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Börsen-Zeitung: Flucht mit dem Aufzug

Archivmeldung vom 11.10.2019

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 11.10.2019 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Andre Ott

Wenn ein Feuer ausbricht, sollte man nicht den Aufzug für die Flucht verwenden. Bei Thyssenkrupp ist es umgekehrt. Der Konzern nimmt ihn, weil er das Geld aus dem geplanten Verkauf der Kernsparte für Aufzüge dringend braucht, um die Bilanz in Ordnung zu bringen und den Umbau zu einem wettbewerbsfähigen Unternehmen zu finanzieren.

Die neue Vorstandschefin Martina Merz, eine konservative Alemannin, die gern Lederjacke trägt, bezeichnet sich selbst als "rustikal", also ländlich-robust. Sie weiß als erfahrene ehemalige Bosch-Managerin, dass die schwache Bilanz die Zukunft von Thyssenkrupp gefährdet: Jedes Jahr muss der Konzern 500 Mill. Euro an Pensionen zahlen. Allein für die zentrale Verwaltung im Hauptquartier in Essen gibt das Unternehmen jedes Jahr 370 Mill. Euro aus. Somit liegen allein die Fixkosten bei fast 1 Mrd. Euro. Obendrauf kommt außer der Reihe aller Voraussicht nach noch vor dem Jahresende eine Kartellstrafe von ungefähr 350 Mill. Euro für Absprachen bei Stahlpreisen. So viel müsste erst einmal hereinkommen, so viel kommt aber nicht herein: Der Mittelabfluss beträgt mehr als 1 Mrd. Euro.

"Plan A", um aus dieser gefährlichen Situation herauszukommen, ist der Börsengang der Aufzugssparte, den Deutsche Bank, Goldman Sachs und J.P. Morgan fleißig vorbereiten. Der Börsengang - das weiß der seit acht Monaten amtierende Finanzvorstand Johannes Dietsch als Ex-Bayer-Mann genau - hat einen großen Vorteil gegenüber dem Komplettverkauf an Finanzinvestoren: Wenn Thyssenkrupp ungefähr ein Viertel der Anteile an Börseninvestoren ausreicht, kann der Konzern die Tochtergesellschaft mit ihren stetigen und gut im Voraus berechenbaren Erträgen sowie geringen Schulden weiter voll konsolidieren.

Der operative Gewinn des Konzerns sieht dann gegenüber den Ratingagenturen besser aus und erlaubt eine höhere Verschuldung - und trotzdem eine gute Bonitätsnote. Angestrebt wird Investment Grade anstatt Ramschniveau. Mit dem Emissionserlös, der für 25% der Anteile bei 4 Mrd. Euro liegen würde, könnte Thyssenkrupp einen Teil der bilanzierten Pensionslasten von 8 Mrd. Euro ausfinanzieren, die Nettoschulden von 5 Mrd. Euro teilweise zurückführen und die Restrukturierung mit dem Abbau von 6.000 Stellen finanzieren. Für die Zukunft bliebe ein Dividendenstrom der Aufzugstochter.

Das alles könnte der bilanzielle Befreiungsschlag werden. Doch vom operativen Befreiungsschlag in den seit vielen Jahren wurschtelnden Geldverbrennersparten ist noch nicht allzu viel zu sehen.

Quelle: Börsen-Zeitung (ots) von Christoph Ruhkamp

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