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Wenn Verschwörungstheorien wahr werden: Die US-Experimente an Menschen in Guatemala

Archivmeldung vom 12.01.2019

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 12.01.2019 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
Bristol-Myers Squibb
Bristol-Myers Squibb

Bild: (CC BY-SA 2.0) by  A4

Der US-Pharmakonzern Bristol-Myers Squibb, die Johns-Hopkins-Universität und die Rockefeller-Stiftung müssen sich nun doch vor Gericht verantworten. Sie waren an Experimenten beteiligt, die zwischen 1946 und 1948 mit Finanzierung und Unterstützung durch die US-Regierung an hunderten Menschen in Guatemala vorgenommen wurden. Dies berichtet das russische online Magazin "Sputnik".

Weiter heißt es hierzu auf der deutschen Webseite: "Westliche Propaganda ist so wirkungsvoll, weil sie auf die menschliche Eigenart des Vergessens und Verdrängens setzt. Mit Reizüberflutung durch abseitiges und oberflächliches Geplätscher werden unangenehme Themen relativ schnell aus dem Blickpunkt des öffentlichen Interesses manövriert. Das gilt insbesondere für eigenes Fehlverhalten westlicher Eliten.

Westliche Propaganda ist auch deshalb so wirkungsvoll, weil sie zusätzlich mit den Totschlagsargumenten „Verschwörungstheorie“, „Fakenews“, „Filterblase“ oder „Whataboutism“ zuverlässig kritische Berichterstattung denunzieren kann.

Westliche Propaganda ist schließlich, aber nicht zuletzt auch deshalb so wirkungsvoll, weil es gar keiner staatlichen Zensur bedarf. Denn viele, jedenfalls die meisten maßgeblichen Journalistinnen und Journalisten in den wichtigsten öffentlich-rechtlichen und privaten Medien denken genauso wie die Propagandisten im Regierungsauftrag, haben also zum Teil über Jahre zementierte Feindbilder und Vorurteile beziehungsweise Scheren im Kopf. Wobei sie natürlich empört und angewidert zurückweisen würden, sich in einer Filterblase zu bewegen. Das tun immer nur die kritischen Nutzer ihrer Medienangebote oder lästige Konkurrenz.

Gerichtsurteil hilft, Taktik des Verschweigens und Vertuschens zu durchbrechen

Deshalb kann die Entscheidung von Bundesrichter Theodore Chuang im US-Bundesstaat Maryland gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Durch sein Urteil vom 3. Januar 2019 wird nun, nach immerhin 70 Jahren, endlich der Weg frei, wenigstens einen Teil der Verantwortlichen für abscheuliche, vom Staat geförderte und gedeckte Menschenversuche vor Gericht zu bringen. Durch den nun bevorstehenden Prozess ist der Versuch gescheitert, den bereits erwähnten Mantel des Vergessens und Verschweigens auszubreiten. Nicht nur über diesen Skandal, sondern über weitere, ähnlich gelagerte Skandale, die längst wieder aus den Schlagzeilen verschwunden waren, was die US-Regierung am meisten ärgert. Der Vorgang ist aber vor allem auch ein weiterer Beweis dafür, dass Vorsicht geboten ist, wenn ausgerechnet eine US-Regierung mit der Totschlagskeule der Verschwörungstheorie um sich schlägt.

Nicht zuletzt ist der Weg aber nun endlich frei für die 774 Kläger, die Überlebende und Angehörige der durch die Experimente Getöteten repräsentieren, die mit ihrer Klage neben Genugtuung auch eine materielle Entschädigung für jahrzehntelange Leiden und unwiderruflich zerstörte Biographien erhalten wollen. Auch wenn nicht die eigentlich verantwortliche US-Regierung stellvertretend für die inzwischen längst verstorbenen seinerzeitigen Politiker vor Gericht steht, indirekt wird sie wohl dennoch zu den Angeklagten gehören. Dafür werden mit ziemlicher Sicherheit die Anwälte der jetzt angeklagten drei Unternehmen und Institutionen sorgen, die sich verzweifelt dagegen gewehrt haben, für die US-Regierung den Kopf hinzuhalten und schlimmstenfalls mit einer Milliardensumme finanziell bluten zu müssen.

