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Flaute ist für Unternehmen nicht beendet: Stresstest gegen die Finanzierungsklemme

Archivmeldung vom 18.08.2009

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 18.08.2009 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt

Trotz konjunktureller Entwarnung ist die Wirtschaftskrise für viele Unternehmen längst nicht beendet. Zwar signalisieren Statistiken eine Stabilisierung der Konjunktur bzw. suggerieren gar eine Besserung der Lage.

Allerdings gilt es zu berücksichtigen, dass die Steigerungsrate von 0,3 % Wachstum vom niedrigen Niveau des ersten Quartals 2009 gerechnet ist. Im Vergleich zum Vorjahresquartal ging das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt aber um 7,1 % zurück. Viele Unternehmen sind also keineswegs ihre Sorgenfalten los. Immerhin, der freie Fall ist (vorläufig) beendet.

Dennoch besteht unter Experten, die sich nie so häufig wie in den letzten 24 Monaten irrten, große Unsicherheit darüber, ob der Konjunkturverlauf einem V oder einem W entspricht. Gerade im zweiten Fall wäre das V nur der erste Teil des Ws. Konkret würde das bedeuten, dass nach einer kurzen Erholungsphase ein erneuter Abschwung droht. Gewissheit über die künftige Entwicklung kann freilich niemand versprechen.

Finanzierungsklemme bleibt vorerst bestehen

Trotz der Erholungstendenzen steht für viele Unternehmen weiterhin die Liquiditätssicherung im Vordergrund. Und es ist keineswegs klar, dass alle „gesunden“ Unternehmen ohne Schaden durch die nächsten Monate kommen. Die wenigsten mittelständischen Unternehmen haben die Möglichkeit, sich über den Kapitalmarkt auf Vorrat zu finanzieren, wie das derzeit einige Großunternehmen erfolgreich tun. Gerade die Sicherstellung der Liquidität wurde und wird erschwert durch eine Finanzierungsklemme, die Unternehmen von mindestens drei Seiten unter Druck setzt:

  1. Zusätzlicher Finanzierungsbedarf für den negativen Cashflow bis die Kostenstrukturen angepasst sind (oder die Erlöse entsprechend steigen).
  2. Erhöhung der Finanzierungsanforderungen von Banken und banknahen Instituten durch Verschärfung der Kreditvergabebedingungen (höhere Sicherheiten und Bonitätsanforderungen).
  3. Erschwerung der Eigenkapitalbeschaffung über Finanzinvestoren durch deren Mittelknappheit und ebenfalls verschärfte Anforderungen an Geschäftsmodelle.

Steigendes Auftragsvolumen ist nicht ohne Risiko

Selbst wenn sich die Auftragslage verbessert, ändert dies kaum etwas an der finanziell angespannten Lage vieler Unternehmen. Denn auch der Jumpstart birgt Gefahren für Unternehmen. Gewerbliche Kunden, die sich noch „Rezessionspreise“ zu niedrigen Margen sichern wollen, kommen zwar mit großen Orders, die dann aber auf reduzierte Kapazitäten und leere Lagerbestände treffen. So ist etwa bei Annahme von beschäftigungssichernden Aufträgen, die nur die variablen Kosten decken, Vorsicht angebracht. Sie können nämlich Kapazitäten sperren und Liquidität binden für profitablere Aufträge. Gerade bei angespannter Liquidität können außerdem nicht alle Unternehmen so schnell ihre heruntergefahrenen Kapazitäten hochfahren und die Läger wieder füllen, wie dies notwendig ist.

Bei Großaufträgen ist daneben Vorsicht angebracht, wenn man ohne unterschriebenen Auftrag und bei eingeschränkter Bonität des Kunden in Vorleistung geht. Ein Auge sollte zudem auf die Finanzsituation der Lieferanten geworfen werden, gerade wenn es sich um Schlüssellieferanten handelt. Lieferanten müssen bei Großaufträgen in dem geforderten Umfang und Zeitraum auch liefern können. Gerade bei zeitkritischen Großaufträgen entstehen schnell unangenehme Situationen, wenn ein Schlüssellieferant in Finanzierungsschwierigkeiten geraten ist und nicht rechtzeitig die gewünschte Losgröße liefern kann. Die Freude über den Großauftrag kann so schnell getrübt werden, wenn bei ohnehin geringer Marge Pönalen zu zahlen sind oder der Auftrag gar ganz verloren geht.

