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Indiens Strategie im Nahen Osten: Ist die Sichtweise der USA irreführend?

Archivmeldung vom 17.07.2023

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 17.07.2023 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Sanjo Babić
Der indische Premierminister Narendra Modi am 25. Juni 2023, beim Besuch der Al-Hakim-Moschee in Kairo.
Der indische Premierminister Narendra Modi am 25. Juni 2023, beim Besuch der Al-Hakim-Moschee in Kairo.

Bild: Eigenes Werk /SB

Anders als Washington und Peking habe sich Neu-Delhi für eine "kooperative Diplomatie“ in der Region des Nahen Ostens entschieden. Zumindest argumentieren so indische Experten für Außenpolitik. Dies analysiert Joydeep Sen Gupta im Magazin "RT DE".

Weiter analysiert Gupta auf RT DE: "Während Indien sein Engagement im Nahen Osten intensiviert, die Beziehungen zu Ägypten angesichts des jüngsten Besuchs von Premierminister Narendra Modi in Kairo ausbaut und die Zusammenarbeit mit Israel und den arabischen Golfstaaten sowie der Türkei und dem Iran vertieft, wird die Strategie Indiens in Washington genau beobachtet, das traditionell ein dominierender Akteur in der Region ist.

RT sprach mit prominenten Experten für Außenpolitik und ehemaligen Diplomaten, um sich zum Engagement Indiens in der Region zu äußern.

In einem kürzlich in der amerikanischen Zeitschrift Foreign Policy erschienenen Artikel wurde Indiens Aufstieg zu einem "Hauptakteur" im Nahen Osten beschrieben. Der Kolumnist Steven A. Cook argumentierte, dass Indien einen Alleingang verfolge, was für die Länder in der Region ein gutes Zeichen sei und ihnen dabei helfe, die Vorteile des Multilateralismus zu nutzen.

Die USA stärkten ihren Einfluss im Nahen Osten durch die Entdeckung von Ölreserven in Saudi-Arabien ab Ende der 1930er-Jahre und wurden später zu einem wichtigen Waffenlieferanten für arabische Staaten. In jüngerer Zeit hat China begonnen, seinen diplomatischen Einfluss in der Region unter Beweis zu stellen, nachdem Präsident Xi Jinping im Jahr 2013 seine ehrgeizige Belt and Road Initiative (BRI) ins Leben rief. Auch Russland hat unter Präsident Wladimir Putin sein Interesse an der an Rohstoffen reichen Region bekräftigt. Obwohl Indien historische Verbindungen zum Nahen Osten pflegt – das vorzugsweise als Westasien bezeichnet wird, da es den Begriff Naher Osten für eurozentrisch hält – betrachtete Neu-Delhi die Region bisher lediglich aus einer wirtschaftlichen Perspektive heraus, in der diese lediglich als Zulieferer von fossilen Brennstoffen gesehen wurde.

Das habe sich laut Steven A. Cook, von der Zeitschrift Foreign Policy, nun geändert. Er verwies auf die wachsenden Beziehungen Indiens zu wichtigen Ländern in der Region, darunter Israel, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, und nannte Neu-Delhi als alternativen Partner vor dem Hintergrund der schwindenden geopolitischen Rolle der USA. "Die USA sind vielleicht nicht länger der unbestrittene "starke Mann" in der Region, aber solange Indien seine Präsenz im Nahen Osten ausbaut, können weder Russland noch China diese Rolle übernehmen", schrieb er. Er erinnerte sich an seinen Besuch in Indien vor einem Jahrzehnt und stellte fest, dass sich die globalen Ambitionen Neu-Delhis seitdem grundlegend verändert haben. "Während offizielle Vertreter der USA und geopolitische Analysten von jedem diplomatischen Schritt Pekings besessen sind und chinesische Investitionen im Nahen Osten mit Argwohn betrachten, übersieht Washington seit Jahren eine der interessantesten geopolitischen Entwicklungen in der Region: das Aufkommen Indiens als wichtiger Akteur in Nahen Osten", so die Einschätzung von Cook.

In einem seiner Argumente wies der US-Experte darauf hin, dass Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, die beide traditionell Indiens feindlichem Nachbarn Pakistan nahe stehen, ihre Beziehungen zu Neu-Delhi ausbauen wollen. Die Analyse von Cook basiert auf der Tatsache, dass Indien sowohl für Riad als auch für Abu Dhabi als einer der größten und in vielen Bereichen noch unerschlossenen Verbrauchermärkte der Welt zunehmend von Interesse wird. Auch versuchen diese beiden größten regionalen Volkswirtschaften Westasiens, den islamistischen Extremismus auszumerzen, der ihren Ruf auf der Weltbühne beeinträchtigt.

Cook erkannte die "komplizierte" Natur der indisch-israelischen Beziehungen an und stellte fest, dass Neu-Delhi die Palästinenser weiterhin standhaft unterstützt und freundschaftliche Beziehungen zum Iran unterhält, der stets eine wichtige Quelle für Erdöl war, während die indischen Eliten dazu neigen, Israel durch das Prisma der eigenen Erfahrungen mit dem Kolonialismus zu betrachten. Der Kolumnist hob zudem die unterschiedlichen Ansichten Indiens zu den USA und Israel hinsichtlich seiner Außenpolitik gegenüber dem Iran hervor und betonte, dass Washington Indiens unabhängiges Engagement anerkennen müsse. Letztlich sei es zwar unwahrscheinlich, dass Indien sich vollständig den USA anschließe, es sei aber auch unwahrscheinlich, dass es die Interessen Washingtons untergrabe, wie dies in Bezug auf Peking und Moskau der Fall sei.