Akzeptable Motive führten zu inakzeptablen Methoden

Im Zweiten Weltkrieg war die US-Armee mit dem Problem von Geschlechtskrankheiten wie beispielsweise Gonorrhö (im Volksmund auch als Tripper bezeichnet) oder Syphilis konfrontiert, die neben hohen Personalausfällen vor allem auch hohe Kosten generierten. Auch die Ansteckungsraten mit diesen Geschlechtskrankheiten in der Zivilbevölkerung und damit auch die ökonomischen Schäden waren erheblich. Es bestand also ein großes Interesse des Staates, diese Infektionen in den Griff zu bekommen. Soweit zu durchaus nachvollziehbaren Gründen für medizinische Forschungen in dieser Sache. Doch das ist keine Entschuldigung für das, was dann kam beziehungsweise schon lief. Denn die US-Regierung genehmigte und finanzierte zwischen 1946 und 1948 Experimente an ahnungslosen Menschen zur Erforschung von Behandlungsmöglichkeiten für Syphilis. Allerdings nicht in den USA, sondern in Guatemala. Sehr zum Ärger der US-Regierung wird jetzt wieder das Augenmerk auf andere, längst vergessen geglaubte Skandale in der Medizinforschung der USA im 20. Jahrhundert gerichtet. Vor allem aber offenbaren sie eine bemerkenswerte Skrupellosigkeit und offen rassistische Einstellungen US-amerikanischer Forscher, Politiker und Militärs jener Zeit.

Das „Terre Haute Projekt“

Bereits in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts begann ein Forschungsprojekt zur Prävention und Behandlung von Gonorrhö im Gefängnis Terre Haute im Bundesstaat Indiana. Die Forscher des staatlichen Public Health Service (PHS) gelangten zur Auffassung, dass Gefängnisse die besten Rahmenbedingungen für ihre Experimente boten. Allerdings stellten die Forscher schnell fest, dass sie sich in einer Sackgasse befanden, aus der sie nur herauskämen, wenn sie den teilnehmenden Häftlingen Sexualkontakte mit Prosituierten gestatten würden. Prostitution aber war in Indiana verboten.

Als 1941 Penicillin seinen Siegeszug antrat, gehörte zu dessen glühendsten Förderern für medizinische Forschungen auch der Chef des Terre-Haute-Projektes, Dr. John Mahoney, Stellvertretender Leiter des PHS Labors zur Erforschung von Geschlechtskrankheiten in Washington. Im Time-Magazin vom 25. Oktober 1943 berichtete Mahoney euphorisch von Erfolgen der Behandlung von Syphilis-Patienten mit Penicillin. Aber auch mit der neuen Wundermedizin konnten nicht alle offenen Fragen beantwortet werden. Weitere Versuche an Menschen hielten die Forscher für unumgänglich. Als besonders aggressiv erwies sich in dieser Hinsicht die rechte Hand von Mahoney, Dr. John Cutler. Dieser Mediziner sollte in den Folgejahren derart skrupellos Versuche an Menschen vornehmen, die in einer Reihe stehen mit den grausamen Praktiken von Nazi-Ärzten wie Josef Mengele oder den gewissenlosen Medizinern des Nazi-Euthanasie-Programms. Und genau wie sie, verteidigte und relativierte Cutler noch Jahre später sein unethisches Handeln. Aber dazu kommen wir noch.

Das „Guatemala-Syphilis-Projekt“

John Cutler hatte die Idee, in Guatemala die Wirkung und Einsatzmöglichkeiten von Penicillin bei Syphilis-Erkrankungen an Menschen zu testen. Er erinnerte sich an einen guatemaltekischen Arzt, der mit ihrem gemeinsamen Chef, John Mahoney, im „Terre Haute Projekt“ gearbeitet hatte. Dieser Dr. Juan Funes erklärte, Guatemala sei ideal für die Zwecke, die Cutler vorschwebten. In dem mittelamerikanischen Land war Prostitution nicht illegal, die Ansteckungsrate mit Syphilis und Gonorrhö war sehr gering und es konnte die notwendige zweiwöchige medizinische Untersuchung der Sexarbeiterinnen sichergestellt werden. Der Forschungsantrag wurde bewilligt, mit den Stimmen von zwei der bis heute angesehensten Institutionen des US-amerikanischen Wissenschaftsbetriebes, der Rockefeller-Stiftung und der Johns-Hopkins-Universität, die älteste Universität der Vereinigten Staaten. Diese Tatsache ist auch der Grund für die eingangs erwähnte und nun zugelassene Schadenersatzklage gegen beide Einrichtungen.

Cutler nutzte beim Start des Projektes 1946 einen Glücksfall in der Geschichte Guatemalas. Präsident Juan José Arévalo, der 1944 mit seinen Ideen von einem „geistigen Sozialismus“ eine jahrelange brutale Diktatur beendet und begonnen hatte das Land zu reformieren, wollte eine entspannte Politik zur USA.

