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Ukrainischer Veteran: Wer steckt hinter den Todesschwadronen in der Ukraine

Archivmeldung vom 27.06.2018

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 27.06.2018 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
«Azov» volunteers
«Azov» volunteers

Foto: Natuur12
Lizenz: CC BY 3.0
Die Originaldatei ist hier zu finden.

Der Gegenaufklärungsdienst des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU) bildet illegale Sondergruppen. Zu ihren Aufgaben gehören Morde und Einschüchterungen von Regimegegnern. Präsident Petro Poroschenko weiß von den „Todesschwadronen“. Dies berichtet der ukrainische Veteran, Sergej Sanowski, einem Korrespondenten von RIA Novosti.

Im Beitrag der auf der deutschen Webseite des russischen online Magazin "Sputunik" veröffentlicht wurde, heißt es: "Dem Militärinstrukteur und ehemaligen stellvertretenden Leiter eines Übungslagers des Regiments „Asow“ Sergej Sanowski wurde vorgeschlagen, die Leitung einer dieser Gruppen zu übernehmen. Nachdem er diesen Vorschlag abgelehnt hatte, wurde er vom SBU entführt und gefoltert und musste aus dem Land fliehen. Ein Korrespondent von RIA Novosti entdeckte Sanowski in Myanmar. Jetzt hat er politisches Asyl in Schweden beantragt.

„Einfacher Maidan-Held“

Sergej Sanowski ist ein Berufssoldat, das ist eine Familientradition. Vor 2014 diente er bei den Sicherheitseinheiten der Innentruppen als Kommandeur einer Aufklärungseinheit und als Scharfschützen-Instrukteur. Dann wurde er vom Militär entlassen. Er nahm an Maidan-Protesten teil. „Das war wie ein Atemzug frische Luft. Es schien, dass das Land tatsächlich verbessert werden kann“, sagt Sanowski.

Während der Maidan-Aktionen in Kiew versteckte Sanowski zusammen mit einem Kameraden neun Menschen in einem Flur vor Berkut-Kämpfern. Als er sie danach an einen sicheren Ort bringen wollte, wurde er von Berkut-Kämpfern  stark verprügelt – ihm wurden der Kiefer gebrochen und Zähne ausgeschlagen. Sanowski lag zwei Tage bewusstlos. Danach  wurde er mehrere Male operiert. In den ukrainischen Medien wurde er dann pathetisch als „einfacher Maidan-Held“ gerühmt.

Als er das Krankenhaus verließ, trat er in den Asow-Einheiten in den Dienst. Den Kern des Bataillons und später des Regimentes bildeten radikale Nationalisten und Neonazis. Sergej neigt kaum zur rechten Ideologie (er bezeichnet seine Ansichten als etwas zwischen Liberalismus und Sozialismus), dafür aber hatte er Kampferfahrung. Bei Asow leitete er zunächst eine Diversions- und Aufklärungsgruppe und wurde dann zum stellvertretenden Chef eines Übungsregiments.

„Ich habe dieses Lager beinahe von Null an aufgebaut. Das erste Programm für die Asow-Neulinge wurde auch von mir geschrieben“, sagte Sanowski.

Im November 2014 machte ein Offizier einer mechanisierten Brigade der ukrainischen Streitkräfte, die an der so genannten Antiterroroperation teilnahm, Sanowski mit Andrej Lissogor bekannt. Lissogor stellte sich als inoffizieller Stellvertreter und Vertrauter des Chefs der gesellschaftlichen Organisation „Offizierskorps“ von Wladimir Ruban vor, die sich mit dem Gefangenenaustausch befasste.

Sergej wurde empfohlen, sich gerade an Lissogor zu wenden, weil dieser unter der Schirmherrschaft der SBU-Führung arbeiten würde und viele Fragen lösen könne.

Lissogor führte auch Seminare und Trainings für Teilnehmer der „Antiterroroperation“, Kämpfer der Nationalgarde und Streitkräfte, Fahnder und Agenten der SBU durch. Diese Veranstaltungen waren sehr spezifisch. So gab es neben den Schießübungen und Messerkampf ausführliche Berichte darüber, wie man Menschen fesseln, foltern und würgen soll.

Sanowski und Lissogor hatten mehr oder weniger vertrauliche Beziehungen. „Ich nahm an seinen Trainings teil, führte auch selbst Schießübungen und Ausbildung für die taktische Vorbereitung für die Nationalgarde durch“, erzählt Sergej.