Wie sehen es indische Außenpolitikexperten?

Einige indische Experten in diesem Gebiet und ehemalige Diplomaten sind überzeugt, dass die Analyse von Cook weitgehend auf Wahrnehmungen und nicht auf harten Fakten basiert. Kanwal Sibal, ein ehemaliger indischer Außenminister und Kolumnist für RT, ist anderer Meinung. Er befürwortet eher Indiens kooperative Diplomatie als einen Alleingang im Nahen Osten. Indien baue multilaterale Brücken in Richtung Westen durch zwei neue quadrilaterale Sicherheitsdialoge, die in der Region entstehen. Eine davon ist die I2U2-Gruppierung, bestehend aus Indien, Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten und die andere bestehend aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, den USA und Indien.

Sibal erläuterte, wie ein solcher Ansatz Neu-Delhi zugutekommt, und erklärte, dass er der indischen Politik in Westasien eine größere geopolitische und wirtschaftliche Tiefe und Breite verleiht. Dies gehe über Indiens starke bilateralen Beziehungen zu den Ländern in der Region hinaus, die Teil der erweiterten Nachbarschaft Indiens sei, in der Neu-Delhi große Interessen beim Handel, bei der Energiesicherheit, den Finanzen und bei den humanen Ressourcen habe, sagte er.

"Bezeichnenderweise fungiert Indien als Puffer zwischen Ländern, die historisch miteinander verfeindet sind – sprich Israel, Saudi-Arabien und Iran, mit anderen arabischen Staaten in der Region. Viele Golfstaaten haben große Pläne zur wirtschaftlichen Wiederbelebung und Modernisierung, wobei Indien eine Schlüsselrolle spielen kann", fügte Sibal hinzu.

Talmiz Ahmad, ein erfahrener Diplomat, der als Botschafter Indiens in drei Staaten des Golf-Kooperationsrats diente – in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Oman und insgesamt 25 Jahre lang in dieser Region tätig war – argumentierte, dass Indiens Ansatz auf zwei Prinzipien basiere: bilateral und transaktional. "Daraus ergibt sich, dass die Beziehungen zu jedem Land getrennt von den Beziehungen zu anderen Ländern in der Region betrachtet werden. Die Beziehungen basieren auf gegenseitigen Vorteilen bei der Energiesicherheit, beim Angebot von Arbeitskräften und bei wirtschaftlichen Erwägungen wie beim Handel und bei Investitionen. Über 8,5 Millionen Inder arbeiten in der Region Westasien, deren jährliche Geldüberweisungen in Höhe von 35 Milliarden US-Dollar dazu beitragen, dass die indischen Währungsreserven ihr kritisches Niveau halten können", sagte er.

Ahmad behauptete zudem, dass die Beziehungen Indiens zum Nahen Osten, im Gegensatz zu China, keine strategische Bedeutung hätten. Dem ehemaligen Botschafter zufolge baut China seine Rolle in der Region schrittweise aus. Ab Anfang der 1990er-Jahre entwickelte sich die Region zu einer wichtigen Energiequelle für Peking, was zu einer deutlichen Ausweitung der Handelsbeziehungen führte. China begann außerdem seit den 2000er-Jahren mit der Umsetzung mehrerer hochwertiger Projekte in der gesamten Golfregion, deren Wert auf über 100 Milliarden US-Dollar geschätzt wird und weitete sein BRI-Projekt in jüngster Zeit, auch auf andere Länder der Region aus, als nur auf den Iran, wie es zuvor geplant war.

Ab 2020 begann China im Nahen Osten den Weg der "Vermittlungsdiplomatie" zu beschreiten, um das Engagement zwischen jenen Staaten zu fördern, die miteinander verfeindet sind. Während des Besuchs von Präsident Xi Jinping in Riad im Dezember 2022, wandte sich der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman an ihn mit der Bitte, einen saudisch-iranischen Dialog zu unterstützen, was später im Pekinger Abkommen mündete, bei dem die beiden Nationen vereinbarten, die diplomatischen Beziehungen wiederherzustellen und die Beziehungen in allen Bereichen zu vertiefen. Laut Ahmad deutet dies darauf hin, dass China seine Strategie geändert und sich neu als Akteur in der Nahostpolitik aufgestellt hat, während Indien seinerseits nie ein Interesse gezeigt habe, eine solche Rolle einzunehmen, 

C. Raja Mohan, vom in Neu-Delhi ansässigen Institut für asiatische Gesellschaftspolitik, wies darauf hin, dass es einige Zeit dauern wird, bis sich Indien zu einer bedeutenden globalen Macht entwickeln kann. Was den Nahen Osten betrifft, so müsse Indien "ein möglichst breites Netzwerk an Partnerschaften aufbauen und sich auf den Umgang mit dem wachsenden chinesischen Einfluss im Nahen Osten konzentrieren". Er verwies auch auf den Pragmatismus Indiens, mit dem Neu-Delhi mit konkurrierenden Staaten interagiere, so wie es derzeit alle Großmächte tun würden. "Alle engagieren alle und bewältigen damit die zahlreichen Widersprüche im Nahen Osten, und ich denke, unter Premierminister Modi lernen wir, dies auf praktische Weise zu tun", fügte Mohan hinzu.

Joydeep Sen Gupta ist Asien-Redakteur bei RT. "

Quelle: RT DE

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