Das nutzte Cutler geschickt aus, indem er sich zunächst als hilfreicher und selbstloser Geist beim Aufbau bzw. Neustrukturierung des Gesundheitswesens hervortat. Deshalb genehmigte die Regierung Guatemalas im Vertrauen auf die guten Absichten Cutlers und der hinter ihm stehenden US-Regierung die Versuche von Cutler in Gefängnissen, in der Armee und mit Prostituierten Guatemalas. Cutler infizierte sowohl Prostituierte als auch Soldaten mit Krankheitserregern und organisierte dann Sex zwischen den Testpersonen. Selbst neunjährige Kinder wurden mit Geschlechtskrankheiten infiziert. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Testpersonen in Kenntnis gesetzt wurden, welchem Zweck ihre Behandlungen bei den US-Medizinern dienten.

Veränderungen in der Regierung Guatemalas, aber auch erste Zweifel an der Ethik der Testungen in guatemaltekischen Behörden beendeten Cutlers Aufenthalt im Land 1948. Einige Versuchsreihen gingen allerdings noch ein paar Jahre weiter, weil Cutler Gewährsleute in Guatemala zurückließ, die in seinem Sinne weiter arbeiteten. Zwischen 1952 und 1955 schrieb Cutler Berichte über seine Guatemala-Experimente. Diese Berichte wurden allerdings nie veröffentlicht, sondern nach seinem Tod zusammen mit seinem anderen wissenschaftlichen Nachlass in der Universität von Pittsburgh archiviert. Weil auch andere Mediziner des Projektes nichts über das Guatemala-Experiment veröffentlichten, gerieten die Personen, die in Guatemala zaghaft den Verdacht äußerten, US-Forscher hätten an Menschen in ihrem Land Versuche mit Geschlechtskrankheiten vorgenommen, umgehend in den Verdacht, Verschwörungstheorien zu verbreiten. Zumal 1954 die CIA der Demokratie in Guatemala mit einem blutigen Putsch den Garaus machte und erneut eine jahrzehntelang währende brutale Diktatur installierte.

Das „Tuskegee-Syphilis-Projekt“

Während sich über das Guatemala-Experiment für Jahrzehnte der Mantel des Schweigens legte, setzte John Cutler seine wissenschaftliche Karriere unbeirrt mit einem fragwürdigen Ethos fort, immer wieder an der Seite von anderen Medizinern mit gleichen beschämenden Menschenbildern wie er. 1954 benutzte Cutler Gefangene des berühmten Zuchthauses Sing Sing für Versuche mit Syphilis-Erregern. In den Jahren danach nahm er in leitender Funktion ohne jegliche Skrupel an einer Langzeit-Studie teil, die bereits 1932 begonnen wurde.

Im Großraum Tuskegee im Bundesstaat Alabama wurden 399 zumeist bettelarme und des Lesens und Schreibens unkundige afroamerikanische Tagelöhner in einer Studie erfasst und bis 1972 beobachtet. Sie hatten sich mit Syphilis infiziert, sie konnten sich keine medizinische Behandlung leisten, sie waren ungebildet und leichtgläubig. Die perfekten Opfer für gewissenlose Mediziner wie John Cutler und seine Förderer in den US-amerikanischen Behörden. Mit der „Tuskegee-Studie“ sollte der natürliche, also unbehandelte Verlauf der Krankheit beobachtet werden. Selbst als es wirksame Medikamente gegen die Krankheit gab, wurden die Patienten nicht behandelt und nicht informiert. Ihnen wurde erklärt, sie hätten „schlechtes Blut“ und sie wurden mit materiellen Leistungen gelockt, die für die bitterarmen Menschen ein Vermögen darstellten.

Als durch einen puren Zufall 1965 der PHS-Mitarbeiter Peter Buxtun auf diese Langzeitstudie aufmerksam wurde, deren Leiter John Cutler zwischenzeitlich geworden war, alarmierte Buxtun seine Vorgesetzten. Ergebnislos. Selbst eine Meldung bei der Seuchenschutzbehörde der USA beendete die Studie nicht. Unglaublich aber wahr, Buxtun erhielt auf seine wiederholten Schreiben von der US-Seuchenschutzbehörde CDC auch weiterhin die immer gleiche Antwort: die Studie werde solange fortgesetzt, bis der letzte Teilnehmer daran verstorben sei und man sehe keine moralischen Bedenken. Vollkommen desillusioniert, aber auch empört, informierte Buxtun 1972 eine Journalistin.