„Gewürgt und an Genitalien gefoltert“

Bei einem Treffen mit Lissogor erfährt Sergej, dass dieser Berater des Leiters des SBU-Gegenaufklärungsdienstes, des Generals Alexej Petrow, sei. Dieser General ist eine Kreatur von Präsident Petro Poroschenko, eine absolut nicht öffentliche Person, er erschien nur einmal im Fernsehen – im „Prjamoj Kanal“ berichtete er über die „Entlarvung eines russischen Agenten“. Das war angeblich der Assistent des Premiers Wladimir Groisman, Stanislaw Jeschew. Das Ministerium für Staatssicherheit der Volksrepublik Donezk bezeichnet inzwischen Petrow als Auftraggeber des Mordes an den Anführer n der Aufständischen Arsen Pawlow  (aka. Motorola) und Michail Tolstych (aka. Giwi).

Zu einem anderen Treffen  mit Sanowski kam Lissogor zusammen mit Alexander Poklad – Major einer Gegenaufklärungsabteilung.

Im Juni 2017 lud Lissogor Sanowski in ein Café in Kiew ein. Er berichtet, dass auf direkte Anordnung Petrows ein Netz illegaler Gruppen zur „Durchführung aktiver Veranstaltungen in der Ukraine“ gebildet worden sei, darunter „Beseitigung von Personen, die mit dem aktuellen politischen Kurs nicht einverstanden sind“.

„Er sagte, dass er meine Erfahrungen und die Spezifik der Erfüllung der Aufgaben durch die von mir geleitete Einheit sehr schätzt. Er hat mir vorgeschlagen, eine Kampfgruppe aus sechs bis acht Personen aus ehemaligen Mitkämpfern zu bilden“, sagte Sanowski. Dabei sollten „jegliche organisatorische und technische Fragen auf der höchsten staatlichen Ebene gelöst werden, doch offiziell sollte niemand von uns selbst als Agent registriert werden“.

Lissogor erzählte auch, dass zwei Aufsehen erregende Tode in der Ukraine das Ergebnis der von ihm vorbereiteten Gruppen gewesen sei. So sei der Rechtsanwalt und einer der Asow-Ideologen Jaroslaw Babitsch, der sich angeblich in seiner Wohnung im Juni 2015 erhängt hatte, tatsächlich aber ermordet. „Der eine würgte ihn und der andere drehte die Genitalien aus, damit Babitsch seinen Hals nicht schützen konnte. Das ist eine übliche Praxis“, sagte Sanowski.

Lissogor nannte die Namen der Vollzieher – der ehemalige Asow-Kämpfer Sergej Korowin (aka. Horst) und ein weiterer Asow-Kämpfer (Polubotok). Der Grund der Ermordung war der Konflikt zwischen Babitsch und dem Leiter des „Bürgerlichen Korps“ und ehemaligen Justizminister Roman Swaritsch.

Die Ehefrau von Babitsch glaubte sofort nicht an einen Selbstmord. „Ihr wurde gesagt: Falls sie nicht ruhig wird, wird Jaroslaw nach dem Tod befleckt. Beispielsweise könnte bei ihm Kinderpornografie entdeckt werden“, so Sanowski.

Der zweite getötete Mensch war der Oberst der Hauptverwaltung des Aufklärungsdienstes der ukrainischen Streitkräfte a.D., Wjatscheslaw Galwa. Er soll sich angeblich zufällig bei der Begutachtung von Munition im Herbst 2014 in die Luft gesprengt haben. Doch in Wirklichkeit sei die zufällige Explosion von einer illegalen SBU-Gruppe organisiert worden. Der Grund seien der Verzicht auf eine Kooperation und kritische Äußerungen gegenüber den Behörden gewesen.

Sergej glaubt, dass diese Gruppen hinter vielen Überfällen auf Politiker, Journalisten und Gesellschaftsaktivisten stehen. Manchmal wurden Menschen eingeschüchtert, und sie wandten sich selbst an die Polizei oder den Sicherheitsdienst SBU und baten um Schutz. Am Ende gerieten sie alle so oder so unter die Kontrolle der bewaffneten Strukturen. Lissogor sagte, dass es insgesamt mehrere Dutzende solche Aktionen gegeben habe. „Soweit ich verstehe, sollten diese Gruppen nicht nur politische Gegner einschüchtern und beseitigen, sondern auch diejenigen, die an ihnen Zweifel hatten und mit ihnen nicht zusammenwirken wollten. Außerdem kamen sie auch bei wirtschaftlichen Auseinandersetzungen zum Einsatz“, so Sanowski.

