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Der erste Vorbote

Archivmeldung vom 05.02.2022

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 05.02.2022 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt

Die jüngste Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) samt Äußerungen ihrer Präsidentin Christine Lagarde auf der Pressekonferenz waren so richtig nach dem Geschmack all derer, die seit Wochen und Monaten angesichts der Inflationsanstiege in der Eurozone fast schon gebetsmühlenartig ein Umdenken und damit einen Kurswechsel in der EZB-Zinspolitik fordern. Fast unisono sind Volkswirte, EZB-Watcher und Marktakteure der Meinung, dass die EZB schon viel zu lange wartet, das Problem in seiner Schärfe nicht erkennt und zu zurückhaltend ist. Entsprechend ließen sich die Überschriften am Donnerstagnachmittag nach der Pressekonferenz einordnen. So titelte die Nachrichtenagentur Reuters: "Und sie bewegt sich doch." Vermögensmanager Feri war ein wenig einschränkender und meinte: "Und sie bewegt sie doch ein bisschen." Bei der LBBW war man der Ansicht, dass bei der EZB die Inflation Corona verdrängt. "EZB signalisiert Offenheit gegenüber früherer geldpolitischer Straffung", fand Anleihegigant Pimco. Assetmanager Franklin Templeton konstatierte gar: "EZB nervös".

EZB-Rat in Sorge

Was war geschehen bzw. viel wichtiger: Wie wurde das Geschehene im Urteil der Märkte bewertet? Lagarde hatte die Inflation im Januar als "sehr überraschend" eingestuft. Und diese Überraschung bei der Inflation löste Lagarde zufolge im EZB-Rat übereinstimmend Sorge aus. Die Risiken für die Inflation sieht sie als nach oben gerichtet an. Hinzu kam, dass die EZB-Chefin auf Nachfrage ihre frühere Aussage, dass Zinsanhebungen 2022 unwahrscheinlich sind, nicht wiederholte. Summa summarum: Die Zeit des billigen Zentralbankgeldes ist nun definitiv vorbei. Die Quittung der Märkte: Aktienkurse sackten ab, schließlich fällt ja absehbar der Treiber 'ultralockere Geldpolitik' weg. Höhere Leitzinsen stärken der heimischen Währung den Rücken: Der Euro befestigte sich gegenüber dem Dollar um mehr als 1%. Und wenn die EZB demnächst die Zinsen erhöht, müssen ja die Anleiherenditen in der Eurozone steigen: Zehnjährige Bunds gut zehn Basispunkte nach oben - auch ein Wort.

Aber wird es an den Bondmärkten nun wirklich zu spürbaren Renditesteigerungen kommen? Skepsis ist angebracht, und zwar aus zwei Gründen. Erstens: Vergessen wird immer wieder ein markttechnischer Faktor. Gut eine Dekade sind die risikolosen Bundrenditen angefangen vom kurzen Ende der Laufzeitenkurve im Minus. Viele hielten Negativrenditen anfangs für völlig irrational und riefen die Zinswende aus. Aber: Pustekuchen! Und wenn Assetmanager und Real Money Accounts wie Pensionsfonds und Versicherer wieder Bondrenditen im positiven Bereich in der zehnjährigen Frist festzurren können, dann tun sie es auch - lehrt die Erfahrung früherer temporärer Anstiegsphasen. Viel Geld liegt nach wie vor an der Seitenlinie, und das drängt nach Anlage, auch im Fixed-Income-Bereich. Gerade diese Investments bremsen Renditeanstiege ab, können sie sogar bequem umkehren. Der Bund-Markt ist in einem Lauf, und der kann erstmal noch ein Stück weitergehen. Aber dann sollten großangelegte Wiedereinstiege mit Marktwirkungen einkalkuliert werden. Auch Green und Sustainable Finance sollte man in diesem Kontext im Blick behalten. Die Global Sustainable Investment Alliance schätzt das Investmentvolumen global in diesem Bereich auf 35 Bill. Dollar (die Billion im dt. Sinn). Zum Vergleich: Der Markt der Bundesanleihen inkl. Green Bunds hat ein Volumen von 1,592 Bill. Euro (1.2.2022). Hinzu kommen konventionelle Anlagen.

Zweitens: Der Markt guckt nicht nur auf die Inflation, sondern auch auf das Wachstum. Und wie schätzt Christoph Rieger, Leiter des Zinsresearch der Commerzbank, es völlig richtig ein: Der Markt dürfte noch stärker die Boom-Bust-Risiken einer beschleunigten geldpolitischen Straffung im Auge haben. Die Renditekurven dürften sich Rieger zufolge weiter verflachen, wobei nun auch das kürzere Euro-Segment von zwei bis zehn Jahren betroffen sein dürfte. "In den USA rechnen wir im nächsten Jahr mit einer invertierten Kurve zwischen zwei und zehn Jahren", sagt er. Bekanntermaßen ist praktisch jeder Rezession eine invertierte Zinskurve vorausgegangen, d.h., in Erwartung von Leitzinssenkungen fielen die langfristigen Bondrenditen unter die kurzfristigen Sätze. Damit signalisiert der Markt die Erwartung einer Rezession und die dadurch erforderlich werdende geldpolitische Unterstützung. Fast unbemerkt von dem ganzen Getöse ist am Donnerstag die Swapkurve im Euro-Bereich (Tausch fixe gegen variable Zinsen) zwischen zehn und 30 Jahren invertiert. Das könnte ein erster Vorbote sein.

(Börsen-Zeitung, 05.02.2022)

Quelle: Börsen-Zeitung (ots)

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