Ihr Artikel im „Washington Evening Star“ vom 25. Juli 1972 löste einen Skandal aus, der die gesamte USA erfasste und das „Tuskegee-Syphilis-Projekt“ endlich beendete. Zu diesem Zeitpunkt hatten nur 74 Menschen die Krankheit überlebt, im Regelfall mit fürchterlichen Entzündungen und Wucherungen im gesamten Körper, die jahrelang quälende Schmerzen und Lähmungen verursachen. Am Ende einer unbehandelten Syphilis erblinden viele Patienten und werden durch den Befall des Nervensystems sprichwörtlich wahnsinnig. Für die überlebenden Opfer der Menschenversuche und ihre Angehörigen konnte eine Millionenentschädigung und lebenslange medizinische Versorgung erstritten werden, aber die verantwortlichen Mediziner wurden nie strafrechtlich belangt, obwohl rassistische Überzeugungen und Motive in ihrem Handeln nachgewiesen werden konnten.

Auch der Reputation von John Cutler, dem Leiter der Tuskegee-Studie schadete seine jahrzehntelange Karriere als Arzt, der Menschen als Versuchskaninchen missbrauchte, in keiner Weise. Noch 1993 konnte er ungerührt in einer Dokumentation des Public Broadcasting Service (PBS), dem öffentlich rechtlichen Fernsehen in den USA, seine menschenverachtenden Experimente als „missverstanden“ verteidigen. Nach seinem Tod, 2003, initiierte die Universität Pittsburgh, an der Cutler eine Zeit lang Dekan der Fakultät für Öffentliche Gesundheit war, eine nach ihm benannte Vorlesungsreihe, die erst 2008 nach nicht enden wollenden Protesten eingestellt wurde.

Der Skandal um das „Guatemala-Experiment“ holt die schon „vergessenen“ Skandale wieder hervor

Doch es sollte noch weitere zwei Jahre dauern, bis die Wissenschaftlerin Susan Reverby jene Dokumente und Erkenntnisse veröffentlichte, die erneut den Namen Cutler in die Öffentlichkeit zurück brachten. Die dabei aber ebenso wieder das Licht auf jene mit ihm verbundenen Medizinskandale warfen, von denen die US-Regierung gehofft hatte, sie würden im Dunkel des Vergessens und Verschweigens verborgen bleiben, während man selbst rund um den Globus anderen Staaten Belehrungen in Menschenrechtsfragen erteilte.

Reverby hatte unmittelbar nach dem Tod von John Cutler die Dokumente zu seinen Guatemala-Experimenten im Archiv der Universität Pittsburgh zufällig entdeckt. Sie war eigentlich auf der Suche nach Unterlagen, die seine Mitarbeit am Tuskegee-Projekt betrafen, von der sie wusste. Die Auswertung der Unterlagen zu Cutlers Guatemala-Studie machte Reverby im Mai 2010 zum ersten Mal in einem Vortrag vor der Amerikanischen Vereinigung für Medizingeschichte öffentlich.

Erneut brach eine Lawine der Empörung los. Auch, weil viele US-Amerikaner das Gefühl hatten, von ihrer Regierung immer nur dann über Verbrechen informiert zu werden, die vom Staat entweder gedeckt oder gar initiiert wurden, wenn kein Leugnen und Lügen mehr hilft. Untersuchungsausschüsse in den USA und Guatemala befassten sich mit diesem neuerlichen Skandal, der eben keine wüste Verschwörungstheorie, sondern bittere Realitäten widerspiegelt.

Wenn sich US-Präsidenten entschuldigen…

Der Druck wurde so groß, dass der seinerzeitige US-Präsident Barack Obama sich beim Volk von Guatemala entschuldigen musste. Wie lästig diese diplomatische Pflicht für Obama als immer wieder kolportierter mächtigster Mann der Welt gewesen sein muss und was die Entschuldigung eines US-Präsidenten für eine so ungeheuerliche Menschenrechtsverletzung wert ist, demonstriert die Tatsache, dass die Entschuldigung nicht etwa öffentlich vorgenommen wurde, beispielsweise bei einem Staatsbesuch oder eine Rede im oder vor dem Weißen Haus. Nein, Obama übermittelte die Entschuldigung der Weltmacht USA für ein Menschenrechtsverbrechen in einem Telefonat mit seinem Amtskollegen Álvaro Colom. Wer die damalige dürre offizielle Meldung des Weißen Hauses, vor allem aber das offizielle Foto betrachtet, das während dieses Telefongespräches aufgenommen wurde, ahnt an der Körpersprache von Obama, wie wichtig ihm dieses Telefonat war.