Dabei betonte Lissogor ständig, Petro Poroschenko hätte die Aktivitäten dieser Gruppen höchstpersönlich befürwortet, und Petrow wäre dem Staatschef unmittelbar – also unter Umgehung des SBU-Chefs – unterstellt worden.

Sergej lehnte nach eigenen Worten Lissogors „Angebot“ entschieden ab. „Man wollte mich zum Henker machen. Ich bin aber Soldat und kein Henker“, betonte er. Dann habe Lissogor verlangt, über ihr Gespräch niemandem zu erzählen, denn sonst „würde man mich bestenfalls im Treppenhaus eines Hochhauses erwürgen“.

Der Redaktion von RIA Novosti ist darüber hinaus auch bekannt, dass auch ein weiterer ukrainischer Militärinstrukteur ein ähnliches „Angebot“ erhalten hatte. Aktuell befindet er sich außerhalb der Ukraine. Dieses „Angebot“ wurde ihm von Irina Rubenschtejn, einer guten Bekannten und Mitarbeiterin Lissogors, unterbreitet, die formell Managerin bei der gesellschaftlichen Organisation „Ukrainische Gegenoffensive“ ist.

„Er sprang auf meine Wirbelsäule“

Zum Zeitpunkt des letzten Gesprächs mit Lissogor war Sanowski schon kein „Asow“-Mitglied mehr, trainierte aber andere Abteilungen der Nationalgarde und der Streitkräfte der Ukraine. Er wurde vom offiziellen Kurs der Regierung in Kiew endgültig enttäuscht. „Die Situation wurde von Jahr zu Jahr schlimmer, in den Gebieten, in denen die ‚Anti-Terror-Operation‘ erfogte, wimmelte es von Trinkern und Plünderern. Die Soldaten bekommen keine Versorgung, aber in Kiew stehlen die Politiker verschiedene Güter waggonweise“, so Sergej.

Er kam auf eine Idee: eine Protestaktion „gegen die Politik im Gebiet der Anti-Terror-Operation, gegen die Agrar- und Rentenreform“ organisieren, an der Veteranen der Anti-Terror-Operation teilnehmen würden. Er beantragte die Genehmigung der Stadtverwaltung, doch der Antrag wurde abgelehnt – und die Protestaktion konnte nicht stattfinden.

„Am 10. Juli 2017 wurde meine Haustür eingeschlagen – da wimmelte es von Männern in Uniform, die schrien, sie wären vom SBU“, erzählte Sanowski. „Dabei haben sie mir keinen Durchsuchungsbefehl gezeigt. Ich leistete keinen Widerstand, wurde aber verprügelt. Einer der Männer sprang praktisch auf meine Wirbelsäule“. Das alles passierte nach seinen Worten vor den Augen seiner schwangeren Frau, Tatjana.

Sergej wurde in das Haus des SBU  gebracht und von einem Untersuchungsrichter und dann auch von Beamten der Anti-Spionage-Verwaltung verhört.  „Man verlangte, dass ich absurde Dinge zugebe. Dass ich beispielsweise einen Staatsstreich und Attentate gegen den Präsidenten und verschiedene Minister geplant hätte. So ein Unsinn! Aber sie verlangten, dass ich diesen Unsinn zugebe, und nahmen das mit einer Kamera auf. Und die Hauptsache ist, dass sie verlangten, dass ich mit ihnen kooperiere“, sagte er.

Einer dieser Beamten war Alexander Poklad, den Sergej über Lissogor kennen gelernt hatte. Und gerade er habe ihn gefoltert – vor allem gewürgt. „Für jeden Menschen ist es schrecklich, ohne Sauerstoff zu bleiben. Bei uns werden Menschen üblicherweise gewürgt. Und das funktioniert“, so Sanowski. Dann habe man über seinen Kopf eine Gasmaske gezogen und diese mit Pfeffergas gefüllt. Außerdem sei er mit Elektroschocker gefoltert und auf die Wirbelsäule geschlagen worden. Nach zwölf Stunden Folter erklärte er sich bereit, die jeweiligen Papiere zu unterschreiben.

