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Profitable Ultralangläufer

Archivmeldung vom 06.02.2021

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 06.02.2021 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch André Ott

Langlaufende Anleihen und sogenannte Ultralangläufer mit Fälligkeiten jenseits der 30-Jahre-Frist­ sind am Anleiheprimärmarkt der Eurozone der Renner. Zahlreiche Staaten haben das Segment bereits bedient. Dazu gehörten Portugal (30 Jahre Laufzeit), Slowenien (60 Jahre), Indonesien (12 Jahre), Irland (10 Jahre) und Italien (16 Jahre). Chile stockte eine 10-jährige Anleihe auf und begab zudem einen 30-jährigen Social Bond. Belgien kam in der gerade abgelaufenen Woche mit einer 50-jährigen Anleihe und Frankreich ging erstmals seit dem Jahr 2016 wieder ins 50-jährige Segment. Das Land Nordrhein-Westfalen brachte einen Jahrhundertbond.

Jenseits der Staaten war die in Luxemburg beheimatete Europäische Investitionsbank (EIB) - die Bank der EU - ebenfalls mit einem 30-jährigen Schuldtitel erfolgreich. Großbritannien emittierte im Pfund die Fälligkeit 2046. Durch die Bank weg trafen die neuen Lang- und Ultralangläufer auf sehr robuste Nachfrage: Gut 40 Mrd. Euro waren es in Portugal, mehr als 60 Mrd. Pfund bei den Briten und mehr als 75 Mrd. Euro bei den Franzosen. Die EIB kam auf mehr als 14 Mrd. Euro. Platzierungsprobleme sehen anders aus.

Diese hohe Nachfrage ist saisonal üblich. Weite Anlegerkreise schließen in etwa ab Ende November die Bücher. Im Dezember geht das Emissionstempo deutlich zurück, weil die Emittenten den Jahresbedarf des Fundings längst gedeckt haben. Zu Beginn des neuen Jahres sitzen viele Investoren auf Cash, zu denken ist an Versicherer, die über den Jahreswechsel Beitragszahlungen vieler Versicherungsarten bekommen. Dieses Geld drängt nach Anlage. Wer dann noch einen Zinskupon bekommen kann, der im positiven Bereich liegt, greift zu. Denn viele Laufzeitenkurven von Emittenten liegen im Minus, so etwa bei Staaten. Beim Bund liegt die gesamte Kurve von wenigen Monaten Laufzeit bis hin zu 30 Jahren Fälligkeit - dies ist die längste Laufzeit des Bundes - in der Negativzone.

Es ist in diesem Marktumfeld davon auszugehen, dass angesichts der guten Nachfrage weitere Emittenten - nicht nur im Staaten- oder staatsnahen Bereich - mit langen oder sehr langen Laufzeiten auftreten werden.Am Markt stehen die langen und ultralangen Laufzeiten wortwörtlich hoch im Kurs. Das bedeutet nichts anderes, als dass diese Papiere auch für die Investoren kein schlechtes Geschäft sind - ganz im Gegenteil. Österreich hat als einziges Eurozonenland die 100-jähirge Fälligkeit im Programm. Ende Juni vorigen Jahres wurde eine neue 100-jährige Staatsanleihe des Landes an den Markt gebracht. Sie hat einen Kupon von 0,85 Prozent und rentiert aktuell mit gut 0,60 Prozent. Emittiert wurde sie am 30. Juni 2020 zu einem Emissionspreis von 98 Euro. In der gerade abgelaufenen Woche lag die Notierung am Sekundärmarkt bei knapp 120 Euro. Das sind immerhin 22 Euro in einem guten halben Jahr. In Prozent ausgedrückt: gute 22 Prozent in sieben Monaten. Wer da noch von mickrigen Erträgen am Staatsanleihemarkt der Eurozone spricht, hat entweder eine jenseits des Mainstreams liegende Definition von "mickrig" oder sich noch nicht allzu lange mit dem Anleihemarkt beschäftigt. Denn eine Jahresperformance von um die 40 Prozent muss man beim Dax schon sehr lange suchen.

Es ist die Frage, wo die Reise bei den Ultralangläufern nun noch hingehen wird. Derzeit ist die Obergrenze bei 100 Jahren (von den Perpetuals der Unternehmen, die mit früheren Kündigungsrechten des Emittenten verknüpft sind, abgesehen). Angeboten werden sie etwa von NRW (Renditen um 1 Prozent), Österreich und außerhalb der Eurozone von Mexiko (Rendite gut 3,3 Prozent). Gut möglich, dass der erste Emittent bald einmal testet, ob die Anleger auch bereit sind, ihr Geld noch länger als 100 Jahren zu verleihen - vielleicht für ewig. Damit würden dann die ewig laufenden Staatsanleihen (Consols) wieder aus der Taufe gehoben werden, die im Jahre 1751 erstmals von Großbritannien begeben wurden. Der Debüt-Consol der USA kam in den 1870er Jahren. Die Regierung des emittierenden Staates hat dabei die Option zu entscheiden, wann das Schuldpapier zurückgezahlt wird. Das kann sehr lange dauern: Die britische Regierung zahlte am 5. Juli 2015 die letzten Consols des Vereinigten Königreiches zurück, die 1888 und 1903 begeben wurden und Zinskupons von 2,75 Prozent bzw. 2,5 Prozent hatten. Es gibt an den Finanzmärkten viele Exzesse. Wenn aber die Consols wieder aus der Schublade geholt werden sollten, sollten sich Anleger über die aktuelle Schuldentragfähigkeit und die Schuldenstrategien der Staaten und anderer Emittenten vielleicht noch mal den einen oder anderen Gedanken machen. Gesund ist das nicht.

Quelle: Börsen-Zeitung (ots) von Kai Johannsen

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