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Verordneter Kulturwandel

Archivmeldung vom 14.10.2021

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 14.10.2021 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Sanjo Babić

Die Finanzaufsicht verpasst sich nach dem Wirecard-Debakel mehr Risikobereitschaft, mehr Schlagkraft und mehr Esprit. Die Spitze unter der neuen Führung von Mark Branson soll in Kombination mit einem Reformplan der BaFin "mehr Biss" verleihen, sie zur Aufsicht von Weltklasse machen und den Kulturwandel befördern. So weit der Plan. Mehr Durchschlagskraft versprechen etwa der Aufbau einer schnellen Eingreiftruppe, forensische Prüfungen und eine Fokusaufsicht, die nicht an den Grenzen von Banklizenzen haltmacht.

Ernsthafter Tatendrang lässt sich dem mit viel Vorschusslorbeer bedachten BaFin-Chef kaum absprechen. Branson kommt nicht nur nach erster Begutachtung seiner neuen Wirkungsstätte zu den richtigen Analysen, er spricht auch unbequeme Urteile aus. Beispielsweise, dass jahrelanges Kosten- und Personalwachstum ein Ende haben muss. Lieber soll intern umsortiert als neu eingestellt werden. Der Dienstherr mahnt zur Selbstdisziplinierung, weil sich die an Aufrüstungsrituale gewöhnte Behörde andernfalls in Ineffizienz und Trägheit zu verlieren drohe.

Der von außen kommende Hoffnungsträger läuft jedoch Gefahr, den Beharrungskräften des Apparats zu unterliegen. Ob sich eine hinreichende Menge an Mitarbeitern mit ausgeprägtem Sicherheitsdenken zu mehr Risikobereitschaft hinreißen lässt und in Jahren und Jahrzehnten angeeigneter Risikoaversion nun vom Reaktions- in den Aktivmodus schaltet, ist fraglich. Das Verhalten ist verständlich, schließlich ist es vielerorts im Hause geübte Praxis, vor einem Einschreiten mögliche Risiken nach allen Regeln der Kunst rechtlich abzuklopfen, um sich nicht in juristischen Händeln zu verstricken oder dem Vorwurf der Beliebigkeit oder Willkür auszusetzen.

Dem viel beschworenen Kulturwandel der BaFin ist das aber kaum förderlich. Es darf unterstellt werden, dass er ohnehin vom Bundesfinanzministerium ausgeht. Kulturwandel lässt sich aber schwerlich von oben verordnen. Ohne Einsicht der Beschäftigten in die Notwendigkeit von Neuerungen und echten Veränderungswillen ist er zum Scheitern verurteilt.

Beredtes Beispiel für die Schwierigkeit des Unterfangens ist der Aufschrei von Teilen der Belegschaft, die sich empört über die zu Recht erlassenen Einschränkungen privater Wertpapiergeschäfte zeigen und gar Kompensation einfordern. Der Neuankömmling muss also aufpassen, dass der Kulturwandel nicht zum Kulturkampf ausartet. Andernfalls erschöpft sich der erhoffte stärkere Biss der BaFin darin, dass einer auf Granit beißt: Branson.

Quelle: Börsen-Zeitung (ots) von Tobias Fischer

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