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Börsen-Zeitung: Der lachende Dritte

Archivmeldung vom 22.06.2019

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 22.06.2019 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Andre Ott

Wenn zwei sich streiten, dann freut sich der Dritte. Dies war in der abgelaufenen Woche der Aktienmarkt, dazu später mehr. Zunächst zu den beiden Streithähnen, nämlich Euro und Dollar bzw. die hinter ihnen stehenden Notenbanken. Deren Chefs, Mario Draghi für die Europäische Zentralbank (EZB) und Jerome Powell für die Federal Reserve (Fed), haben das wichtigste Währungspaar aus dem Tiefschlaf gerissen.

Der Euro wertete seit Jahresbeginn zwar leicht zum Dollar ab. Aber angesichts der starken Bewegungen an anderen Märkten wie etwa dem für Aktien ging es bei Euro-Dollar zuletzt sehr gemächlich zu.

Das änderte sich am Dienstag, als Draghi während der jährlichen EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra Flexibilität versprach und damit eine Lockerung der Geldpolitik in Aussicht stellte. Das saß, die Märkte waren auf so deutlich Worte nicht gefasst. Der Euro sackte durch. Und wenn es nicht eine Verbalintervention des US-Präsidenten gegen den Dollar gegeben hätte, wäre der Euro wohl noch weiter gefallen. Im Blick auf die ganze Woche betrachtet, ist die Wirkung von Donald Trumps Tweet, dem er noch eine Attacke gegen den Dax hinterher schickte, allerdings zu vernachlässigen. Die Kursbewegung der Woche löste am Währungsmarkt eindeutig Jerome Powell aus, der den Dollar verbal deutlich schwächte. Am Freitag kostete ein Euro bis zu 1,1334 Dollar, nachdem er direkt nach Draghis Rede noch bis auf 1,1179 Dollar gefallen war.

Zweifelsohne sind die beiden wichtigsten Notenbanken der Welt auf Lockerungskurs eingeschwenkt, dem sich andere Zentralbanken nicht entziehen können. Während jedoch die EZB Gründe für eine Lockerung, aber wenig verbleibende Feuerkraft hat, sieht es bei der Fed umgekehrt aus. Ihr Mandat ist derzeit mehr oder minder erfüllt, doch steht sie unter erheblichem politischen Druck zur Lockerung, was auf Dauer den Dollar untergraben könnte.

Über Draghis Intention in Sintra wurde von Marktteilnehmern viel spekuliert, es war gar die Rede von einem "Präventivschlag" gegen einen zu erwartenden sehr moderaten Powell. Allerdings dürfte es der EZB Sorge bereiten, dass die Inflation absackt. Bei konstantem geldpolitischen Rahmen bedeutet eine niedrigere Inflationsrate aber eben auch, dass die Realzinsen steigen. Das ist zwar gut für Anleger, doch das Mandat der EZB sind eben nicht auskömmliche Sparzinsen, sondern sie verfolgt ein Inflationsziel. Eine Verbalintervention Draghis schien da schlüssig - und zeigte Erfolg: Die Marktzinsen sind deutlich gefallen, womit die Realzinsen nicht weiter ansteigen. Und er hat einer übermäßigen Euro-Aufwertung vorgebeugt, denn ohne die Rede in Sintra wäre der Dollar möglicherweise noch stärker als ohnehin gefallen. Zwar verneint die EZB immer wieder, dass sie am Wechselkurs arbeitet, de facto hilft ein schwächerer Euro jedoch über teurere Importe die Inflation anzuheben.

Die Fed steht hingegen unter weniger starkem Druck von der Konjunkturseite her und könnte sich eigentlich entspannt zurücklehnen. Doch entweder fürchtet sie schwerwiegende Folgen aus dem Handelsstreit. Oder es wächst der politische Druck auf Powell, denn Trump will einen schwachen Dollar, auch um seine Wahlchancen im nächsten Jahr zu erhöhen. Und dass er sich um Inflation wenig schert, zeigt seine Ignoranz gegenüber der preistreibenden Wirkung seiner deutlichen Zollerhöhungen. Doch wenn beide Notenbanken auf Lockerungskurs bleiben, wird die Zinsdifferenz mehr oder minder unverändert bleiben und der Euro-Dollar-Kurs schon bald wieder in einer Seitwärtsbewegung erstarren. Ausbrüche daraus sind aber möglich: Sollte es zu einem Schock kommen, etwa einem Krieg am Persischen Golf, wäre der Dollar wohl erneut die Währung der Wahl. Umgekehrt könnte die bevorstehende Lockerungsphase den Euro etwas aufwerten lassen.

Der Weg hierzu führt über den genannten lachenden Dritten des Streits, nämlich den Aktienmarkt. Eine lockere Geldpolitik treibt meist die Aktienkurse in die Höhe, dies zeigte sich dieser Tage auch bereits mit dem Draghi-Put 2.0 - also der vom EZB-Präsidenten wie 2012 ausgelösten Rally bei Aktien- und Anleihekursen. Wenn der Dollar die Sicherheitswährung ist, so nimmt der Euro die Rolle der Risikowährung ein. Damit steckt die EZB aber in einem Dilemma: Befeuert sie die Aktienrally zu sehr, würde der Euro aufwerten und das wiederum die Inflationsrate in der Eurozone über sinkende Importpreise drücken.

Quelle: Börsen-Zeitung (ots) von Stefan Schaaf

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