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Alarmruf für die Kinder in Afghanistan

Archivmeldung vom 25.10.2007

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 25.10.2007 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt

Permanente Unsicherheit und Gewalt gefährden nach Einschätzung von UNICEF Fortschritte für Kinder in Afghanistan. In einem aktuellen UNICEF-Report schreibt der ehemalige BBC-Korrespondent Martin Bell: „Ich habe einen dramatischen Anstieg an Unsicherheit erlebt. Immer mehr Kinder werden getötet und immer mehr Schulen müssen geschlossen bleiben. Insbesondere im Süden leben viele Familien im Kreuzfeuer, außer Reichweite für humanitäre Hilfe.“

Im Sommer hatte Bell, der auch als unabhängiger Abgeordneter im britischen Parlament sitzt, für UNICEF in Afghanistan recherchiert und Hilfsprojekte besucht.

UNICEF ruft erneut zu Spenden für die Kinder in Afghanistan auf. Gleichzeitig appelliert der Bericht aber auch an die Afghanen, selbst Verantwortung für den Wiederaufbau und für die Sicherheit zu übernehmen. Hilfsorganisationen haben gegenwärtig lediglich zu 40 Prozent des Landes sicheren Zugang. Allein in 2007 gab es 44 Überfälle auf Schulen. Wegen des zerfallenen und unterfinanzierten Gesundheitssystems hat Afghanistan bis heute die dritthöchste Kindersterblichkeit der Welt. Jeden Tag sterben dort 900 Kleinkinder zumeist an vermeidbaren oder behandelbaren Krankheiten.

Kinder - Opfer der Gewalt

Kinder in Afghanistan werden sowohl zufällig als auch gezielt Opfer der Gewalt. So weist Bell darauf in, dass bei Selbstmordanschlägen auf die Koalitionstruppen oder durch Sprengfallen immer wieder viele Kinder getötet oder schwer verletzt werden. Der UNICEF-Bericht zählt zahlreiche schwere Anschläge zwischen August 2006 und Juni 2007 auf. Am 15.Juni 2007 starben zum Beispiel in dem Ort Tirin Kot in der Provinz Urzugan zwölf Kinder, als ein Selbstmordattentäter einen Militärkonvoi in der Nähe einer Schule rammte. Weiter ist die Gefahr durch Landminen aus dem jahrzehntelangen Bürgerkrieg für Kinder enorm groß.

Zivilisten, darunter viele Kinder, geraten immer häufiger zwischen die Fronten, wenn die von der Nato geführten Sicherheitstruppen gegen Aufständische vorgehen. Während Taliban-Kämpfer Zivilisten als menschliche Schutzschilde einsetzen, führen auch Luftangriffe der Koalitionstruppen zu hohen Opfern unter der Bevölkerung. Bei zweitätigen Kämpfen in der Provinz Helmand im Juni 2007 hatten beide kämpfenden Parteien kaum Opfer zu beklagen. Aber 27 Zivilisten, darunter 17 Kinder, kamen ums Leben.

Besonders schockierend sind Berichte, dass Extremisten Kinder und Jugendliche zu Selbstmordanschlägen angestiftet haben sollen. Ein sechsjähriger Junge aus der Provinz Ghazni berichtete, dass er dazu aufgefordert wurde, eine Sprengstoffweste zu tragen. Diese würde Blumen verstreuen, wenn er den Auslöser drücken würde. Einem 15-Jährigen aus der Stadt Gardez wurde versprochen, dass er ins Paradies käme, wenn er einen Fremden töten würde.

Angriffe auf Schulen

Während dies extreme Einzeltaten sind, kommt es fast wöchentlich zu Attacken auf Schulen. Seit 2004 wurden über 440 Angriffe registriert, davon 44 allein in diesem Jahr. Vor allem Mädchenschulen und sogar einzelne Schülerinnen werden angegriffen. Zwischen 2002 und 2006 waren nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg in Afghanistan mit massiver Hilfe von UNICEF fast fünf Millionen Kinder in die Schule gebracht worden. Aus Angst vor Überfällen behalten jetzt wieder viele Eltern ihre Kinder zu Hause. Ein Vater drückte dies so aus: „Es ist besser für meine Kinder, wenn sie leben, auch wenn sie dann Analphabeten sein müssen.“ UNICEF schätzt, dass gegenwärtig zwei Millionen Kinder in Afghanistan nicht zur Schule gehen; 1,3 Millionen davon sind Mädchen.

Schlechte Gesundheitsversorgung

Seit 2002 hat es zwar mit internationaler Hilfe deutliche Fortschritte beim Impfschutz und Kampf gegen Infektionskrankheiten gegeben. Aber medizinische Hilfe gibt es außerhalb der größeren Städte kaum. Gesundheitszentren auf dem Land sind schlecht ausgestattet und oft ohne ausgebildetes Personal. Familien müssen tagelange Fußmärsche auf sich nehmen, um Hilfe zu bekommen. Im Winter sind ganze Landstriche durch Schnee von einer Gesundheitsversorgung abgeschnitten. Die Auswirkungen sind dramatisch: Jeden Tag sterben in Afghanistan 900 Kinder unter fünf Jahren und 60 Frauen sterben an Komplikationen während der Schwangerschaft oder der Geburt.

UNICEF-Hilfe geht weiter

Trotz der angespannten Sicherheitslage unterstützt UNICEF in Afghanistan in den meisten Landesteilen die soziale und medizinische Grundversorgung der Kinder.

· Mit Hilfe von UNICEF wurden im Süden und Westen des Landes fast 400.000 Kinder gegen Masern und Tetanus geimpft. Auch die erneute Ausbreitung der Kinderlähmung konnte durch große Impfkampagnen vorerst gestoppt werden.

· UNICEF stellte auch Medikamente und technisches Gerät für 140.000 Menschen in ländlichen Gebieten sowie Zusatznahrung für 220.000 Kinder bereit.

· Im Süden wurden in diesem Jahr bisher 343 Verteilstationen für Trinkwasser eingerichtet.

· UNICEF stellte auch 130 große Zeltschulen sowie Sitzmatten und Lernmaterial für Kinder bereit, deren Schulen bei Überfällen oder durch Naturkatastrophen zerstört wurden. Landesweit arbeitet UNICEF zusammen mit Nichtregierungsorganisationen am Bau von 247 Schulen und unterstützt die Ausbildung von Lehrern.

· 40.000 Familien erhielten Kochgeschirr, Zeltplanen, Hygieneartikel, warme Kleidung und Wasserkanister, weil sie als Flüchtlinge oder nach Naturkatastrophen ihre Habe verloren hatten. In Ausbildungszentren unterstützt UNICEF die Wiedereingliederung minderjähriger Kämpfer, zum Beispiel in Kandahar.

Quelle: Pressemitteilung UNICEF

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