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Dreiviertel leer

Archivmeldung vom 08.12.2020

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 08.12.2020 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch André Ott

Deal or No deal - that's the question. Die Brexit-Verhandlungen steuern auf ihren Showdown zu. Europaabgeordnete rechnen vor, dass sie selbst im Falle einer zügigen Einigung erst zwischen den Jahren über einen Vertrag abstimmen können. Die Zeit wird verdammt knapp. Die Vorwetten, dass es noch mit einem Deal klappt, werden skeptischer. Das Glas ist schon lange nicht mehr halbvoll, nicht einmal mehr halbleer. Das Glas ist längst dreiviertel leer.

Gemach, geben Diplomaten zu bedenken. Ist es denn nicht in EU-Verhandlungen immer so, dass eine Verständigung erst nach Marathonsitzungen mit durchgeschwitzten Hemden erreicht werden kann, weil alle Akteure dann bis zur letzten Sekunde hart gerungen haben?

Dieses Muster mag für viele Verhandlungen gelten. Die Brexit-Gespräche aber waren von Beginn an atypisch. Etwa, weil der Übergang vom rhetorischen Geplänkel zur konkreten Kontroverse zu lange vertagt wurde. Und weil es nicht nur keine Fortschritte gab, sondern generell wenig Bewegung. So bietet die Tatsache, dass noch über genau die gleichen Zankäpfel - Wettbewerbsbedingungen, Fangquoten, Streitschlichtung - gerungen wird wie vor Monaten wenig Anlass zur Zuversicht.

Dass es trotzdem Gründe gibt, auf eine Einigung zu hoffen, hat damit zu tun, dass ein No Deal für beide Seiten enorm schmerzhaft wäre - trotz aller gespielten Gelassenheit. Dabei bereitet nicht so sehr die Sorge vor Lkw-Staus Kopfzerbrechen - die lassen sich mit etwas Geschick in Grenzen halten. Die Bedenken der Wirtschaft konzentrieren sich auch nicht auf mögliche Zölle - die lassen sich managen. Nein, die Angst ist, dass zwischen dem britischen Pochen auf Souveränität und dem europäischen Bewahren des Binnenmarkts der Handel zwischen der EU und der Insel unter die Räder kommt, weil jede Verlässlichkeit und Rechtssicherheit fehlt und nichttarifäre Hemmnisse den Warenverkehr bremsen werden.

Die Europäer werden am Ende dieses Jahrhunderts nur noch 4 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen - das entspricht dem heutigen Anteil Indonesiens. Dass der wirtschaftliche und politische Einfluss des Kontinents schwindet, ist unausweichlich. Aber natürlich könnte sich der Bedeutungsverlust rapide beschleunigen, wenn Europa es nicht fertig bringt, weiter als gemeinsamer Wirtschafts- und Handelsraum aufzutreten. Weil viele, die verhandeln, wissen, dass ein No Deal zwei Verlierer haben wird - und allenfalls Gewinner in Übersee -, gibt es selbst dreieinhalb Wochen vor dem Stichtag noch einen Funken Hoffnung auf einen Deal.

Quelle: Börsen-Zeitung (ots) von Detlef Fechtner

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