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Immer tiefer und tiefer

Archivmeldung vom 28.11.2020

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 28.11.2020 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Andre Ott

Am Staatsanleihenmarkt der Eurozone wird vermutlich schon in den kommenden Handelstagen der nächste Meilenstein gesetzt. Wer sein Geld auf der Iberischen Halbinsel anlegt, d.h. in spanischen oder portugiesischen Staatsanleihen, wird entlang der Laufzeitenkurve bis hin zu zehn Jahren Parkgebühren in Form negativer laufender Renditen bezahlen müssen. Denn sowohl Spaniens als auch Portugals Zehnjahresbonds liegen bei der Rendite an der Nulllinie. Das gab es bislang noch nie.

Wohlgemerkt: Es handelt sich um ehemalige Krisenstaaten, die heute Geld von Anlegern fürs Schuldenmachen obendrauf bekommen. Es gab mal Zeiten, da wollte die internationale Investorenschaft diesen Ländern nicht mal mehr für 7% Rendite einen Cent leihen. Gut, das ist ja auch schon ein paar Jährchen her. Die Erinnerung verblasst.

Der Renditeabsturz in der Eurozonenperipherie in diesem Jahr ist enorm. Spaniens Zehnjahressatz lag am 31.12.2019 bei 0,47%, stieg bis zum 18.März auf das Jahreshoch von 1,23%, um dann bis Freitag der abgelaufenen Handelswoche bis auf knapp unter 0,05% zu fallen. In Portugal das gleiche Bild: Von 0,45% am Jahresultimo erfolgte bis zum 18. März der Anstieg auf 1,40%, um dann bis Freitag auf 0,01% abzurutschen. Anleger, die in der Eurozonenperipherie bei zehn Jahren Laufzeit noch eine positive laufende Rendite haben möchten, müssen beispielsweise in Italien investieren, dort gibt es noch 0,56%, oder in Griechenland. Bei Letzteren sind es dann noch 0,68%. Aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch Hellenen und Italiener für zehn Jahre Laufzeit Parkgebühren nehmen.

Den neuerlichen Schub nach unten erfuhren die Renditen abermals durch die Europäische Zentralbank (EZB). Äußerungen aus den Reihen der Zinsverantwortlichen werden immer wieder als sehr "dovish" aufgenommen, also taubenhaft. Das bedeutet, dass in der Eurozone nicht mit raschen Zinserhöhungen gerechnet werden kann. Die Märkte erwarten, dass es auf der Zinssitzung im Dezember wo­möglich zu einer Ausweitung der Kaufprogramme für Anleihen kommen wird. Das könnte in zeitlicher Form und volumenmäßig der Fall sein. Das würde bedeuten, dass die Währungshüter der Eurozone die wirtschaftliche Lage bedingt durch die Covid-19-Pandemie noch schlechter einschätzen, als sie es bisher ohnehin schon getan haben, und deshalb weitere Maßnahmen zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise einleiten.

Durch neuerliche Käufe wird der Zentralbank-Put also noch größer. Die Konsequenz ist, dass die Bondanleger dort zugreifen, wo sie noch eine positive Rendite bekommen. Das war bislang auch noch bei den portugiesischen und spanischen Zehnjahresbonds der Fall. Durch die Käufe steigen die Kurse, die Renditen fallen immer weiter ins Bodenlose. Die Anleger sind ja auch auf der sicheren Seite. Zum einen kassieren sie Kursgewinne, zum anderen haben sie die Gewissheit, dass sie die Papiere bei Kursrückgängen immer noch zur EZB durchreichen können. Das Spiel läuft seit Jahren.

Und somit werden auch die Crowding-out-Prozesse am Markt weitergehen. Kauft die EZB immer weiter und treibt mit ihren Käufen die Renditen mit nach unten, wandern die Anleger auf der Suche nach Rendite auf andere Marktsegmente bzw. längere Laufzeiten aus mit dem Ergebnis, dass auch dort die Kurse steigen und die laufenden Renditen fallen. Die Investoren gehen also immer mehr ins Laufzeiten- und Kredit-, sprich Bonitätsri­siko.

Für die Emittenten ist das natürlich eine schöne Sache, schließlich gibt es Fremdkapital zu immer günstigeren Konditionen. Und welcher Finanzminister freut sich nicht, wenn er für die Kreditaufnahme keine Zinsen bezahlen muss, sondern im Gegenteil noch etwas bezahlt bekommt? Das spornt natürlich nicht zur Schuldendisziplin an. Und solange die Anleger kräftig zugreifen, wird dieses Spiel auch noch weitergehen. Das Ergebnis sind immer größer werdende Schuldenberge. Diese werden zwar immer wieder mal auf Konferenzen thematisiert, aber an den Märkten werden sie derzeit nicht als ein größerer Risikofaktor wahrgenommen. Doch wenn das einmal der Fall wird, könnte schnell die Situation entstehen, dass alle zur gleichen Zeit mit einem großen Koffer voller Anleihen durch die gleiche Tür raus wollen. Das sollte man zumindest mal im Hinterkopf behalten. Fragt sich nur, wann das einmal Realität werden könnte: Wenn alle Länder der Eurozone entlang der gesamten Laufzeitenkurve im Minus liegen? Dann hat der Markt noch eine schöne Kursrally vor sich.

Quelle: Börsen-Zeitung (ots)  von Kai Johannsen

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