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Vollbremsung: Kommentar zum Batteriehersteller Varta

Freigeschaltet am 16.11.2022 um 06:07 durch Sanjo Babić

Es ist erst wenige Jahre her, da hatte Varta ganz andere Probleme als heute. Damals waren die kleinen Lithium-Ionen-Zellen für kabellose Ohrhörer und Headsets so gefragt, dass der Batteriehersteller sich mächtig strecken musste. Immer wieder wurden neue Investitionen in Fertigungskapazitäten angekündigt, um die boomende Nachfrage bedienen zu können.

Seither hat sich die Marktlage radikal verändert. Chinesische Konkurrenten sind auf dem Vormarsch und machen den Deutschen Marktanteile streitig. Varta hat ihre Dominanz bei den aufladbaren Mini-Hochleistungszellen verloren und infolge des zunehmenden Wettbewerbs Preissetzungsmacht eingebüßt. Zumal auf der Abnehmerseite große Elektronikkonzerne wie Apple und Samsung sitzen, die wissen, wie man Einkaufspreise niedrig hält. Zudem gehört der Nachfrageboom der Vergangenheit an. Die Verbraucherstimmung ist schlecht, und hohe Inflationsraten nagen an der Kaufkraft der Konsumenten, so dass die Nachfrage zurückgeht. Nun sieht sich das Management sogar gezwungen, Stellen zu streichen und am Produktionsstandort Nördlingen Kurzarbeit zu verhängen. Die Jahresprognose für Umsatz und operativen Gewinn fällt noch bescheidener aus, und für 2023 zeichnet sich nur eine mühsame Erholung ab.

Einschneidende Konsequenzen haben Verkaufsflaute und Preisdruck für die Finanz- und Liquiditätsplanung. Denn der ohnehin negative freie Cashflow wird zusätzlich belastet. Die Eigenkapitalquote ist binnen eines Jahres um mehr als 10 Prozentpunkte auf zuletzt 31 Prozent gesunken. Da liegt es nahe, dass Varta bei den Investitionen auf die Bremse tritt. In einer Phase hoher Unsicherheit und geringer Visibilität wäre es fahrlässig, hier in die Vollen zu gehen. Schließlich weiß niemand, wie sich Energiekosten und Rohstoffpreise entwickeln und wie die Lieferketten künftig funktionieren werden.

Bedenklich stimmt vor allem, dass Varta den Fabrikneubau für die Produktion von E-Auto-Batterien stoppt. Offenbar ist die Resonanz unter den Autoherstellern und anderen potenziellen Kunden so gering, dass dieser Schritt unausweichlich ist. Weitergehen soll es erst, wenn verbindliche Kundenzusagen vorliegen. Bisher beliefert Varta nur einen Premium-Autobauer - es soll sich um Porsche handeln. Weitere Abnahmeverträge mit Autoherstellern gibt es nicht. Dabei sind die E-Auto-Akkus eigentlich das Zukunftsversprechen des Batterieherstellers, auf dem große Hoffnungen ruhen. Das Geschäft wird dafür eigens in einer separaten Gesellschaft gebündelt. Doch nun steht die Tragfähigkeit des ganzen Projekts in Frage.

Quelle: Börsen-Zeitung (ots) von Helmut Kipp

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