Stresstest für die Unternehmensliquidität

Die Themen Liquiditätssicherung, Kostenmanagement und Optimierung des Working Capitals bleiben weiter im Fokus des Finanzmanagements. Finanzchefs stehen dabei vor der Herausforderung, nicht zu viel werthaltige Unternehmenssubstanz aus Liquiditätsgründen abzugeben. Dass sich so mittelfristig die Ertragskraft schwächen lässt, unterstreicht derzeit eindrucksvoll Arcandor. So verschafft etwa eine Sale-and-Lease-Back-Vereinbarung für Immobilien kurzfristig Liquidität, höhlt aber mittelfristig die Substanz aus und kann zu höheren Kosten führen.

Selbst Unternehmen, die derzeit noch mit ausreichend Liquidität ausgestattet sind, tun gut daran, ihre Planungen zu überprüfen und sich auch auf weniger optimistischere Szenarien einzustellen.

Die eigene Liquiditätssituation bedarf dabei unbedingt einer engen Steuerung. So sollten sich Unternehmen entsprechend vorbereiten, wenn z. B. in den nächsten sechs bis zwölf Monaten Kredite fällig werden oder größere Investitionen anstehen, die mit zusätzlichem Fremdkapital finanziert werden sollen. Die restriktivere Kreditvergabepolitik der Banken erschwert Prolongationen und Neukredite deutlicher als noch vor 12 Monaten. Dies gilt ums so mehr, wenn sich die eigene Bonität verschlechtert hat.

Empfehlenswert ist eine Art Stresstest für die Finanzen des Unternehmens. So sollte die Finanzabteilung die Liquiditätsplanung für die nächsten sechs bis 12 Monate auf Basis verschiedener Szenarien simulieren, um besondere Risiken aufzudecken. Praktisch lässt sich dies bei vorhandener Planung leicht durchführen, in dem man die wichtigsten Inputfaktoren einer Liquiditätsplanung variiert und sich Auswirkungen etwa auf den Cashflow anschaut. Die Mittelstandsberatung der INNOVCES nutzt dazu ein Tool, mit dem sie zunächst die kritischen Faktoren einer Planung identifizieren und diese Faktoren anschließend in einem vorgegebenen Rahmen schwanken lassen und in verschiedenen Szenarien (Fachbegriff ist hier Monte-Carlo-Simulation) den Cashflow betrachten. Im Vergleich zu herkömmlichen Worst-Case-Betrachtungen identifizieren sie so leichter und schneller Ausreißer, die das Unternehmen gefährden könnten.

Kennt man die negativen Szenarien, kann man anschließend Maßnahmen vorbereiten und planen. Gerade für Worst-Case-Szenarien könnte man dann weitere Kreditanträge vorbereiten z. B. in Zusammenhang mit Bürgschaften der KfW oder anderen Förderinstituten.

Übrigens mögen es Kapitalgeber, wenn sich Unternehmen so auf verschiedene Szenarien vorbereiten und honorieren dies mit entsprechend zügiger Kreditvergabe oder sogar besseren Konditionen.

Freigabe von Kreditsicherheiten aushandeln

Vorausschauend ist es, auf die aktuellen Kreditsicherheiten zu schauen. In diesen Zeiten haben zwar viele Unternehmen in ihren Vermögenswerten eigentlich noch ausreichende Reserven, die mit zusätzlichen Krediten beleihbar wären. Häufig haben sich aber Banken über länger zurückliegende Kreditsicherungsverträge schon wesentliche Vermögenswerte als Sicherheit einräumen lassen. Für neue Kredite stünden so keine Sicherheiten mehr zur Verfügung, weil sich Banken schwer tun, sie frei zu geben. Als Kreditsicherheit gebundenes Vermögen reduziert so also den Finanzierungsspielraum.

Daher ist es ratsam, wenn Kredite nicht vollumfänglich in Anspruch genommen werden, möglichst zügig die Freigabe von Kreditsicherheiten zu erwirken. Viele Unternehmen übersehen außerdem, dass Kreditsicherheiten unverändert erhalten bleiben, selbst dann, wenn die Kreditlinien nicht ausgeschöpft sind oder der Wert der Sicherheiten zunimmt.

Quelle: INNOVECS GmbH (Dirk Elsner)

Autor
Der Autor, Dirk Elsner, lebt in Bielefeld und ist Senior Berater der INNOVECS GmbH. Er hat als Bereichsleiter in Banken und Geschäftsführer in mittelständischen Unternehmen gearbeitet und kennt die Praxis kritischer Unternehmenssituationen aus erster Hand.

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