnen. Dabei ist das Grundwasser keineswegs eine leblose Ressource: Mindestens 2.000 bekannte Tierarten und zahlreiche Mikroorganismen tragen hauptsächlich zur Reinigung des Grundwassers und damit zur Qualität des Trinkwassers bei. Dennoch ist der Schutz dieses Lebensraums bislang nicht gesetzlich verankert.

Mit über 1 cm Körperlänge ist der Höhlenflohkrebs Niphargus aquilex ein echter Riese unter den Grundwassertieren.
Quelle: Grabow/Universität Koblenz-Landau (idw)
Mit über 1 cm Körperlänge ist der Höhlenflohkrebs Niphargus aquilex ein echter Riese unter den Grundwassertieren. Quelle: Grabow/Universität Koblenz-Landau (idw)

Das Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau hat jetzt einen Entwurf für eine geografische Klassifikation der Grundwasserfauna vorgelegt, die als wichtiger Schritt für eine Bewertung des ökologischen Zustands des Grundwassers dienen kann. Sie zielt auf eine längst überfällige Etablierung geeigneter Maßnahmen für eine nachhaltige, weil ökologisch ausgerichtete Bewirtschaftung des Grundwassers.

Strudelwürmer, Rädertierchen, Wassermilben, Brunnenkrebse oder Grottenolme: Im europäischen Grundwasser tummeln sich mindestens 2.000 hoch angepasste, oft sehr seltene Tierarten. Damit bildet das Grundwasser einen der größten kontinentalen und ältesten Lebensräume in Europa. Von hoher Relevanz sind die so genannten Ökosystemdienstleistungen der Grundwasserlebewesen: Die artenreiche Bakterien- und Tierwelt säubert im Untergrund das Wasser, indem sie organisches Material zersetzt, das von der Oberfläche in die Tiefe gelangt.

Zudem eignen sich die Lebewesen in besonderem Maße als Bioindikatoren: Aufgrund ihrer Spezialisierung an den Lebensraum sind sie besonders anfällig gegen Veränderungen wie Eintrag von Oberflächenwasser, Dünger und Schadstoffen wie Schwermetallen oder Temperaturschwankungen. Im Gegensatz zu chemischen Analyseverfahren können sie deutlich früher Hinweise auf Veränderungen im Wasser geben und so einen erheblichen Beitrag zur Qualitätssicherung des Grundwassers und damit auch des Trinkwassers leisten.

Mit der Veröffentlichung des Aufsatzes „Stygoregions – a promising approach to a bioregional classification of groundwater systems“, hat das Forschungsteam um Privatdozent Dr. Hans Jürgen Hahn vom Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau gemeinsam mit Dr. Christian Griebler vom Institut für Grundwasserökologie des Helmholtz Zentrums München einen Vorschlag für die biogeographische Klassifizierung der Grundwasserlebensräume in Deutschland erarbeitet. Für diese Veröffentlichung wurden Daten aus dem Projekt „Entwicklung biologischer Bewertungsmethoden und -kriterien für Grundwasserökosysteme“, beauftragt von Umweltbundesamt (UBA) und Bund/Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA), sowie aus zahlreichen weiteren Studien der Universität Koblenz-Landau ausgewertet. Damit liegt erstmals ein Vorschlag für die Definition großräumiger ökologischer Referenzen für das Grundwasser vor. Diese können als eine wichtige Grundlage für die Definition des guten ökologischen Zustands des Grundwassers dienen.

„Nur auf einer solchen Basis lassen sich verbindliche Kriterien und Grenzwerte für die Bewertung und den nachhaltigen Schutz der Grundwasserökosysteme festlegen“, betont Hahn. Diese existierten zwar bereits für Oberflächengewässer. Die Untersuchung der Universität Koblenz-Landau habe jedoch ergeben, dass diese Klassifikationen für das Grundwasser nicht trage.

Die Wissenschaftler schlagen eine grundwasserspezifische Klassifizierung mit vier potenziellen so genannten Stygoregionen des Grundwassers am Beispiel Deutschlands vor. „Nachhaltiges Grundwassermanagement kann nur betrieben werden, wenn auch die Grundwasserökologie umfassend berücksichtigt wird“, erklärt Hahn. „Zum Glück stehen Wasserwirtschaft und Wasserversorgung diesem Thema durchaus offen gegenüber, denn auch dort weiß man: Nur gesunde Grundwasserökosysteme liefern sauberes Grundwasser.“

So ist letztlich die Politik gefordert, die rechtliche Stellung der Grundwasserökosysteme eindeutig zu definieren. Zwar finden sich in Gesetzen wie der EU Grundwasserrichtlinie und im Wasserhaushaltsgesetz Formulierungen, in denen das Grundwasser als Gewässer definiert ist und damit den allgemeinen Grundsätzen der Gewässerbewirtschaftung mit all ihren Konsequenzen und Schutzrechten unterliegt. Dennoch fehlt bislang ein entsprechendes Rechtsgutachten bzw. ein entsprechender Präzedenzfall, der die inkonsistente Gesetzeslage konkretisieren und der Umsetzung Vorschub geben würde.

Der Arbeitsbereich Grundwasserökologie an der Universität Koblenz-Landau setzt sich als eine von nur wenigen Organisationen europaweit, in Deutschland vor allem auch der BUND, bereits seit Jahren für die umfassende Erforschung und den nachhaltigen Schutz der Grundwasserökosysteme ein. Dieser Lebensraum ist bislang nur wenig erforscht und der Wissensstand in etwa vergleichbar mit dem der Fauna in Oberflächengewässern vor 50 bis 100 Jahren. Die Grundwassertiere und mikrobiologischen Gemeinschaften seien ein wissenschaftlicher Schatz unermesslichen Wertes, so Hahn. Viele gelten als „lebende Fossilien“, da sie von seit Jahrmillionen oberirdisch ausgestorbenen Arten abstammen.

Quelle: Universität Koblenz-Landau (idw)

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