Den schlechten Ruf der Anti-Spionage-Abteilung und Alexander Poklads persönlich bestätigte auch der frühere SBU-Pressesprecher Stanislaw Retschinski. „Anstatt richtige Terroristen zu schnappen, führen Anti-Spionage-Beamte Menschen (…) in Wälder und erwürgen sie. Da gibt es einen gewissen Alexander Poklad alias ‚Würger‘, der für solche Taten bekannt ist“, so Retschinski.

„Sie glaubten, mich in die Hände bekommen zu haben, aber ich entschied mich für eine Gegenoffensive“, erzählte Sanowski weiter. Er ließ sich gleich in mehreren Polikliniken untersuchen, wo seine Verletzungen registriert wurden, und wandte sich an das Nationale Anti-Korruptionsbüro (NABU) mit einer Anzeige wegen seiner Entführung. Dort wollte man sich allerdings mit seinem Fall nicht befassen, und dann ging Sanowskis Rechtsanwalt Sergej Titorenko vor Gericht. Es wurde ein entsprechendes Ermittlungsverfahren eröffnet, das dann an das NABU und die Militärstaatsanwaltschaft weitergereicht wurde.

Während sich sein Anwalt mit dem Gericht und der Staatsanwaltschaft auseinandersetzte, beschloss Sanowski, quasi unterzutauchen. Er wechselte seine Telefonnummer, zog zunächst in Kiew um und verließ am Ende die Ukraine in Richtung Transnistrien und dann Moldawien. Dort lebte er mehrere Monate lang. Auch seine Frau zog dorthin.

„Eines Tages rief mich aber Poklad via WhatsApp an. Er sagte, dass er wüsste, wo ich mich befand, und dass er zu dem Zeitpunkt auch in Chisinau gewesen sei. Dass ich mit ihnen lieber kooperieren sollte, denn sonst würde es mir ‚sehr schlecht gehen‘. Möglicherweise war das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft sehr gefährlich für sie, und sie wollten, dass ich auf meine Aussagen verzichte. Ich stimmte einem Treffen zu – wir verabredeten uns für den nächsten Tag, für 12.00 Uhr. Vorsichtshalber nahm ich eine Videoansprache auf und zog mit meiner Frau nach Bulgarien“, erinnerte sich Sergej.

In Sofia bekam Sanowski eine Nachricht von seinem Rechtsanwalt Titorenko, dass er „sofort irgendwohin wegziehen sollte – am besten nach Asien“. Danach habe der Anwalt auf Sanowskis Anrufe nicht mehr geantwortet. „Seine Wohnung und die Wohnung seiner Mutter wurden durchsucht, und ich denke, er hatte einfach Angst“, vermutete Sergej.

Er entschied sich für den Umzug nach Myanmar, konnte aber Bulgarien auf einmal nicht verlassen: Am Flughafen wurden er und seine Frau festgenommen. Wie ein Polizeibeamter erklärte, hatte es „einen Interpol-Antrag“ gegeben. Weitere Fragen wollte der Polizist nicht beantworten. Dann erklärte Sanowski, er würde Asyl beantragen.

„Er hatte auf einmal runde Augen, und wir wurden sofort freigelassen und zum Flugzeug begleitet. Sie brauchten keinen Skandal. Vermutlich wurden wir auf eine informelle Vereinbarung mit dem SBU festgenommen. Sie würden mich festhalten und dann den Ukrainern überlassen. Aus Bulgarien wurden manche Menschen in Kofferräumen von Fahrzeugen in die Ukraine überführt“, so Sergej.

Als er in Myanmar weilte, versuchte er vergeblich, Kontakt mit seinem Anwalt aufzunehmen. Er wurde an der Wirbelsäule operiert, die während der „Verhöre“ beschädigt worden war. Sanowski wollte dort Asyl beantragen, aber bei der dortigen UN-Mission erläuterte man ihm, dass es in Myanmar einen solchen Begriff überhaupt nicht gebe.

Unlängst haben Sergej und seine Frau Asyl in Schweden beantragt und befinden sich unter Polizeischutz."

Quelle: Sputnik (Deutschland) / Andrej Wesselow unter Teilnahme von Alexej Sachnin und Jewgeni Belenjki

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