Die unmittelbar folgende schriftliche Entschuldigung der damaligen Außenministerin Hillary Clinton rettete an diesem peinlichen Schauspiel auch nichts mehr. Sie schrieb zwar davon, dass das Volk von Guatemala ein „enger Freund und Nachbar“ sei, aber ein wichtiges Indiz dafür, dass die US-Regierung den Skandal möglichst schnell und möglichst geräuschlos wieder zu den Akten legen wollte, ist die Tatsache, dass sich die später vorgelegten Untersuchungsberichte der USA und Guatemalas in einem ganz wesentlichen Punkt grundlegend unterscheiden. Der im Oktober 2011 vorgelegte Bericht der guatemaltekischen Regierung betont ausdrücklich die Verantwortung der US-amerikanischen Regierung. Der Chef der Kommission, die diesen Untersuchungsbericht erstellte, der damalige Vizepräsident Guatemalas, Rafael Espada, kommt im Vorwort dieses Berichtes zu dem Schluss, dass eine Entschuldigung allein nicht ausreiche, sondern, dass den Betroffenen der Weg offenstehen müsse, eine Entschädigung zu erhalten.

US-Regierung verhindert Klagen gegen sich und schiebt anderen die Verantwortung zu

Genau das versuchten Überlebende und Angehörige toter Versuchsopfer unmittelbar nach der Vorlage des Untersuchungsberichtes. Sie verklagten die Staatsbehörden PHS und das Pan American Sanitary Bureau, das heute als Pan American Health Organization firmiert. Doch ein Bundesrichter wies die Entschädigungsklage 2012 mit dem Verweis auf das Prinzip der „sovereign immunity“ zurück. Diese Doktrin im US-Bundesrecht bedeutet vereinfacht gesagt, dass sich die USA von keinem anderen Staat verklagen lassen.

Also musste die Prozessstrategie geändert werden. Eine neue Klage wurde 2015 eingereicht. Diesmal gegen die Johns-Hopkins-Universität und die Rockefeller-Stiftung, wegen der Genehmigung der Finanzmittel für die Guatemala-Syphilis-Studie als Mitglieder der entsprechenden Kommission. Und gegen das Unternehmen Bristol-Myers Squibb, weil das Vorgängerunternehmen Bristol-Myers seinerzeit das benötigte Penicillin lieferte.

Die Reaktionen der Hopkins-Universität und der Rockefeller-Stiftung sind bezeichnend und lassen die Spekulation zu, dass die nun anstehende juristische Aufarbeitung der Menschenversuche von 1946-48 für die US-Regierung vielleicht nicht ganz so risikolos von statten gehen könnte, wie man sich das dort denkt. Denn die Anwälte von Hopkins und Rockefeller haben gegenüber dem Bundesgericht in Maryland und auch in öffentlichen Stellungnahmen sehr deutlich gemacht, dass für sie der eigentliche Verantwortliche die US-Regierung ist. Und da es um mindestens eine Milliarde US-Dollar geht, die von den Klägern als Entschädigung für ruinierte Gesundheit und ruinierte Lebensläufe gefordert wird, könnte es sein, dass die Anwälte der Johns-Hopkins-Universität und der Rockefeller-Stiftung vor Gericht die Samthandschuhe gegen die US-Regierung entweder ab- oder erst gar nicht anlegen.

Aber, wie bereits erwähnt, der größte Schaden, den die USA in diesem Fall sehen, ist keineswegs finanziell, sondern die Tatsache, dass im Zuge dieser Klage erneut das Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit auf lange geleugnete oder verharmloste Medizinskandale der USA fallen wird, die weit zurückliegen oder auch noch gar nicht so lange her sind, aber schon wieder in Vergessenheit gerieten. Und der Weltöffentlichkeit wird, sehr zum Ärger der US-Regierung, auch präsentiert, mit welchen schäbigen und menschenverachtenden Methoden die US-Regierung ihre Staatsinteressen rücksichtslos durchzusetzen bereit ist, während sie im gleichen Augenblick salbungsvolle Predigten an die Weltgemeinschaft hält zu angeblich überlegenen westlichen Werten von Moral und Menschenrechten, zu deren weltweite Durchsetzung ausgerechnet die USA berufen seien."

Quelle: Sputnik (Deutschland)

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